15.4 Das Ursache-Wirkungs-Schema zur Erklärung der Bildung fremdorganisierter, zusammengesetzter Einheiten ist analog zur Subjekt-Objekt-Spaltung konstruiert, d.h. Subjekt und Objekt des Organisationsprozesses, Aktivität und Passivität, sind unterscheidbar.

Diese Unterscheidung zwischen einer äußeren Kraft und einem Objekt, das die Wirkung erleidet, entspricht im Bereich der Interaktion (zwischen Menschen oder auch mit den Göttern) der Unterscheidung „Täter“/“Opfer“, wobei das vermeintliche Opfer auch der passiver Nutznießer der Handlungen eines aktiven „Machers“ sein kann. Diese Schemata sind jedenfalls in der menschlichen Geschichte älter und tiefer kulturell verwurzelt als die relativ junge Ursache-Wirkungs-Schemata der vermeintlich „harten“ Wissenschaften. Im klassischen Altertum war es der „Erzeuger“, der die Ursache dessen, was entseht, personifiziert.

 

Literatur:

„Alles Entstehende muß ferner notwendig aus einer Ursache entstehen; denn jedem ist es unmöglich, ohne Ursache das Entstehen zu erlangen. Wessen Erzeuger aber, mit stetem Hinblick auf das stets gsich leiche Verhaltende, nach einem solchen Vorbilde dessen Gestalt und Kraft erschafft, das muß notwendig schon vollendet werden im Ganzen; wessen Erzeuger aber auf das Gewordene  hinblickt und ewas Gewordenes zum Vorbild nimmt, das unschön. Der ganze Himmel aber – oder die Welt oder welxher Name sonst jemandem dafür belieben mag, der sei uns genehm -, von ihm müssen wir zuerst erwägen, was es offenbar anfangs bei jedem zu erwägen gilt, ob er stets war und kein Anfang seines Antstehens stattfand, oder ob er, von einem Anfange ausgehend, entstand.

Er entstand; denn er ist sichtbar und tastbar und hat einen Körper. Alles Derartige aber ist wahrnehmbar, alles Wahrnehmbare aber, durch Vorstellung vermittels Sinneswahrnehmung zu erfassen, zeigte sich als ein Werdendes und Erzeugtes; von dem Gewordenen aber behaupten wir ferner, daß es notwendig aus einer Ursache hervorging.

Also den Urheber und Vater dieses Weltalls aufzufinden, ist schwer, nachdem man ihn aber auffand, ihn allen zu verkünden, unmöglich. Dies aber müssen wir ferner über es erwägen, nach welchem Vorbilde sein Werkmeister es auferbaute, ob nach dem stets ebenso und in gleicher Weise Beschaffenen oder nach dem Gewordenen. “

Platon: Timaios 28 a – c/29 a.  Sämtliche Werke, Bd. 5, Hamburg (Rowohlt) 1985, S. 154.




18 Gedanken zu „15.4 Das Ursache-Wirkungs-Schema zur Erklärung der Bildung fremdorganisierter, zusammengesetzter Einheiten ist analog zur Subjekt-Objekt-Spaltung konstruiert, d.h. Subjekt und Objekt des Organisationsprozesses, Aktivität und Passivität, sind unterscheidbar.“

  1. „Allen […] Anschauungen ist eines gemeinsam: sie erfassen das Sein als etwas, das mir als Gegenstand gegenübersteht, auf das ich als auf ein mir gegenüberstehendes Objekt, es meinend, gerichtet bin. Dieses Urphänomen unseres bewussten Daseins ist uns so selbstverständlich, dass wir sein Rätsel kaum spüren, weil wir es gar nicht befragen. Das, was wir denken, von dem wir sprechen, ist stets ein anderes als wir, ist das, worauf wir, die Subjekte, als auf ein gegenüberstehendes, die Objekte, gerichtet sind. Wenn wir uns selbst zum Gegenstand unseres Denkens machen, werden wir selbst gleichsam zum anderen und sind immer zugleich als ein denkendes Ich wieder da, das dieses Denken seiner selbst vollzieht, aber doch selbst nicht angemessen als Objekt gedacht werden kann, weil es immer wieder die Voraussetzung jedes Objektgewordenseins ist. Wir nennen diesen Grundbefund unseres denkenden Daseins die Subjekt-Objekt-Spaltung. Ständig sind wir in ihr, wenn wir wachen und bewusst sind.“ Karl Einführung in die Philosophie. München 1953, S. 24f. Diese Differenz gilt Jaspers zufolge als zumindest für den Verstand untilgbar.
    In anderer Form findet sich die Differenzierung von Subjekt und Objekt in der Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann, beispielsweise in der Anwendung der Grundoperation der Unterscheidung von System und Umwelt auf psychische Systeme. Luhmann versteht systemische Differenzierungen aber nicht als Gegenstand ontologischer Beschreibungen.

  2. @1-3: Die Spaltung zwischen Subjekt und Objekt oder auch System und Umwelt ist ein „Speisekartenartefakt“, d. h. ein Aspekt der Operation des Beobachtens – des Unterscheidens (siehe den Anfang all dieser Texte), was als Grundlage aller kognitiven und kommunikativen Strukturen zu betrachten ist.

  3. @4: „Speisekartenartefakt“
    Das müsste eine überaus ausführliche und detaillierte Speisekarte sein, die die Selbstreflektionen des Subjekts abbilden könnte. Gemeint ist wohl der Unterschied zwischen dem Fühlen und dem Mentalisieren, zwischen dem Erleben und dem Erzählen.

  4. @5: Nein. Es geht ja immer drum, wo man die Genese eines Phänomens verortet. Und die Subjekt-Objekt-Unterscheidung ist vom Beobachter produziert.

  5. @6: Die Verortung der Genese eines Phänomens bezieht sich auf das Ursache-Wirkungs-Schema. Bei der Subjekt-Objekt-Spaltung geht es jedoch nicht drum, wo man die Genese eines Phänomens verortet, sondern dass man sich bei der Selbstreflektion zum Objekt macht. Speisekartenartefakte sind Symbole, die eine Identität von Besonderem und Allgemeinem suggerieren und auf repräsentative Weise das Sensorische (Repräsentant) mit dem Psychischen (Repräsentiertes) vereinen.

  6. Schwierig, passt schon wieder zu Bloch.
    … man muß es dann halt in den entsprechenden zeitlichen Rahmen stellen,
    bevor das Ganze – durch Anlegen von formellen Fortmaten bzw. Formatierungs-Maßstäben- gänzlich abzugleiten droht.

    „Manchmal denke ich: Die führenden Politiker der Bundesrepublik sind doch intelligent. Daß sie nicht sehen, was ich zeige und von anderen gezeigt wurde, ist nicht möglich. Wagen sie nicht, zu sagen, was sie denken, und aus ihrem besseren Wissen die Konsequenzen zu ziehen? Verstricken sie sich in ein Netz von Illusionen, die sie am Ende auf Gegenseitigkeit und durch Gewohnheit fast glauben? Sie riskieren ihr politisches Dasein, wenn sie die Wahrheit sagen. Daß er dieses Dasein einzusetzen wagt, ist aber das Kriterium für den Ernst des Politikers. Der Schriftsteller riskiert nichts als sein öffentliches Prestige.
    Daß wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen. Aber Wille kann gegen Wille stehen. Die kommunikationslose Brutalität tritt auf: „So will ich“, „das ist nun einmal mein Wille“, „da gibt es keine Erörterung“, „wer nicht für mich ist, der ist wider mich“. Aber auch dann noch ist ein Mensch als solcher, weil er keine Bestie ist, verpflichtet, zu wissen, was er als Folge seines Tuns und Denkens mitwollen oder in Kauf nehmen muß. Der Wille kann ein Ziel so absolut setzen, daß er alles, nicht nur sich selbst, sondern auch den Untergang der Menschheit daraufhin zu wagen bereit ist, so wie Hitler bei seinem Scheitern das ganze Volk mit sich in den Abgrund reißen, Deutschland zur Wüste machen wollte. Solcher Wille, der alles, was ist, auf eine Karte setzt, ist nicht widerlegbar, sondern von denen, die nicht so wollen, als das Böse in Ketten zu legen. Diese Ketten kommen am Ende nur aus den wirksamen Überzeugungen der Völker. Wenn diese versagen, bricht das Verhängnis des Bösen ein.
    Ich werde das Unheil des gegenwärtigen Zustands zeigen. Ich sehe einen pseudopolitischen Betrieb, der dem Ernst politischen Willens, wenn dieser nur auftritt, nicht widerstehen könnte.
    Wenn ich auch nicht die einzige Wahrheit vertrete, so möchte ich doch, daß das, was ich vorbringe, als ein Ganzes stehe, mitgedacht und geprüft werde. Ich habe die Hoffnung, solche Gedanken könnten einmal Realität gewinnen.

    Basel, November 1965 Karl Jaspers

    SP , ISBN 3-492-10849-0,
    10. Aufl. 1988

  7. Daß alles mit allem verbunden ist, energetisch/ molekular konstruiert, zeigt uns die Systemtheorie, die Physik, die Chemie, die Sozialwissenschaften, die Literatur ..

    Änderungen können als Emergenz beschrieben werden.

    Das Ursache/ Wirkungsschema, die Subjekt/ Objektspaltung ist eine Art der Beobachtung, die interpunktiert …., die Anfang und Ende konstruiert …,
    die Schuld, Causa konstruiert …

  8. und dennoch kann alles immer anders kommen,
    Emergenz ist abhängig von den denkenden und handelnden „Komponenten“, wenn, wie Watzlawick sagte, die Fiktion des freien Willens in das Denken eingeführt wird,
    wenn jeder für sein Denken und Handeln (HvF) verantwortlich gedacht wird …

  9. die Rechtssprechung tut sich da sehr, naturgemäß, sehr schwer,
    diese mühsamen Versuche, Schuld zu definieren und Umstände zu erklären ..,

    wer weiß schon immer was er/sie tut mit welchen Folgen ..

  10. @12: Schuld hat das Gehirn. Alles, was wir für selbständige Entscheidungen halten, finde in Wahrheit im Hirn statt. Wenn wir Entscheidungen zu treffen glauben, dann gewinnt automatisch die, die sich im Gehirn durchsetzt, weil sie die spitzigsten neuroelektrischen Ellenbogen hat. Das Kleinkind Mensch am Gängelband der Neuronen.

  11. @13: Die Zuweisung von Verantwortung für die Handlungen eines Menschen zu diesem Menschen scheint mir eine sozial ziemlich nützliche bzw. praktische Idee… (ob die Entscheidung dabei „wirklich“ der Aktivität des Gehirns oder des Darms zuzurechnen ist, ist vollkommen egal).

    Natürlich ist die Idee charmant, eine Anzeige in die Zeitung zu setzen: „Für die von meinem Gehirn gemachten Schulden übernehme ich keine Haftung!“ – und damit durchzukommen…

  12. Wer schuld hat und Schulden macht, muss selbstverständlich dafür haften, selbst wenn er hinterher nicht plausibel erklären kann, warum er den Fremden umgebracht oder sie schon wieder neue Stiefel gekauft hat. Solche Handlungen – oft als „impulsiv“ oder „instinktiv“ oder „intuitiv“ oder als „Bauchentscheidung“ beschrieben – werden über das Gehirn und das gesamte Nervensystem gesteuert und fühlen sich im Augenblick der Handlung „richtig“ an. Hinterher schüttelt man selbst über sich den Kopf.
    Anders verhält es sich bei einem Börsen-Crash, der oft als irrationale Übertreibung panischer Anleger erklärt wird, obwohl hier das Versteigerungs-Prinzip des Systems Börse zum Tragen kommt, das zu übertriebener Irrationalität in oft extrem kurzen Augenblicken und zu einem (dann wiederum) rationalen, weil vom System bedingten Handlungszwang führt. Deshalb plädieren Systemkritiker für eine Änderung des Börsenhandels vom permanent-kontinuierlichen Trading zum sukzessiven Intervall-Handel einmal pro Stunde oder zweimal pro Tag – dann bleibt mehr Zeit zum Nachdenken.

  13. @ 15 „Die Zuweisung von Verantwortung für die Handlungen eines Menschen zu diesem Menschen scheint mir eine sozial ziemlich nützliche bzw. praktische Idee…“

    Aus meiner Erfahrung funktioniert diese Konstruktion sehr gut,
    insbesondere dann wenn diese „Konstruktion“ kommuniziert wird.

    In unserer psychologisierten, “gerechtigkeitsverliebten“ Gesellschaft wird die Bewertung eines Geschehens gerne von der Erklärung abhängig gemacht statt von der Beschreibung.
    Das führt zu unendlichen Hypothesen, Diskussionen etc.
    und schon Kinder wissen sehr geschickt Erklärungen zu (er-)finden, die eben alles erklären, um einer Rüge oder Strafe zu entgehen …

    „Als der Wolf vom König der Tiere, dem Löwen, gefragt wurde warum er das Kaninchen gefressen habe, antwortete er, es habe die Nase so hochgezogen (wie es Kaninchen so an sich haben )…“

  14. @17: Sofort denke ich an unselige Zeiten, in denen Menschen mit gekrümmten Nasen gejagt wurden wie Hasen. Damals diente die Konstruktion einer arischen Herrenrasse und einer minderwertigen jüdischen Rasse den Jägern als Rechtfertigung. Zudem spielte nicht bloß dieses „auserwählte“ Merkmal, sondern auch der finanzielle Reichtum und die intellektuelle Bildung eine Rolle bei der Umkehrung des unbewussten Minderwertigkeitskomplexes in eine vermeintlich rassische Superiorität.

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