10.1 Raum: Wenn ein Beobachter bei mehreren von ihm unterschiedenen Ereignissen gleichzeitig anwesend sein kann (d.h. wenn er sie gleichzeitig beobachten kann), dann soll ihr Abstand räumlich genannt werden: Er ordnet (= verortet) sie nebeneinander und konstruiert damit einen Raum.

Die Tatsache, dass man als menschliches Individuum (wortl.: etwas Unteilbares) nicht gleichzeitig an verschiedenen Orten (und den dort ablaufenden Ereignissen und Prozessen) anwesend sein kann, dürfte nicht nur für die Konstruktion des Raums grundlegend sein, sondern auch die körperliche Grundlage der zweiwertigen Logik bilden, wie sie seit der Antike die Aristotelische Logik bzw. das westliche Denken charakterisiert. Der Körper des wahrnemenden Individuums wird selbst gewissermaßen zur Landkarte, indem alle als räumlich konzipierten Abstände sich zunächst auf ihn als Fixpunkt beziehen – bevor sie dann irgendwann von ihm gelöst werden (abstrahiert) und absolut gesetzt werden.

 

Literatur:

„Am Raum lernt man Logik.“

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp), S. 223, Anm. 54.

„Ich werde mit der einfachen Idee des Raums beginnen. Ich habe im V. Kapitel gezeigt, daß wir die Idee des Raums sowohl durch den Gesichtssinn als durch den Tastsinn erlangen. Dies ist, wie mir scheint, so einleuchtend, daß es ebensowenig eines Beweises bedarf wie die Tatsache, daß der Mensch durch den Gesichtssinn einen Abstand zwischen verschiedenfarbigen Körpern oder zwischen den Teilen desselben Körpers wahrnimmt, wie daß er die Farben selbst sieht; ebenso offenbar ist es, daß man im Dunkeln das gleiche durch Fühlen und Tasten erreichen kann.

(…) Diesen Raum, wenn wir ihn lediglich auf die Entfernung zwischen zwei Gegenständen hin betrachten, ohne zu berücksichtigen, was etwa  sonst dazwischen liegt, nennen wir Abstand; betrachten wir ihn unter dem Gesichtspunkt der Länge, Breite und Höhe, so können wir ihn vielleicht Geräumigkeit nenn.“

Locke, John (1689): Versuch über über den menschlichen Verstand. Zweites Buch, Kap. XIII, 2/3, Hamburg (Felix Meiner) 1981, 4. Aufl., S. 190f.

„Wie wir im einfachen Raum die Relation des Abstandes zwischen zwei Körpern oder Punkten betrachten, so betrachten wir bei unserer Idee des Ortes die Relation des Abstandes zwischen einem Gegenstand und zwei oder mehr Punkten, die man als gleich weit voneinander entfernt und damit als feststehend ansieht. Wenn wir nämlich finden, daß ein Gegenstand heute ebensoweit wie gestern von zwei oder mehr Punkten entfernt ist, die ihren Abstand voneinander nicht geändert haben und mit denen er damals verglichen wurde, so sagen wir, der Gegenstand sei noch an demselben Orte; hat er dagegen seinen Abstand von einem jener Punkte merklich verändert, so sagen wir, er habe seinen Ort gewechselt.“

Locke, John (1689): Versuch über über den menschlichen Verstand. Zweites Buch, Kap. XIII, 7, Hamburg (Felix Meiner) 1981, 4. Aufl., S. 193f.




6 Gedanken zu “10.1 Raum: Wenn ein Beobachter bei mehreren von ihm unterschiedenen Ereignissen gleichzeitig anwesend sein kann (d.h. wenn er sie gleichzeitig beobachten kann), dann soll ihr Abstand räumlich genannt werden: Er ordnet (= verortet) sie nebeneinander und konstruiert damit einen Raum.”

  1. “ 1. In der raumzeitlichen Welt setzen wir die Subjekte den Objekten gegenüber als die psychophysischen Individuen der mechanistisch gedachten Umwelt. Hier besteht ein Gegenüber, das gar nicht erlebt zu sein braucht, nur für den Betrachter besteht und das auch ohne Bewußtsein im Subjekt bestehen bleibt. Dieser Gegensatz spielt für unser Verstehen keine Rolle, es sei denn um durch seinen Kontrast die Eigenart der anderen Subjekt-Objekt-Beziehungen, die Gegenstand der verstehenden Psychologie sind, zu akzentuieren.-“

    Karl Jaspers, Psychologie der Weltanschauungen,
    Berlin
    Verlag von Julius Springer 1919

  2. @1: Das sollte ja keine Erläuterung des Bedeutungshofes dieses Begriffs sein, sondern eine wörtliche Übersetzung (=mein Schullatein).

    @2: Danke für das Zitat. Um das hier auch für weitere Nutzung hilfreich zu machen, wäre es gut, den Ort, wo es zu finden ist, genauer anzugeben, d.h. Verlagsort, Verlagsnamen, Publikationsjahr der genutzten Ausgabe, Seite…

  3. @3
    naja, der Link in @1 war einer eingehenderen Etymologie auch nicht so ganz angemessen.

    Und zu Karl Jaspers.
    Das ist ein Neuerwerb, die zwar dem bibliophilen Anspruch gewiß nicht standhält, im Taschenbuchformat der „ForgottenBooks“. Aber der liest sich dennoch recht flott und erscheint in manchen Passagen wiederum auch hochaktuell.

    Das obige Zitat findet sich auf S.21, unter „Systematische Grundgedanken“
    https://www.amazon.de/Psychologie-Weltanschauungen-Classic-Reprint-Jaspers/dp/1334350515/ref=pd_lpo_sbs_14_img_0/258-2234046-8288669?_encoding=UTF8&psc=1&refRID=04V0S28D7VT3FSTHVEJB

    Auf S.3 findet sich z.B. bereits eine sehr nette Passage:

    „Es ist heute vielfach eine Surrogat-Philosophie verbreitet. Man fabriziert Metaphysiken, versteht sich auf metaphysische Erbauung, gründet Konventikel und Schülerverhältnissse, theosophische und spiritistische Genossenschaften, schließt sich bewußt oder gewaltsam bestehenden Kirchen an. Diese Weisen des Verhaltens (die später unter den Gestalten nihilistischen Geistes zu beschreiben sind) sind immer wegen ihrer Künstlichkeit, Unechtheit in großer Gefahr. Während der in einer Weltanschauung, einer Kirche echt und fundiert lebende Mensch auf die Einstellung universaler Betrachtung, die ihm nichts anhaben, ihn nicht stören und gefährden kann, mit Gleichgültigkeit oder Mitleid blickt, auch dann, wenn sie ihn selbst trifft, haben ganz im Gegensatz diese Romatiker und Nihilisten einen Haß gegen diese Betrachtung des Nichtstellungnehmenden. Sie ziehen einen Feind vor. Diese rücksichtslose Wirklichkeits- und Wahrheitsforschung geht gegen ihre Existenzbedingungen. Sie müssen sie mit allen Mitteln bekämpfen, mit Lächerlichmachen, mit Insinuationen, mit allen nur möglichen Klassifikationen der Psychologen (als „Aufklärer“, Eklektiker“ usw.), mit Verwerfung dieser ganzen Art als des „Bösen“ und „Lieblosen“ u. dgl. “

    😉

  4. „Von dem Kopfe sei nachher die Rede; vorläufig setzen wir die Maße des Ganzen nach dem Leipziger Fuß hieher.
    Länge von der Mitte des Kopfs bis zu Ende des Beckens 8 Fuß 61/2 Zoll, Höhe vordere 6 Fuß 5 172 Zoll, hintere Höhe 5 Fuß 6 172 Zoll.“

    Goethe Natur, S.362
    Droemer (C) 1962
    Knaur (C) 1949

  5. @5
    „Indem wir diese treffliche Arbeit vor uns sehen, gedenken wir mit besonderem Vergnügen jener Zeit, da der Verfasser noch zu den Unsrigen gehörte und eine bedeutende Gesellschaft zu unterhalten, nicht weniger durch wissenschaftliche und artistische Mitteilungen zu fördern wußte. Dadurch blieb denn auch sein nachfolgendes Leben und Bemühen mit dem unsern verschlungen und vereinigt, so daß er uns auf seiner fortschreitenden Bahn niemals aus den Augen gekommen.“

    a.a.O., S. 352
    [94] DIE FAULTIERE UND DIE DICKHÄUTIGEN, ABGEBILDET; BESCHRIEBEN UND VERGLICHEN VON DR. E. D’ALTON
    Das erste Heft von sieben das zweite von zwölf Kupfertafeln begleitet. Bonn 1821 (Zur Morphologie. Ersten Bandes viertes Heft)

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