13. Zeitliche Muster/Strukturen

Im Alltagsdenken (und in manchen biologistischen Konzepten und Philosophien) wird die Zeit als gegeben betrachtet, so daß der Beobachter sich und die wahrgenommenen Ereignisse und Objekte a priori in ihr positioniert. Aus einer konstruktivistischen Perspektive hingegen muß auch die Zeit konstruiert werden – und dies kann unterschiedlich geschehen. Allerdings dürfte die Unterscheidung von Raum und Zeit im Blick auf deren Konstruktion vom Individuum eher allein analytisch sinnvoll sein und nicht den tatsächlichen Konstruktionsprozess beim Neugeborenen entsprechen, da wahrscheinlich Raum und Zeit zusammen konstruiert werden. Für beides dürfte aber gelten, dass sowohl die Raumdimensionen wie auch die Zeit zunächst egozentrisch – auf den Körper des Beobachters bezogen – geordnet werden, bevor sie dann in einer späteren Entwicklungs- und Abstraktionsphase „objektiviert“ werden.

 

Literatur:

„In einem gewissen Sinne kann man von der Zeit wie vom Raume sagen, daß sie schon in jeder elementaren Wahrnehmung gegeben ist, denn jede Wahrnehmung hat eine Dauer und eine gewisse Breite. Aber diesse ursprüngliche Dauer ist ebensoweit entfernt von der eigentichen Zeit wie die Breite der sensorischen Stimulation es vom organisierten Raume ist. Denn: Die Zeit wie auch der Raum werden nach und nach aufgebaut und implizieren die Elaboration eines Systemes von Beziehungen. Man kann sogar sagen, daß die beiden Konstruktionen korrelativ sind. Poincaré hat behauptet, daß die Zeit vor dem Raum da ist, da der Begriff der Verlagerung ein »Vorher« und ein »Nachher« voraussetzt. Aber man kann auch ebensogut behaupten, daß die Zeit den Raum voraussetzt, da die Zeit nichts anderes ist, als eine In-Beziehung-Setzung der Ereignisse, die sie ausfüllen, und daß diese ihrerseits zu ihrer Konstituierung den Objektbegriff und die räumliche Organisation implizieren.“

Piaget, Jean (1950): Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde. Gesammelte Werke Bd. 2. Stuttgart (Ernst Klett) 1975, S. 309.