10.2.3 Gegenwart: Alles, was geschieht, ereignet sich ausschließlich in der Gegenwart und kann von jedem Beobachter immer nur aktuell beobachtet werden.

Da alles, was geschieht, sich aktuell in der Gegenwart ereignet, wäre es eigentlich sinnvoller (allerdings nicht unbedingt praktischer), auch in Bezug auf Vergangenheit und Zukunft von unterschiedlichen Gegenwarten zu sprechen: gegenwärtiger Vergangenheit und vergangener Gegenwart (womit unterschiedliche Phänomene bezeichnet werden) gegenwärtiger Zukunft und zukünftiger Gegenwart (womit wiederum unterschiedliche Phänomene bezeichnet werden) und – zur Abgrenzung – aktueller Gegenwart.




20 Gedanken zu “10.2.3 Gegenwart: Alles, was geschieht, ereignet sich ausschließlich in der Gegenwart und kann von jedem Beobachter immer nur aktuell beobachtet werden.”

  1. Natürlich, Sie haben recht: Der lange Arm der Schuld greift aus der Vergangenheit in die Gegenwart – ob Erbsünde oder Nazigräuel. „Trapped today, trapped tomorrow“, Fury in the Slaughterhouse, 1991.

  2. … sich etwas zu vergegenwärtigen, gehört zum lernen lernen dazu.
    Was beobachtet werden kann, sind Handlungs-Abläufe und Geschehnisse in ihrem jeweiligen Verlauf.

    Nicht zu vergessen bleibt jedoch, daß die Einteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein vom jeweiligen Beobachter bzw. auch von einer Mehrzahl an Beobachtern stets ein vergleichsweise -willkürlich- gesetztes Konstrukt bleibt, je nachdem was sich gerade vorrangig im Fokus des jeweiligen Interesses befindet.

    Künstlerisch umgesetzt wird dies erzählerisch und/oder auch visuell im Film in Form von Rückblenden oder visionär-utopischen Vorausschauen.

  3. und @1:
    Bereits bei der Ausrichtung des jeweiligen Fokus spielt sehr vieles an Zuschreibungen und Interpretationen mit hinein, was Wesentlich und was Unwesentlich erscheint eine vom Beobachter gesetzte Rolle.
    Der Beobachter ist insofern immer mit im Spiel, auch wenn er – Abläufe der Vergangenheit leugnend bzw. schweigend unterdrückend- die Augen vor seinen bzw. fremdem Beobachtungen verschließen mag.

    Und das Einwirken der Schuld gepaart mit der Scham betreffend, läßt sich vielleicht am besten wortgewaltig mit Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse lesen,
    http://preview.tinyurl.com/y4sttwr4
    woraus sich das allgemein bekannteste Zitat [68] – im Hinblick auf die Schuld- sich so liest:

    „»Das habe ich getan«, sagt mein Gedächtnis. »Das kann ich nicht getan haben« – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“

    wobei mir persönlich dieses weitaus mehr liegt:
    „Der Reiz der Erkenntnis wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre.“

    … zumal sich dies wiederum mit dem Schlußsatz Niklas Luhmanns trifft.
    [in: „Die Kunst der Gesellschaft“ , S. 107]
    „Nur die Überwindung von Schwierigkeiten kann einer Sache Bedeutung geben:
    Hoc opus, hic labor est“

    Fragt sich nicht, woher all diese Schuld kommt und wozu sie in Kombination mit der Scham letzlich dienen soll?
    Cui bono?

    http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Jenseits+von+Gut+und+B%C3%B6se/Viertes+Hauptst%C3%BCck.+Spr%C3%BCche+und+Zwischenspiele/63-70

  4. „sich etwas vergegenwärtigen“

    kann heißen „erinnern“ oder „imaginieren“ ..

    Heinz von Förster würde da keinen Unterschied sehen, oder ?

  5. Beim Erinnern wären die traumatypischen Verdrängungen abziehen. Das Verdrängte will sich nicht vergegenwärtigen lassen (unbewusster Selbstschutzmechanismus).

  6. @4: Möchte man sich den unbeirrbaren Lauf der Zeit vergegenwärtigen, die unermüdliche Abfolge von gestern–heute–morgen, die uns eben nimmt, was sie uns vorhin noch gegeben hat; möchte man sich vergegenwärtigen, wie vollkommen schutz- und hilflos man dem ewigen Mahlstrom der Vergänglichkeit ausgesetzt, ja geradezu ausgeliefert ist, Wesen aus Staub und Schuppen, das man ist und das sich in ebendiese Bestandteile früher oder später wieder auflösen wird; ist man überdies bereit zu imaginieren, dass die eigene Geschichte ­eine des ständigen Verfalls ist, der in den ­Ritzen und Winkeln unseres Daseins ­lauert wie nur je ein Speiserest in einer Polstermöbelfalte und aber dem Leben, wie es, eine mehr oder minder katastrophale Schmutzspur hinter sich herziehend, notwendig auf den Tod zukrümelt, genau dadurch Würde und Bedeutung gibt; möchte man sich also in einer raschen Minute an die eigene Geschichtlichkeit, Kreatürlichkeit und letztlich Humanität erinnern, empfiehlt es sich, nach sieben Jahren erstmals den Bezug vom Ikea-Klippan-Sofa abzunehmen und unter die jüngere Vergangenheit einen Schlussstrich zu ziehen (60 Grad Buntwäsche, Flusensieb hinterher wegschmeißen).

  7. @7 … Grusel, da erinnern mich Sie mich aber an was, lieber Michael,
    was dann vll. auch noch vonnöten wäre.

    „; möchte man sich also in einer raschen Minute an die eigene Geschichtlichkeit, Kreatürlichkeit und letztlich Humanität erinnern, empfiehlt es sich, nach sieben Jahren erstmals den Bezug vom Ikea-Klippan-Sofa abzunehmen und unter die jüngere Vergangenheit einen Schlussstrich zu ziehen (60 Grad Buntwäsche, Flusensieb hinterher wegschmeißen).“

    Da brechen mir alleine bei dem Gedanken daran, den Bezug nicht nur abzuziehen, sondern anschließend auch wieder aufspannen zu müssen, die Fingernägel ab. Einmal abgesehen davon, daß man ein derartiges Unterfangen im Grunde alleine garnicht bewältigen und es darüber hinaus auch noch ganz gewaltig ins Kreuz kriegen kann.

    Das Meinige ist zwar kein Klippan, hat aber jetzt auch schon knapp 20 Jahre aufm Buckel.
    Wobei sich die Kombination von weiß mit grau (die Dreier-Variante) bzw. grau mit weiß (als Zweisitzer) doch recht gut erhalten hat;
    gemessen daran, welch adrette Foerster-Blagen mitsamt ihrem Waldbauern sich dort schon vergnüglich niedergelassen hatten und die Gruppe darüber hinaus auch so manchem Jeans – Gerutsche widerstanden und darüber hinaus auch noch frei schwebend eintreffenden Café-au-lait- Flecken oder auch einem Schwapp Bordeaux getrotzt haben.

    Jedenfalls sieht -wenn man so will – die Couch-Kombination immer noch ganz manierlich aus. Und stellt auch -in Zusammenhang mit dem Ambiente – noch etwas dar, sofern man die großen Kissen nicht lupft, hinter denen der Gilb lauert und einem sofort ins Auge springt.

  8. @ 6 “Verdrängen“

    das Wort „verdrängen“ steht für ein Erklärungsprinzip, so hätte Bateson das wohl gesagt.
    Und wenn das so wäre, traumatypisch wie wir zu behaupten intendieren,
    dann wären die verdrängten Erinnerungen/ Imaginationen immer negativ für das Individuum.

    Mir ist das umgekehrte passiert in einer analytischen Sitzung, lauter schöne Erinnerungen, ich war nach der Sitzung total happy und befreit.

  9. @9: Lucky you! Diese positiven Erinnerungen hatten Sie wohl bloß vergessen, nicht verdrängt bzw. Ihre momentan weniger positive Stimmung hat die schönen Zeiten überlagert.
    „Wir wolln es nicht verschweigen / in dieser Schweigezeit. / Das Grün bricht aus den Zweigen, / wir wolln das allen zeigen, / dann wissen sie Bescheid. / Dann wissen sie Bescheid.“ Wolf Biermann, 1968
    „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“ Rilke, 1908

  10. es war, so meine Wahrnehmung, „tief im Brunnen der Vergangenheit“,
    es war anders als einfaches Erinnern ..
    Ich war plötzlich wieder „Ich“.

    Wenn etwas Negatives in dieser Art „erinnert“ werden könnte,
    das stelle ich mir grauslich vor , psychotische Albträume ..

    Und könnte es nicht auch so sein, dass Traumata eben nicht vergessen werden ?
    Das jetzige tiefenpsychologische Traumakonzept überzeugt mich nicht.

  11. … und die Vergangenheit wird oft verklärt und idealisiert – was natürlich angenehmer und auch gesünder ist.
    Doch das Festhalten an traumatischen Erinnerungen kann psychodynamische Gründe haben, denn Leiden ist leichter als lösen: die Angst vor Veränderung.

  12. naja, ob prä-, inter-, meta-, trans-, post- … ;
    Fakt scheint jedenfalls, man kann -speziell auch beim Vergegenwärtigen
    nahezu alles ver- drängen, ver-klären, ver-klären, ver-rücken oder ver-schieben, was sich gedanklich in den Vordergrund drängt. Dies muß schließlich – als selbstbezügliche Re-Flexion- nicht zwangsläufig der Tragikomik entbehren. Wie man’s dann eben nimmt, was aktuell gerade so kommt.
    Eine Bauchlandung im Abrollen bzw. auch nach Überfliegen von Wacker- bis Stolpersteinen, die einem schon elend im Bauch herum rumpeln – und pumpeln, kann neben bierernsten auch ausgesprochen erheiternde Effekte erzeugen.
    So etwas muß ja nicht unbedingt gleich zum Gesamtwerk taugen
    oder sich gar, gepackt vom pädagogischen Fit- bis Wellness-Eros,
    zum pompösen Opus auswachsen.

  13. @11 à propos Rilke
    und
    „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“ Rilke, 1908

    Auch manche tiefgründelnden lyrischen Ergüsse scheint so mancher Kollege überstehen zu müssen, in ihrem jähen Schwapp an „Reim Dich oder ich fress Dich“ :

    Wie im Fluß der Lyrik vermutete Anmut zur Zumutung werden kann,
    hierzu Gottfried Benn:
    „Das Gedicht von Rilke, das mir unbekannt war, würde ich als sehr interessant rubrizieren, es wird nicht zu denen gehören, die ich mir wiederholt vorstelle und nachlese. Eine recht verzwickte Artistik bei wenig innerem Gehalt, ich finde auch eine Flotte, ruderschlagend und jäh und mit allen Flaggen tagend grade für das Thema: Venedig und Spätherbst zu robust und militant, vor Allem aber nehme ich etwas Anstoss an dem letzten Wort: fatal – was soll das heissen, dass der Wind fatal ist? Was steht dahinter, -soll es auf Fatum deuten oder ist es nur eine artistische Überraschung? Das wird mir nicht klar, dies Wort wird nicht aus dem bisherigen Inhalt und Thema hergeleitet, sondern drängt sich plötzlich neu und unmotiviert hervor, fast nur als Reimmotiv. Aber das sind Einwände, die schon aus den lyrisch-kritischen Sphären stammen. Jedenfalls bedanke ich mich für die Übermittlung sehr.“
    G.B. an Oelze, Nr. 407, 2.IV.49
    ISBN 3-596-25701-8, S.197 f

    Ach die Poesis, wenn sie für die Nachwelt großartig werden will … hat es – so scheint’s zumindest – nicht so ganz einfach, den Nagel auf den Kopf zu treffen.

  14. Seit jeher widmet sich die philosophisch-künstlerische Hermeneutik dieses Themas – meist zirkulär (womit wir wieder bei FBS wären). Musik-Interpreten übersetzen in der Vergangenheit verfasste Noten in die Gegenwart. Und jeder einzelne ist der persönliche Vergegenwärtiger und Realisierer seiner Potenziale: seines ontogenetischen Erbguts und seiner phylogenetischen Erbschaft.
    „Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.“ Heimito von Doderer, 1938
    „So kam ich unter die Deutschen … Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele.“ Friedrich Hölderlin, 1799

  15. „[Die Tiere sind] kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblickes und deshalb weder schwermüthig noch überdrüssig.“
    Friedrich Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874.

    Das Leben kennzeichnet Nietzsche als zunächst „unhistorisch“. So lebt das Tier und auch noch das menschliche Kind unhistorisch. Kurze Momente des Glücks, die Menschen erleben können, sind ebenfalls Augenblicke unhistorischen Empfindens.

    Der Historie nähert sich Nietzsche über das Erinnern, welches dem Menschen eigen sei. Durch sie ist dem Menschen der Weg zu einem einfachen Glück in der Art der Tiere und Kinder versperrt.

  16. tja, das scheint so eine Sache zu sein mit dem Erinnern …
    Fragt man drei von sog. Augenzeugen kriegt man vermutlich min. 6-8 Antworten.
    Und dann muß man noch nachhaken, wo das eigentlich steht, was sie als Zitatemischmasch an einen hinlabern.
    Zum Nachschlagen, wenn man’s anschließend mal wieder bräuchte, wär es ja schon ganz gut, wenn man zumindest eine tinyURL als Beigabe bekäme; soz. als winziges „give away“.

    Aber wie dem auch sei, es scheint zwae schon hinzukommen mit Ihren Viechereien, lieber Michael @18; allerdings bin ich mir, was das kurz Angebundensein gepaart mit „weder schwermüthig noch überdrüssig.“ nicht so ganz sicher.

    Hierzu ein Contra:

    „Die Bücherläuse schwiegen bedrückt und sahen ergeben auf Baron Plattmagen. Sie hatten wirklich getan, was sie konnten. Ihnen war schon ganz wüst im Kopf vom vielen Bücherzerfressen, und zum Verdauen war überhaupt keine Zeit mehr.
    „Richten Sie Ihr Augenmerk vor allem auf die Tagespresse!“ rief Baron Plattmagen. „Hier liegt die Gefahr. In Büchern ist Kunst und solch ein Kram dabei, darum liest das kein Mensch. Aber die Zeitung liest jeder, weil er wissen will, was er denken soll. Die Presse ist unser ärgster Feind Jeden Tag stehen die aufreizendsten Annoncen in der Zeitung, wie man Ungeziefer vertilgen kann. Das muß das Publikum verderben. Fressen Sie die Presse, wenn Ihnen unsere Interessen heilig sind und wenn Sie würdig bleiben wollen, in den Reihen des Ungeziefers zu stehen. Wir alle aber , Meine verehrten Damen und Herren, sowie auch Küchenschaben und Bücherläuse, wir wollen uns wenden gegen diese verwerfliche Hetze und abscheuliche „ -der Redner stockte – „ Diese abscheuliche – es steht im Konversationslexikon unter I …“
    „Intelligenz“ warf eine Bücherlaus hilfreich und bescheiden ein.
    „Ach was, halten Sie die Beißzange!“ schrie Baron Plattmagen echauffiert, „abscheuliche Infamie, wollte ich sagen.“

    M.Kyber, Gesammelte Tiergeschichten,Hesse& Becker Verlag, Leipzig
    Die Werke erhielten den Literaturpreis des Bureau International Humanitaire Zoophile in Genf 1930

  17. @19 Sorry:
    „angeht“ fehlt natürlich dabei, nach
    überdrüssig.“

    ; allerdings bin ich mir, was das kurz Angebundensein gepaart mit „weder schwermüthig noch überdrüssig.“ nicht so ganz sicher.

    Es ist und bleibt halt immer ein Angehen, womit man nun anfangen soll, auf einem -normalerweise- erstmal weißen Blatt, sozusagen als unbeschriebenes Blatt. Wenn einem nur noch irgendwelche unveröffentliche Papers im Kopf rum schwirren, die zu lesen, man sich seit Jahren vorgenommen hatte, aus Zeitgründen schließlich nur noch in Truhen -wahlweise auch in Umzugskartons hortet. Kram, voller Bilder und Erinnerungen, die man aber als Stapelware nun auch nicht gerade hochladen will, um sie anschließend bei der nächsten Ladung irgendeinem Gericht als Beiwerk unter die Nase zu reiben.
    … wenn’s sein muß, dann eben auch halt dem Jüngsten, mal so schlicht kanonisch gesehen

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