1.5 Alles, was von einem Beobachter (zu sich selbst oder einem anderen Beobachter) gesagt wird, setzt das Verstehen von Sprache voraus, was dazu führt, dass im Folgenden zwangsläufig Worte verwendet werden müssen, deren Verstehen voraus gesetzt wird, obwohl sie (noch) nicht definiert sind: ein Problem, das hier wie beim natürlichen Spracherwerb dadurch gelöst wird, dass die Bedeutungen der Worte sich zunächst allein durch ihren Gebrauch erschließen, aber, wenn ihr hier vorgeschlagener Gebrauch von der Umgangssprache abweicht, sie im Laufe des Textes explizit definiert werden.

Das ist ein Dilemma, dem man nicht entgeht, wenn man z.B. versucht, die kognitive Entwicklung eines neugeborenen Menschen zu rekonstruieren (oder jedes anderen kognitiven Systems): Man kommt nicht umhin eine bereits etablierte Sprache, ein Zeichen- oder Symbolsystem, zu gebrauchen, das bereits strukturiert ist. Man ist daher an dessen implizite Strukturen – d.h. die Eigenschaften des Mediums, das man zur Kommunikation benutzt – gebunden. Die einzige Möglichkeit mit diesem Problem umzugehen, dürfte darin bestehen, es sich bewußt zu machen und die zunächst stillschweigend übernommenen Vorannahmen (z.B. der Grammatik der jeweiligen Sprache) im Laufe der Argumantation nachträglich zu hinterfragen.

 




40 Gedanken zu “1.5 Alles, was von einem Beobachter (zu sich selbst oder einem anderen Beobachter) gesagt wird, setzt das Verstehen von Sprache voraus, was dazu führt, dass im Folgenden zwangsläufig Worte verwendet werden müssen, deren Verstehen voraus gesetzt wird, obwohl sie (noch) nicht definiert sind: ein Problem, das hier wie beim natürlichen Spracherwerb dadurch gelöst wird, dass die Bedeutungen der Worte sich zunächst allein durch ihren Gebrauch erschließen, aber, wenn ihr hier vorgeschlagener Gebrauch von der Umgangssprache abweicht, sie im Laufe des Textes explizit definiert werden.”

  1. Ja, das ist ein echtes Dilemma.
    … what a mess …
    un nu?

    Versuchen Sie einmal zu verstehen, was sich ein Neugeborenes bis hin zum Toddler so alles dabei gedacht hat, den Spinat an die Tapete zu werfen, sich selbst den Kopf mit Zinkpaste zu „waschen“ oder auch, den Teppichboden mit Wachsmalstiften etwas aufzuhübschen …

    Wenn ich mir die Fotos von meiner Großnichte so anschaue, die heute auf den Tag genau 1 Jahr und 22 Tage alt werden wird („werden wird“ deshalb, weil sie in Kalifornien immer 9 Std. zurück sind, gemessen an unserer Zeitrechnung), dann erinnere ich mich, was die Vettern und Basen, so alles veranstaltet haben, in der Zeit vom Neugeborenen über Toddler, im Kindergarten, Schule etc. pp. und weiter, im Zweifel bis dato …

    Sinn für jede Menge Blödsinn, der einfach nur Spaß macht, haben sie alle nie verloren.
    Sie kennen aber auch die Schmerz-Grenzen in extenso, wo ein Spaß definitiv aufhört …
    Ganz einfach, weil er muß …

    … und das ist auch gut so

  2. PS: wenn man sich exakt auf dieser Ebene nun das hier einmal anschaut,
    https://de.wikipedia.org/wiki/Catch-22_(Dilemma)

    https://www.youtube.com/watch?v=MJYFcBbqYY4
    fragt man sich schon, wo liegt denn nun eigentlich das Problem
    z.B. mit dem Spinat an der Tapete
    … ein Tapetenwechsel z.B. könnte doch die allerbeste und schönste Variante sein,
    denkt sie, denkt er …

    … was aber ist, wenn das mit dem Tapetenbesch(m)eißen nicht aufhört?
    und so langsam aber sicher ins Geld läuft?
    Oh Gott, bitte nicht,
    schon wieder …
    das nächste Dilemma

    Gäbe es da vielleicht nicht eine Tapetentür, die man auch -je nach Gusto- beliebig auffalten und erweitern könnte, bis man u. U. ganz im Freien sitzt, steht?
    Aber wozu bräuchte man dann überhaupt noch ein Haus?
    Wenn es z.B. eine Wandelhalle genauso gut täte?
    Oder ein Kreuzgang

    … ich glaube ich zieh mich mal etwas zurück,
    Zu Diogenes, in die Tonne,
    … am Ende vom Kreuzgang
    bis die Zeiger wieder strack stehen.
    und die Zeit reif ist ,
    fürs Julius- und/oder Bürgerspital

  3. Lt. Maturana ist Sprache ein Verhalten, ein Zeigen.
    Wir benutzen unsere Worte um auf etwas hinzuweisen, das wir in einem nicht sprachlichen Phänomembereich beobachtet haben, wir benennen ein Phänomen.

    Diese Benennung kann nur 1:1 funktionieren wenn die Beobachtung des zu zeigenden Phänomens bei den beteiligten Beobachtern identisch ist.

    Eine identische Beobachtung setzt bezüglich dieser Beobachtung identische Beobachter voraus, identische Unterscheidung/ Bezeichnung.

    In der Wissenschaft fordern wir das, damit ist wohl strenges Denken gemeint.

    Beobachter, die nicht in dieser strengen, definierten Form beobachten, nicht im wissenschaftlichen wohldefinierten Unterscheidungs- und Bezeichnungsmodus beobachten, kreieren abweichende Beobachtungen.
    Nutzen sie das gleiche Wort um auf ihre differente„lockere“ Beobachtung hinzuweisen entsteht das was wir Missverständnisse nennen, oder als semantische Breite unserer Alltagssprache bezeichnen können.

  4. @4
    wenn die Worte nicht auf die Goldwaage gelegt werden..
    wenn die Beziehung eine friedliche Semantik nahelegt

    oder auch nicht ..

    wenn ein Machtkampf entbrennt um die „richtige“ Definition dessen was gesagt wurde ..

  5. Alles, was von einem Beobachter (zu sich selbst oder einem anderen Beobachter) gesagt wird, setzt nicht bloß das Verstehen von Sprache voraus, sondern auch das Verstehen des beobachteten Phänomens, über das er sich oder anderen etwas mitteilen möchte. Dadurch beginnen alle Verständigungsprobleme.
    Nehmen wir den Elfmeter für Bayern: Der Schiri hat eine Situation beobachtet, die er mit der roten Karte kommunizieren und kommentieren zu müssen glaubt. Diese Sprache verstehen alle Beteiligten, doch sie teilen nicht die damit ausgedrückten Ansichten.
    Somit hängt das Verständnis der Bedeutungen von Sprache bzw. Gesagtem nicht allein von der formalen Beherrschung der Sprache, sondern auch vom inhaltlichen Verständnis des sozialen Kontexts ab.

  6. Da haben Sie (fast wollte ich sagen „ausnahmsweise“, habe es mir dann aber verkniffen) etwas Kluges geschrieben, Herr Michael S., finde ich! Ich meine das ganz frei von jedem Sarkasmus. Sie können mich ja nicht sehen, also nicht beurteilen, ob ich dabei grinse oder nicht. Aber ich meine es wirklich – ausnahmsweise – ernst.

  7. Fritz: Etwas zu Deiner Blogstruktur. Ich finde die langen, blauen Girlanden aus Text am rechten Rand nicht sonderlich ästhetisch. Kann man das nicht irgendwie anders gestalten? Zum Beispiel nur die Nummer, ohne Text.

    Z. B. werner bei 1.5

  8. Auch die Interaktion der Beteiligten ist kommunikationstheoretisch aufschlussreich. Der Bremer Theodor Gebre Selassie berührte den Münchner Kingsley Coman minimal am Oberkörper. Dieses Zeichen verstand Coman als goldene Gelegenheit für eine aus seiner Sicht angemessene Antwort: Er warf sich mehr hin, als dass er gestoßen oder getreten wurde. Man sah das an der fliegenden Bewegung seiner parallel gehaltenen Beine.
    Die Kommunikationsintentionen der sprechenden Beobachter und sich gegenseitig beobachtenden Sprecher macht also einen Teil ihres Verständigungsprozesses aus und beeinflusst dessen Verlauf und Ergebnis.

  9. Bateson nennt das wohl die Beziehungsebene der Kommunikation.
    Man könnte es auch den Beziehungs-Kontext nennen.

    Auch GSB äußert sich ja zu den kontextabhängigen Bedeutungen von Worten.
    Er nennt die englische Sprache irisierend im Gegensatz zur deutschen Sprache, die, aus seiner Sicht, mehr verschiedene Worte hat/benötigt, um einen Sachverhalt auszudrücken, der sich im Englischen aus dem Kontext erschließt, in dem das Wort benutzt wird.
    (Laws of Form – Einleitung deutsche Ausgabe)
    „honey“ ist wohl so ein irisierendes Wort.

    Und den Begriff „irisierend“ finde ich sehr schön;
    prismatisch aufgefächert, wie das weiße Licht im bunten Regenbogen, ändert sich die Bedeutung eines Wortes im Kontext der Beziehung von gelb über rot bis hin zu violett, und weiter gedacht in den nicht sichtbaren, daher nicht vorstellbaren infraroten oder ultravioletten Bereich.

  10. Und die Farbe „als solche“ ändert sich, je nach Kontext. Sie wird vom Beobachter kontextabhängig anders wahrgenommen/konzeptualisiert (unabhängig von der Wellenlänge des Lichts (!!) – aber abhängig vom Kontext) – auch der Kontext ist ein gesetztes Konzept, das der Beobachter im Hier und Jetzt generiert = unterscheidet und bezeichnet. Es sind tatsächlich Welten ohne „Grund“, die wir erzeugen – so wie es auch physiologisch keinen statischen „Grund“ für „Bewusstseinsinhalte“ gibt, vielmehr ein ständiges, dynamisches, „in sich“ leeres Laden und Entladen …

  11. @11: Das Wort „irisierend“ wird metaphorisch verwendet, um sich ändernde, fluktuierende, instabile Eigenschaften von Dingen auszudrücken, beispielsweise: „irisierend-schwebende Musik“, „irisierende Persönlichkeit“, „irisierende Sprache“. Diese Flüchtigkeit bestimmter Phänomene hängt mit Interferenzen bei Schall-, Licht-, Materiewellen zusammen, die auf Änderungen der Amplitude bei der Überlagerung von zwei oder mehr Wellen nach dem Superpositionsprinzip beruhen, also der vorzeichenrichtigen Addition ihrer Auslenkungen (nicht ihrer Intensitäten) während ihrer Durchdringung.

  12. @9
    stimme ich zu
    dann könnten wir mehr Sätze, Nummern/ Zahlen, gleichzeitig sehen zu denen es einen zeitnahen Kommentar gibt

    und den Inhalt der Sätze mit ihren Nummern/Zahlen lernen wir nach und nach wenn wir hier unterwegs sind ..

  13. @ 14
    Auslenkung = Amplitude
    Die Amplitude beschreibt die maximale Auslenkung der Schwingungen der Welle, also dort wo der Wellenberg am höchsten ist.
    Bei Lichtwellen ist die Amplitude nicht immer direkt messbar; von ihr abhängig ist jedoch die Intensität (Helligkeit), welche gemessen werden kann.

    Intensität = das Quadrat der Amplitude
    Die Intensität ist proportional Amplitudenquadrat und eine zeitliche Mittelung über die Amplitude.

  14. @ 14
    danke !

    Dieses „Irisieren“ von Licht wird benutzt für Augenlinsen, im Auge als Intraocularlinse, oder auf dem Auge als Contactlinse, um scharfe Abbildungen von Objekten in unterschiedlicher Entfernung vom Auge gleichzeitig scharf abbilden und damit auch scharf sehen zu können. Unser Gehirn sucht sich dann das Bild aus, das gesehen werden soll/will.
    In der Jugend wird dieser Job von der elastischen Augenlinse im Augeninnern erledigt, die sich je nach Fokusierung, Nähe und Ferne, mehr oder weniger kugelt.

    Diese Linsen ermöglichen tatsächlich Ferne und Nähe scharf zu sehen ohne eine Lesebrille, jedoch es„ irisieren“ die Abbildungen. Unscharfe Konturen, wenig Kontrast, bei Nacht Halos um Lichter. Die Qualität dieser multifokalen Abbildungen wird mit Erhöhung der Lichtintensität deutlich besser und weniger ermüdend, mit LED Lichtquelle oder am Strand in der Nähe des Äquators.

    Bei mäßiger Beleuchtung ist die Ermüdung erheblich.
    Um an das Irisieren von Worten anzuschließen, auch hier ist es sehr ermüdend wenn der Kontext „sumpfig“ ist…

  15. @ 18:
    Sumpfig und feucht gefällt mir im gegebenen Kontext besser als flach und trocken (obwohl die intellektuelle Fortbewegung darin ermüdender ist) – sind es doch gerade die saftigen Anspielungen und glitschigen Mehrdeutigkeiten, die dem Ganzen ein gewisses Prickeln verleihen und damit für belebende Erfrischung sorgen.

  16. War das Thomas Mann im Zauberberg, der vom Flachland sprach, als einem Ort zu dem die Erkrankten nach Abschluss der Behandlung wieder hinab gestiegen sind.

    Diese räumlichen Metaphern überraschen mich sehr seitdem ich darauf achte.
    Wie oft wir unsere Realität räumlich metaphorisch beschreiben, erleben.

    Weit davon entfernt GSB Laws of Form wirklich zu verstehen, so gibt es doch Bemerkungen, hier eine Fußnote zu „flach“, an die ich jetzt denke:

    “ To explain, wörtlich auf einem Plan, einer Ebene ausbreiten, wo Partikuläres sofort gesehen werden kann. Somit platzieren oder planen in flachem Land, wobei weitere Dimensionen der Erscheinung willen geopfert werden. Somit darlegen um den Preis, die Realität oder den Reichtum des so Dargelegten zu ignorieren. Somit einen Blickpunkt beziehen, der entfernt ist von dessen primärer Realitätoder Royalität, oder Erkenntnis gewinnen und das Königreich verlieren.
    (LOF Appendix 2)

  17. @ 18 werner

    Danke!

    Das erklärt mir natürlich auch einiges, im Zusammenhang mit Aura-Phänomenen, die ohne Vorwarnung, äußerst diskret und soz. „out of the blue“ auftauchen können …

    „Die Qualität dieser multifokalen Abbildungen wird mit Erhöhung der Lichtintensität deutlich besser und weniger ermüdend, mit LED Lichtquelle oder am Strand in der Nähe des Äquators.“

    … vor allem dann, wenn sich derart auf möglichst geringradige Ermüdung ausgerichteten Lichtquellen -auf Dauer angelegt- langfristig dann doch als äußerst erschöpfend erweisen können.

    Auch der beste Beobachter und das beste Auge braucht in Regelhaftigkeit seine Ruhe …
    das Auge bzw. die Augen zu schließen, den Schatten aufzusuchen,
    im Zweifel mit Augenklappe zu arbeiten erweist sich schon so manches Mal
    als ein Segen gegen Überanstrengung und Überblendung …

  18. @20 … sofern Sie auf die Kulinarik von Thomas Mann ansprechen,
    meinen Sie vielleicht seine „Geträumten Mahlzeiten“ –
    … und darin enthalten u.a. auch quasi ein geträumtes
    „Heinrich, mir graut vor Dir“ …
    😉

    „Zum Zeichen der Versöhnung mit dem Bruder Heinrich -seinem ewigen Gegenspieler und Gegenstand seines großen seelischen Schmerzes -wird ein mit der Kindheit und dem Naschen verbundenes, erträumtes Erlebnis.

    „Mir träumte“, schrieb er in sein Tagebuch am 30. September 1918, „ich sei in bester Freundschaft mit Heinrich zusammen und ließe ihn aus Gutmütigkeit eine ganze Anzahl Kuch, kleine à la creme und zwei Bäcker-Tortenstücke, allein afesssen, indem ich auf meinen Anteil verzichtete.“ *

    Allein schon an der Eigenart dieser sich im Traum vollziehenden Versöhnungsszene der zu der Zeit auf dem Höhepunkt ihres geistigen Zwistes befindlichen Dichter-Brüder spürt man, welche Bedeutung assoziative Reisen durch die Welt der Gaumenfreuden für Thomas Mann hatten.“

    * zit. nach
    (bzw enthalten in)

    Alexej Baskakov
    „Speisen mit Thomas Mann“
    in Zus.arbeit mit Harvey Dräger
    ISBN 3-025-462-98-5

  19. @12 Perfekt!
    … auch hervorragend formuliert,
    und dies nicht nur als Idee,
    die weiterzuverfolgen (und auch weiterhin umzusetzen) sich einfach lohnt, Andrea

    Ich sach nur,
    … lohnt sich im Zweifel die Mühe,
    auch für eine Tütensuppen-Mahlzeit zu arbeiten?
    z.B IM
    … emergency room?

  20. @ 12 nochmals … perfekt, Andrea

    “ … – auch der Kontext ist ein gesetztes Konzept, das der Beobachter im Hier und Jetzt generiert = unterscheidet und bezeichnet. Es sind tatsächlich Welten ohne „Grund“, die wir erzeugen – so wie es auch physiologisch keinen statischen „Grund“ für „Bewusstseinsinhalte“ gibt, vielmehr ein ständiges, dynamisches, „in sich“ leeres Laden und Entladen … “

    … wunderschön,
    besser ging’s und geht’s auch in Zukunft einfach nicht …

    https://www.youtube.com/watch?v=d29AI3HJqvQ

    … und wieso auch sollte es das auch?
    🙂

  21. @ 20 Im „Zauberberg“ enthüllt Thomas Mann literarisch die tiefen Unterschiede zwischen Mann und Frau, Rationalität und Emotionalität: »Eine Tür war zugefallen« – das ist das erste, was Hans Castorp nach seiner Ankunft auf dem »Berghof« von ihr wahrnimmt. »Es war eine Dame, die da durch den Saal ging, eine Frau, ein junges Mädchen wohl eher, nur mittelgroß, in weißem Sweater und farbigem Rock, mit rötlich-blondem Haar, das sie einfach in Zöpfen um den Kopf gelegt trug.« »Das ist Madame Chauchat«, erklärt seine Nachbarin, Fräulein Engelhart. »Sie ist so lässig. Eine entzückende Frau.« Hans Castorp beobachtet immer wieder ihr Gesicht in seiner vertrauten Bildung, »die ihm zusagte wie nichts in der Welt« – wie das von Pribislaw Hippe, seinem polnischen Mitschüler. Madame Chauchat kommt von jenseits des Kaukasus. Settembrini, der Aufklärer, spricht von ihrer »tatarischen Physiognomie« und ihren »Steppenwolfslichtern«. Ihr Gang ist ein »liebliches Schleichen«. Settembrini warnt Hans vor dem »Asiatischen«, vor der Zeitvergessenheit. Ihr Lieblingswort ist »menschlich«, gedehnt gesprochen als »mähnschlich«. Es steht im Gegensatz zu »vernünftig« und »klug«, den »deutschen« Tugenden.

  22. Manchmal werden beim Sprechen und Schreiben bewusst Wörter verwendet, die nicht allein wörtlich verstanden werden sollen, weil es sich nicht ziemt, direkt darüber zu sprechen. Das mag ein bisschen spießig sein, doch hat es auch ein besonderen Reiz. Versteckte Anspielungen auf sein Schwulsein, wie beispielsweise die berühmte Bleistiftszene mit Pribislaw Hippe, hat sich Thomas Mann damals bloß deshalb erlaubt, weil es damals noch nicht in der Zeitung stand.

  23. @ 30
    den Name von Madame Chauchat haben wir damals, vor vielen Jahren als wir es gelesen haben, als Lautmalerei für 2 französische Worte „verstanden“ …
    Worte, die sich nicht „ziemen“ würden ..zur Bezeichnung einer Frau ..

  24. @21

    „Ermüdung“ im Phänomenbereich Körper
    das inspiriert mich zu Satz 2.6.5.

    dazu, zum Ausformulieren, brauche ich noch etwas Zeit …
    super Gedanke ..

  25. @ 31 Der französische Nachname „Chauchat“ geht über Lautmalerei hinaus, da der Name und die beiden Wörter, aus denen er zusammengesetzt ist, phonetisch gleich klingen: „chaud chat“ = „heiße Katze“, von vielen auch gern „Muschi“ genannt.
    Im Vornamen Clawdia tauchen Krallen auf, in einer Anspielung auf das englische Wort „claws“.
    Übrigens gab es ein gleichnamiges Maschinengewehr, das von Hauptmann Louis Chauchat für die französischen Streitkräfte entwickelt und im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde wurde, mit dem der „Zauberberg“ endet.

  26. @33

    schöner Beitrag, danke !

    Und wenn Gunthard Weber jetzt dabei wäre,
    er würde uns freundlich lächelnd auf unsere Gefühle beim Lesen dieses Textes hinweisen,
    und die Röte würde sich im Gesicht der Kursteilnehmer, für jeden selbst unvergesslich, ausbreiten.

  27. @20: werner

    ja das ist schon so eine Sache mit den Fußnoten, auch innerhalb der LoF,
    und mit der „primären Realität oder Royalität“, wie auch immer man’s nehmen mag.

    Inwieweit man allerdings das in Fußnaote erwähnte „flache Land“ bei GSB mit dem „Flachland“ bei Th. Mann zu korrelieren vermag, dessen bin ich mir nicht so sicher.
    Einen Versuch mag es dennoch wert sein.
    Denn es finden sich in Th. Mann’s Erzählungen – in Form von Studien und Entwürfen dicht verpackt schon so manche Schoten, die man sich genußvoll auf der Zunge zergehen lassen kann. Und die m.E. auch geeignet sind „den Zauberer“ aus den Augen seiner Kinder nachzuempfinden, zumal er in veritabler Dichtkunst die Schotten derart handfest dicht zu zurren und auch schwer entschlüsselbar zu machen pflegte, daß ihm angesichts seiner Neigungen vergleichsweise wenig passieren konnte. Wobei er es ja nicht nur mit dem Pomp des Großbürgertums, sondern auch mit der Dekadenz im Royalen ja durchaus hatte …

    „Ein Glück

    Still! Wir wollen in eine Seele schauen. Im Fluge gleichsam, im Vorüberstreichen und nur ein paar Seiten lang, denn wir sind gewaltig beschäftigt. Wir kommen aus Florenz, aus alter Zeit; dort handelt es sichum letzte und schwierige Angelegenheiten. Und sind sie bezwungen-wohin? Zu Hofe vielleicht, in ein Königsschloß – wer weiß) Seltame , matt schimmernde Dinge sind im Begriffe, sich zurechtzuschieben … Anna, arme kleine Baronin Anna, wir haben nicht lange Zeit für dich! —
    Dreitakt und Gläserklang – Tumult, Dunst, Summen und Tanzschritt; man kennt uns, man kennt unsere kleine Schwäche. Ist es, weil dort der Schmerz die tiefsten sehnsüchtigsten Augen bekommt, daß wir heimlich so gern an Orten verweilen, wo das Leben seine simplen Feste feiert?
    <> rief Baron Harry, der Rittmeister, durch den ganzen Saal indem er zu tanzen aufhörte. Er hielt noch mitdem rechten Arm seine Dame umschlunge und stemmte die linke Hand in die Seite. <>
    Und der Avantageur stand auf, schlug die Sporen zusammen und räumte das Podium dem Leutnant von Gelbsattel, der alsbald mit seinen großen und weißen, weit gespreizten Händen das klirrende und surrende Fortepiano zu schlagen begann.“

    zit aus
    Thomas Mann,
    Der Wille zum Glück
    und andere Erzählungen
    Zürich
    Büchergilde Gutenberg
    1961

  28. um aber den Faden @20 zu den LoF in den Korrelationen zur literarischen Veschlüsselung in Wortwörtlichkeit noch einmal aufzunehmen …

    “ *To explain, wörtlich auf einem Plan, einer Ebene ausbreiten, wo Partikuläres sofort gesehen werden kann. Somit platzieren oder planen in flachem Land, wobei weitere Dimensionen der Erscheinung willen geopfert werden. Somit darlegen um den Preis, die Realität oder den Reichtum des so Dargelegten zu ignorieren. Somit einen Blickpunkt beziehen, der entfernt ist von dessen primärer Realitätoder Royalität, oder Erkenntnis gewinnen und das Königreich verlieren.
    (LOF Appendix 2)“

    Mal abgesehen von der Uneleganz im Ausdruck, läßt sich ein solches Solitär an Fußnote nicht bzw. nur dann verstehen, wenn man die Bezüge, die in Appendix 2 beschrieben sind, in etwa kennt.
    Der Sinn und Zweck dieses -als Appendix- anhängenden Kapitels besteht darin,
    potentiell entstandene Mißverständnisse nach Durchackern der LoF auszuräumen
    und das Kalkül für die Logik noch einmal eräuternd zu interpretieren.

    Das ierscheint ziemlich mißlungen. Und ist Grunde ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die sich zuvor die Mühe gemacht haben, sich die rund 100 Seiten der LoF zuvor aufmerksam und Schritt für Schritt zu Gemüte zu führen.
    Es erweist sich nicht als besonders amüsant, anschließend präsentiert zu bekommen, daß man sich das Ganze -unter Anwendung von Kürzungen als Abkürzungen-, hätte auch ersparen können, wenn man von vorneherein die Fragen anders gestellt hätte,

    Zitat
    „Eines muß klar sein: Die Frage wird in den Lehrbüchern (implizit, da sie üblicherweise nicht gestellt wird) beantwortet, so wie sie ursprünglich von Aristoteles beantwortet wurde, nämlich indem ein mehr oder minder komplizierter Regelsatz angeführt wird, der diese Schlußfolgerungen VERBIETET.“

    Hallo … 😉
    und weiter
    (wohlgemerkt in einem grauenhaften Bandwurmsatz an mißverständlichen Deutsch)

    „Aber Regeln, die sagen, daß man etwas NICHT tun darf, sind keine Erklärung dafür,
    WARUM man es nicht tun darf, noch kann sich die Tatsache, daß, wenn wir die Folgerung zulassen, uns dies zu einem NICHT ANGEBRACHTEN Schluß verleiten KANN, mit dem hohen Grad an Verständnis treffen, den alle erklärenden (explanatory* [s.o.*to explain] Belange in diesem Buch voraussetzen.“

    Grrrr …
    wie kann man einen derartig unverständlichen Stuss an Passage schreiben,
    mit einem Unterhaltungswert (Entertainment), der ermüdend gen Null tendiert
    und noch nicht einmal dazu geeignet ist, dem Unterschied der Entfaltung des Syllogismus,
    im Prozeß der Übersetzung selbst
    -von einer gesetzten Formel hin zum Wortreichtum an Sprache und vice versa-
    Rechnung zu tragen?

    *lol* statt LoF

    🙂

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