10.2 Zeit: Wenn ein Beobachter bei mehreren von ihm unterschiedenen Ereignissen nicht gleichzeitig anwesend sein kann, dann soll ihr Abstand zeitlich genannt werden: Er ordnet sie im Sinne eines Vorher-nachher-Unterscheidens (diachron) und konstruiert damit Zeit.

Die Beobachtung äußerer Ereignisse ist nur eine der Möglichkeiten Zeit zu konstruieren. Vielleicht noch wichtiger ist die Selbstbeobachtung. Allerdings bedarf die Konstruktion von Zeit generell eines Gedächtnisses oder der Merkfähigkeit des Beobachters: Er muss sich an vergangene Ereignisse erinnern können, um einen zeitlichen Abstand zwischen zwei Ereignissen unterstellen zu können.

Literatur:

„Since we do not wish, if we can avoid it, to leave the form, the state wie envisage is not in space but in time. (It being possible to enter a state of time without leaving the state of space in which one ist already lodged.)

One way of imagining this is to suppose that the transmission of a change of value through the space in which it is represented takes time to cover distance.“

Spencer-Brown, George (1969): Laws of Form. New York (E.P. Dutton) 1979, S. 58f.

„Für jeden, der die Vorgänge in seinem eigenen Geist beobachtet, liegt es klar auf der Hand, daß, solange er im wachen Zustand ist, in seinem Verstand eine Kette von Ideen vorhanden ist, die ununterbrochen aufeinander folgen. Die Reflexion darauf, wie diese verschiedenen Ideen nacheinander in unserm Geist erscheinen, ist das, was uns mit der Idee der Aufeinanderfolge ausstattet; den Abstand zwischen beliebigen Teilen dieser Aufeinanderfolge oder zwischen dem Erscheinen zweier beliebiger Ideen nacheinander in unserem Geist nennen wir Dauer.“

Locke, John (1689): Versuch über den menschlichen Verstand. Zweites Buch, Kap. IV, 3, Hamburg (Felix Meiner) 1981, 4. Aufl., S. 210.

„Die Dauer ist wie die Zeit, die einen Teil der ersteren bildet, die Idee, die wir von einem vergehenden Abstand haben, von dem zwei Teile nie nebeneinander bestehen, sondern stets aufeinander folgen; (…).“

Locke, John (1689): Versuch über den menschlichen Verstand. Zweites Buch, Kap. XV, 12, Hamburg (Felix Meiner) 1981, 4. Aufl., S. 238.

„Wie aus der Anordnung sichtbarer und tastbarer Gegenstände die Vorstellung des Raumes, so bilden wir aus der Aufeinanderfolge von Vorstellungen und Eindrücken die Vorstellung der Zeit; niemals kann die Zeit für sich allein in uns auftreten oder ihre Vorstellung vom Geist vollzogen werden.

(…)

Zweifellos besteht jede Zeit oder Dauer aus voneinander verschiedenen Teilen; sonst könnten wir uns ja nicht eine längere oder kürzere Zeitdauer vorstellen. Ebenso gewiß ist, daß diese teile nicht koexistieren; denn das Merkmal der Koexistenz der Teile geört der Ausdehnung an, ja es ist eben das, was diese von der Dauer unterscheidet.“

Hume, David (1739): Tratatus über die menschliche Natur. Buch 1: Über den Verstand. Hamburg (Felix Meiner) 1989, S. 52/53

„If »time« is an object, if it has objective existence, then, obviously, it must have, as all objects have, a beginning and an end; then the the universe was made, it must have a »beginning of the beginning« (old »essences«), etc., etc. and the whole anthropomorphic mythology follows, by a purely logical process.“

Korzybski, Alfred (1924): Time-Binding: The General Theory. In: ders. (1990): Alfred Korzybskis Collected Writings 1920 – 1950. Englewood, New Jersey (International Non-Aristotelian Library, Institute of General Semantics), S. 80.

„Zuletzt steht es recht willkürlich ums Einteilen der Zeit und nicht viel anders, als zöge man Linien ins Wasser. Man  kann sie so ziehen und auch wieder so, und während man sie zieht, läuft schon wieder alles zur weiteren Einheit zusammen.“

Mann, Thomas (1933): Die Geschichten Jaakobs. Berlin (S. Fischer) 1967, S. 245.




4 Gedanken zu “10.2 Zeit: Wenn ein Beobachter bei mehreren von ihm unterschiedenen Ereignissen nicht gleichzeitig anwesend sein kann, dann soll ihr Abstand zeitlich genannt werden: Er ordnet sie im Sinne eines Vorher-nachher-Unterscheidens (diachron) und konstruiert damit Zeit.”

  1. @ „Zuletzt steht es recht willkürlich ums Einteilen der Zeit und nicht viel anders, als zöge man Linien ins Wasser. Man kann sie so ziehen und auch wieder so, und während man sie zieht, läuft schon wieder alles zur weiteren Einheit zusammen.“

    Der Beobachter strukturiert und konstruiert die Zeit in seiner subjektiven Weise. Dennoch gibt es neben dem subjektiven Zeitempfinden die objektive Zeitmessung und die offizielle Geschichtsschreibung, an denen sich die subjektive Geschichtsschreibung orientieren muss – es sei denn, man hat den Kontakt zur Realität verloren. Doch das Ziel des Einzelnen ist doch meist, im subjektiven Einklang mit der objektiven Zeit zu sein.

  2. @2: Man hat dann nicht den Kontakt zur Realität verloren, sondern lediglich zu dem gesellschaftlich/kulturell sanktionierten Weltbild (das sich, wie wir wissen, im Laufe der Geschichte radikal ändern kann).

  3. „Ein inhaltlicher, qualitativer Unterschied wird hier höchstens als einer von ‚leerer‘ oder ‚voller‘ Zeit angedeutet. Immerhin wird damit etwas angedeutet, das in der üblichen Uhrzeit, als der unsubjektiven, metrisch-formalen, nicht mehr bezeichnet wird.

    Dafür sind in dieser freilich die wechselnden, vor allem so unvereinbaren Maße des bloßen Erlebens entfernt.
    Die UHRZEIT ist eine gleichmäßig abgeteilte, in gleichen Abständen fortschreitende; so rückt sie denn ‚unerbittlich‘, nämlich gleichförmig vor. Sie ist derart auf die Zahlenreihe auftragbar und durch sie ausdrückbar; Zifferblatt wie Kalender sind dadurch möglich. Aber das so bezeichenbare Fortschreiten ist VÖLLIG GLEICHGÜLTIG GEGEN DIE INHALTE, die darin geschehen oder auch nicht geschehen.“

    Ernst Bloch, ed sk 11, S. 177
    [im Kapitel „Die Frage nach einer ‚elastischen‘ Zeitstruktur in der Geschichte, nach Analogie des Riemannschen Raums]

  4. Unsere „objektive“ Zeit ist unserem Sonnensystem inhärent …

    wir als „Energiewesen“, molekular konstruiert, beinhalten unsere diversen Uhren, Uhrwerke, somatische, psychische, soziale ..

    deren Koppelung ist alles andere, nur nicht trivial ..

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