10. Raum und Zeit

Obwohl wahrscheinlich jeder Mensch schon die Erfahrung gemacht hat, dass er Zeit und Raum ganz subjektiv anders erleben kann als andere Menschen, scheint es uns so, als ob es sich bei diesen Dimensionen um objektive – vom Beobachter unabhängige – Gegebenheiten handeln würde. Dies Überzeugung hat Albert Einstein ins Wanken gebracht, auch wenn das noch nicht bis in das Alltagsdenken der meisten Menschen vorgedrungen ist. Es ist ja für auch das Zusammenleben von Menschen viel praktischer von einer Zeit auszugehen, die alle teilen – wie sollte man sich sonst fürs Kino verabreden können?

Was sowohl für die Konstruktion von Raum als auch für die der Zeit in der Entwicklung des kindlichen Weltbilds gesagt werden kann, ist, dass sie eng verbunden sind mit der Koordination von Handlungen, von Operationen, von Bewegungen und zunächst um den Körper des wahrnehmenden Organismus herum geordnet ist.

 

Literatur:

„Der Raum ist eine Logik, und als solche ist er zuerst ein System konkreter Operationen, die mit der Erfahrung unlösbar verbunden sind, sie aber ihrerseits eigenmächtig bilden und umbilden. Nach und nach aber, wenn diese Operationen immer reiner werden und sich aus ihrer empirischen Verhaftetheit herauslösen, können sie »formal« werden;  auf diesem Niveau nun schwingt sich die  Geometrie auf die Höhe der reinen Logik und wird der Raum als Behälter oder als eine von allen Inhalten unabgängige »Form« aufgefaßt.

Alles dies gilt nun genau so für die Zeit, und zwar umso mehr, als sie mit dem Raum ein unlösliches Ganzes bildet. Wie wir (…) immer wieder und wieder sehen werden, ist die Zeit die Koordination der Bewegungen: ob es sich um räumliche Verschiebungen oder Bewegungen handelt oder um innere Bewegungen, wie es die nur geplanten, antizipierten doer gedächtnismäßig rekonstruierten Handlungen darstellen, die in der Ausführung ja auch räumlich sind, immer wieder spielt hier die Zeit dieselbe Rolle wie der Raum in bezug auf die unbewegten Dinge. Genauer gesagt, für die Koordination simultaner Stellungen genügt der Raum, sobald aber Verschiebungen eintreten, ergeben sich aus den räumlichen Veränderungen ebenso viele verschiedene, also aufeinanderfolgende Raumzustände, und die Koordination dieser Zustände ist nichts anderes als die Zeit. Der Raum ist eine Momentaufnahme der Zeit, und die Zeit ist der Raum in Bewegung; beide bilden die Gesamtheit der Beziehungen der Einschachtelung und der Ordnung, die die Gegenstände und ihre Raumänderungen chrakterisieren.“

Piaget, Jean (1955): Die Bildung des Zeitbegriffs beim Kinde. Frankfurt (Suhrkamp) 1974, S. 14.

 

 




7 Gedanken zu “10. Raum und Zeit”

  1. „also ein fast vollständiges Beherrschtsein des Menschen von der ihm fremd gegenüberstehnden, unverstandnen äußern Natur“, wie Friedrich Engels 1884 schrieb, auch der von Menschen gemachten Natur der Systeme?

  2. … nun ist Zeit natürlich nicht nur das was, wir mit Uhren messen und als Instrumentarium nutzen, um Treffpunkte bzw. auch Ankunfts- und Abfahrtzeiten zu markieren.

    Wie sehr im eigenen Erleben Raum und Zeit -als vorgeblich vom Beobachter unabhängig- auseinanderklaffen können, merkt man spätestens dann, wenn man im Stau steht bzw. einen Anschlußzug verpasst, … und damit u.U. auch die Teilnahme bzw. Teilhabe an so mancher avisierten bzw. geplanten gemeinsamen Veranstaltung
    … ziemlich blöd so etwas

  3. „Wenn man mit dem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden – das ist die Relativität.“ Albert Einstein

  4. „Wir haben keine direkte Empfindung für die Gleichheit zweier Zeiträume. Wer diese Empfindung zu haben glaubt, ist durch eine Illusion in die Irre geführt.

    Wenn ich sage, von zwölf bis ein Uhr ist die gleiche Zeit vergangen wie von zwei bis drei Uhr, was hat diese Behauptung für einen Sinn?

    Die geringste Überlegung zeigt, daß sie an sich gar keinen Sinn hat. Sie kann nur den haben, den ich ihr durch eine Erklärung geben will, die unzweifelhaft einen gewissen Grad von Willkür zuläßt.“

    Henri Poincaré,“Das Maß der Zeit, III“,
    aus „Der Wert der Wissenschaft, 1906, Kap. 2, S. 26-43“

    https://de.wikisource.org/wiki/Das_Maß_der_Zeit

  5. so weit zu Einstein:
    „Einen innerlich freien und gewissenhaften Menschen kann man zwar vernichten, aber nicht zum Sklaven oder zum blinden Werkzeug machen.“
    Quelle unbekannt bzw. nicht näher be-zeichnet

  6. Woher weiß ein Kind wann Weihnachten ist ?
    Wenn das letzte, das große Türchen aufgemacht wird 🎄

  7. Weihnachten ist spätestens dann, wenn die Zeit stillsteht und der Weltraum näher rückt, indem die Postboten Wunschzettel zum Weihnachtsmann bringen, das Christkind vor der Tür steht und Santa Claus mit seinem Rentierschlitten durch die Lüfte saust, die rund um den Globus nach Glühwein und Zimtsternen riecht.

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