10.2.1 Vergangenheit: Wenn der Beobachter aktuell nicht beobachtbare Ereignisse, bei denen er oder andere Beobachter anwesend waren, von aktuell beobachtbaren Ereignissen, bei denen er anwesend ist, unterscheidet, so konstruiert er Vergangenheit.

Es dürfte deutlich sein, dass es für einen Beobachter, der über kein Gedächtnis verfügt, auch keine Vergangenheit gibt. Das heißt allerdings nicht, dass er sich nicht eine Vergangenheit konstruieren könnte: eine Zeit vor der Gegenwart. In jedem Fall ist Vergangenheit eine Fiktion, die aber in der Gegenwart starke Wirkung erzielen kann, z.B. wenn jemand sich einer spezifisch nbewertete Vergangenheit verpflichtet fühlt oder nostalgisch einem vermeintlich früher existierenden „goldenen Zeitalter“ nachtrauert.




Ein Gedanke zu „10.2.1 Vergangenheit: Wenn der Beobachter aktuell nicht beobachtbare Ereignisse, bei denen er oder andere Beobachter anwesend waren, von aktuell beobachtbaren Ereignissen, bei denen er anwesend ist, unterscheidet, so konstruiert er Vergangenheit.“

  1. „In jedem Fall ist Vergangenheit eine Fiktion, die aber in der Gegenwart starke Wirkung erzielen kann“

    Wie Bewertungen der Vergangenheit konstruiert werden können, zeigt das Phänomen, dass ein und dieselbe deutsche Vergangenheit zu zwei völlig unterschiedlichen aktuellen Haltungen führen kann: Einerseits ihre „Bewältigung“ durch Erinnern und Abbitte, andererseits ihre „Verleugnung“ durch Abkehr und Großmachtsfantasien.

    Ersteres war jüngst in einem FAZ-Kommentar zu lesen: „Die deutsche Innen-, Europa- und Außenpolitik ist nahezu ein einziges Bekenntnis zur deutschen Vergangenheit. Das reicht von der Einbindung Deutschlands in internationale Organisationen über Bildung und Bauten bis hin zu Milliardenzahlungen an NS-Opfer und auch an Staaten. Kaum eine öffentliche Handlung, kaum ein Staatsbesuch kommt ohne einen Hinweis auf den Nationalsozialismus aus. Auch im Ausland wird nicht nur die Einzigartigkeit deutscher Verbrechen, sondern auch der einzigartige Umgang mit der eigenen Vergangenheit gesehen. Wer das in Frage stellt und auch noch das Reparationsfaß wieder aufmacht, ist nicht von dieser Welt – und muß sich an seinen Amtseid erinnern lassen.“

    Letzteres erscheint in Jan Böhmermanns sartirisch-übertriebener Aussage: „Der Ausländer, raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg! Das gibt’s ja wohl gar nicht! Wir sind hier die Chefs!“.

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