12.4 Identische räumliche Muster können trotz identischer Elemente/Komponenten unterschiedlich strukturiert sein, wenn die räumlichen Abstände vergrößert oder verringert sind.

Es muß hier besonders hervorgehoben werden, dass räumliche Vorstellungen in unserer Alltagssprache – und wahrscheinlich auch im Erleben der meisten Menschen – zur Beschreibung sozialer Beziehungen verwendet werden. Diese Raum-Metaphorik bezeichnet, beispielsweise, im dreidimensionalen Sinne den gesellschaftlichen Status, den Unterschied zwischen oben und unten, Oberschicht und Unterschicht, vorne und hinten (progressiv vs. rückschrittlich, avantgardistisch vs. etwas zurückgeblieben etc.). Und, leider, erschöpft sich die Strukturänderung, die von manchen Revolutionären erstrebt wird, darin, die Komponenten auszutauschen (d.h. selbst die Führungsrollen einzunehmen), ohne die Muster der Beziehungen infragezustellen.

Die gesamte Fortschritts- und Rückschritts-Metaphorik ruht in räumlichen Vorstellungen.

Weniger bewertend ist der Versuch soziale Beziehung anschaulich zu beschreiben in der Feld-Metaphorik, die sich – bescheiden – mit zwei Dimensionen zufriedengibt, obwohl zwei Dimensionen durchaus reichen, um deutliche Bewertungen vorzunehmen, wie sich an der Rechts-links-Metaphorik im politischen Leben erweist. Auch die gesamte Aufstellungsarbeit nutzt die Raummetaphorik, die offenbar aufgrund unseres Körpererlebens zur Charakterisierung sozialer Beziehungen nutzbar ist.

Ein anderer wichtiger Aspekt struktureller Muster ist, dass Vergrößerung oder Verkleinerung trotz gleichbleibender Muster der Beziehungen zwischen ihren Elementen oder Komponenten radikale Wirkungen hat, die vor allem in der Diskussion über Begrenzungen des Wachstums (in welchem Phänomenbereich auch immer) von Relevanz sind.

Wie immer, angewandte Erkenntnistheorie am besten bei Loriot:

https://www.youtube.com/watch?v=m2VIzMsYCdU

Ein schönes Beispiel liefert auch der Film „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“…

 




6 Gedanken zu “12.4 Identische räumliche Muster können trotz identischer Elemente/Komponenten unterschiedlich strukturiert sein, wenn die räumlichen Abstände vergrößert oder verringert sind.”

  1. „Auch die gesamte Aufstellungsarbeit nutzt die Raummetaphorik, die offenbar aufgrund unseres Körpererlebens zur Charakterisierung sozialer Beziehungen nutzbar ist.“

    Es ist faszinierend, wie man über die Aufstellungsarbeit, die Positionierung und durch nonverbalen Signale in Haltung und Gestik die sozialen Bindungen „modellieren“ kann.
    Nähe und Distanz, Abwehr, Abkehr, Abschätzung, Demütigung, Erniedrigung oder Aufnahme, Entgegenkommen, Hinwendung, Zuwendung … die sensomotorischen Zusammenhänge sind in ihrem Fluß nur nachvollziehbar, wenn man sie sich „entäußert“ vor Augen führen kann.
    Nichts anderes macht die Kunst.

  2. Think big: „In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod.“ Friedrich von Logau, 1654. Um gesehen und geschätzt zu werden, fahren kleine Männer große SUVs. Kollateralgewinn: Sie tragen dazu bei, dass die großen Männer länger ihre Bälle einlochen können: „Die gute Nachricht ist: Die Winter sind nicht mehr ganz so hart wie noch vor 30 Jahren, die Saison ist länger geworden.“ SZ-Golfbeilage, 2019

  3. „Anders gewendet: ohne Anwesenheit im Lauf der Dinge kommt Vorwegnehmen leicht ganz woanders hin als es wollte. Und die Zustände, die überschlagen werden, wissen, wenn es in der Geschichte so weit ist, von dem Überholenden, das zu eilig war, überhaupt nichts. Dem Spießer aller Arten freilich, der noch beharrt, wenn er mitzieht, ist das Gegenteil von Eile mit Weile ratsam. Denn letzthin muß hier über ein Ziel hinausgeschossen werden, damit es getroffen wird.“
    Bloch, E. , ed sk 11, S. 123 f

  4. „Außer Gemeinheit und sprachlicher Roheit“, schrieb ahnend Bloch, „außer Dummheit und panischer Betrügbarkeit, wie sie jede Stunde, jedes Wort des Schreckens-Deutschlands zeigt, ist ein Stück älteren und romantischen Widerspruchs zum Kapitalismus, mit Vermissungen am gegenwärtigen Leben, mit Sehnsucht nach einem unklar anderen.“
    So wirkt laut Bloch Vergangenes und Verdrängtes in Gegenwart und Zukunft hinein, doch seine Hoffnung auf dessen letztendlichen Triumph trog.

  5. „Welch eigene Utopie wieder wurde in den mannigfach versuchten Bildern gegen den Tod versucht und, damit eng zusammenhängend, in den Wunschmysterien der Religionen, Hoffnungsmysterien des Christentums.
    Ebenda, S. 127 f

  6. „Item, der HUMANISMUS IST IN UTOPIE GROßGEWORDEN, und die Philosophie ist mit Recht spekulativ, indem die Akte, Zeugnisse, Probleme, Postulate des Noch-Nicht-Seins ihr zentrales. Nirgends nur empirisches Arbeitsgebiet ausmachen“
    a.a.0, S.128

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