13.6 Oszillation: Abwechselnde und wiederholte Abfolge von zwei Zuständen/Ereignissen.

Lebensprozesse sind zu einem großen Teil zeitlich als Oszillationen strukturiert. Der Herzmuskel kontrahiert sich und entspannt sich, um sich anschließend wieder zu kontrahieren. Menschen und Tiere sind wach und schlafen und werden wieder wach und schlafen wieder ein… usw.

Aber es gibt auch jede Menge sozialer Prozesse, die ein Oszillationsmuster zeigen: Konjunkturzyklen sind ein Beispiel, auch der  in vielen großen Unternehmen zu beobachtende Wechsel zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung der Struktur.

Viel interessanter und regelmäßiger sind allerdings die Oszillationen, die Marcel Mauss bei „Eskimo-Völkern“ (so nannte man sie zu seiner Zeit heute würde man – politisch korrekt – Inuit sagen) beschrieb. Hier gab (oder gibt?) es einen Wechsel der Sozialstruktur zwischen Sommer und Winter. Das bezieht sich nicht nur auf die Wohnformen: im Sommer in Zelten, im Winter in Häusern, sondern auch auf die jeweils gebildeten sozialen Einheiten, die kulturellen Muster, ja, sogar die Religion, was – insgesamt gesehen – wohl als Oszillation zwischen Individualismus und Kollektivismus, gekoppelt an die jahreszeitlichen bzw. physischen bzw. ökonomischen Veränderungen der Überlebensbedingungen, zu erklären ist (siehe Zitate unten).

Bleibt noch zu erwähnen, dass solche Oszillation auch im Phänomenbereich der Psyche zu beobachten sind. Am extremsten wohl bei manisch-depressiven Dynamiken und da bei den sog. „rapid cyclern“.

 

Literatur:

„Wenn die ganze Zeit hindurch die Siedlung die Grundeinheit der Eskimogesellschaft bleibt, so nimmt sie je nach den Jahreszeiten sehr unterschiedliche Formen an. Im Sommer wohnen die Mitglieder dieser Einheit in weit gestreut stehenden Zelten, während sie im Winter in dicht aneinander gedrängten Häusern wohnen.“ (S. 211)

[…]

„Waährend also im Sommer das Feld fast unbegrenzt für die Jagd und den Fischfang freigegeben ist, schränkt der Winter es im höchsten Maße ein. Eben dieseen Wechsel im Rhythmus von Konzentration und Zerstreuung macht auch die morphologische Organisation durch . Sie zieht sich zusammen oder zerstreut sich wie die Jagdtiere. Die Bewegung, welche die Gesellschaft belebt, ist synchron mit der des umgebenden Lebens.“ (S. 240)

[…]

„Die Religion der Eskimos durchläuft denselben Rhythmus wie ihre Organisation. Es gibt bei ihnen sozusagen eine Sommerreligion und eine Winterreligion, oder vielmehr gibt es im Sommer keine Religion. Der einzige Kult, der dann praktiziert wird, ist der private, häusliche: es reduziert sich alles auf Geburtsriten und Todesriten, sowie die Beachtung einiger Verbote. Alle Mythen, die wie wir sehen werden, im Winter das Bewußtsein der Eskimos erfüllen, scheinen während des Sommers vergessen.Das Leben ist gleichsam säkularisiert. Selbst die Magie, die doch meistens eine rein private Sache ist, tritt kaum mehr anders in Erscheinung als in Gestalt einer ziemlich einfachen Heilkunde, deren Zeremoniell auf sehr weniges reduziert ist.

Demgegenüber lebt die Wintersiedlung sozusagen in einem Zustand fortwährender religlöser Überspanntheit. Es ist die Zeit, in der die Mythen und Erzählungen von einer Generation zur anderen weitergegeben werden. …“ (S. 242f.)

[…]

„In der Tat werden wir sehen, daß es ein Recht des Winters und ein Recht des Sommers ebenso wie eine Rückwirkung des einen aufs andere gibt.“ (S. 250)

Mauss, Marcel (1904-1905): Über den jahreszeitlichen Wandel der Eskimogesellschaften. Eine Studie zur Sozialen Morphologie. In: ders. (2010): Soziologie und Anthropologie. Bd. 1: Theorie der Magie/Soziale Morphologie. Wiesbaden (VS Verlag) S. 183 – 278.

 




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