16.2 Die Einheit der Beobachtung (= Form) besteht aus einer zusammengesetzten Einheit/einem System und seinen spezifischen Umwelten (wobei den Umwelten bzw. dort verorteten Ereignissen nicht die „Ursache“ für beobachtete Strukturierungen und Veränderungen der unterschiedenen Einheit zugeschrieben wird, sondern lediglich die Eröffnung und Begrenzung von Möglichkeiten der Strukturierung und Veränderung)..

Selbstorganisation heißt immer auch Selbstregulation, d.h. ein solches System zeigt ein nicht ohne weiteres von außen steuerbares Verhalten (obwohl es da graduelle Unterschiede gibt, vor allem zwischen technischen und lebenden Systemen).

Bezogen auf die Untersuchung des Menschen als „problemlösendes System“ und seine Beziehung zu seiner Umwelt, die ihn vor Probleme stellt, ist vor allem auf die Arbeiten von Allen Newell und Herbert A. Simon hinzuweisen, die ebenfalls mit Konzepten der Selbstregulation und -organisation arbeiten und so die Grundlagen für die heute so beeindruckenden (und teilweise auch beängstigenden) Fortschritte der KI gelegt haben (wenn – in naher Zukunft – der Toaster intelligenter sein wird als sein Bediener).

 

Literatur:

„Viele selbstregulierende Systeme waren auch bereits bekannt. Das heißt, man kannte einzelne Fälle, aber das Prinzip war noch nicht entdeckt. In der Tat zeicht die Rigidität der abendländischen Erkenntnistheorie gerade in der wiederholten Entdeckung von Fällen in der Unfähigkeit, das zugrundeliegende Prinzip wahrzunehmen. Zu den Entdeckungen und Wiederentdeckungen des Prinzips gehören Lamarcks Transformismus (1809), James Watts Erfindung des Reglers für die Dampfmaschine (spätes achtzehntes Jahrhundert), Alfred Russel Wallaces Wahrnehmung der natürlichen Selektion (1856), Clark Maxwells mathematische Analyse der der Dampfmaschine mit Regler (1868), Claude Bernards milieu interne, hegelianische und marxistische Analysen des sozialen Prozesses, Walter Cannons Wisdom of the Body (1932) und die verschiedenen wechselseitig voneinander abhängigen Schritte in der Entwicklung der Kybernetik und Systemtheorie wärhend und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.

Schließlich zeigte der berühmte Aufsatz von Rosenblueth, Wiener und Bigelow [1] in der Philosophy of Science, daß der selbstregulierende Kreislauf und seine vielfältigen Varianten Möglichkeiten boten, um die Anpassungsfunktionen von Organismen zu modellieren. Das zentrale Problem der griechischen Philosophie – das Problem der Zwecksetzung, das für zweitausendfünfhundert Jahre ungelöst blieb – wurde nun einer strengen Analyse zugänglich. Es wurde sogar möglich, so wunderbare Abfolgen zu modellieren, wie den Sprung einer Katze, der so kalkuliert und gerichtet ist, daß die Katze da landet, wo die Maus bei der Landung sein. wird.“

Bateson,, Gregory (1979): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt (Suhrkamp) 1982, S. 132f.

[1] Rosenblueth, A. N. Wiener, J. Bigelow; Behavior, Purpose and Teleology. Philosophy of Science 10 (1943), 18 – 24.

„Thus, the environment per se does not make demands: rather the problem or goal makes them via the problem solver’s commitment to attain it. The features of the environment that give rise to these demands constitute the relevant structure or texture of the environment (…)“

Newell, Allen, Herbert A. Simon (1972): Human Problem Solving. Brattleboro, Vermont (Echo Point Books & Media) 2019, S. 79.

„(…) These examples suggest that a suitable way to fix the boundary is to regard possibilities of actual physical actions as part of the description of the environment, but to regard the information processing activities of the problem solver – the process for searching through his internal prblem space – as describing him.“

Newell, Allen, Herbert A. Simon (1972): Human Problem Solving. Brattleboro, Vermont (Echo Point Books & Media) 2019, S. 81.




7 Gedanken zu “16.2 Die Einheit der Beobachtung (= Form) besteht aus einer zusammengesetzten Einheit/einem System und seinen spezifischen Umwelten (wobei den Umwelten bzw. dort verorteten Ereignissen nicht die „Ursache“ für beobachtete Strukturierungen und Veränderungen der unterschiedenen Einheit zugeschrieben wird, sondern lediglich die Eröffnung und Begrenzung von Möglichkeiten der Strukturierung und Veränderung)..”

  1. „Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.
    Franz Kafka

    Diese „Kleine Fabel“ ist eine Parabel über eine verzweifelte Maus von Franz Kafka, die 1920 entstand. Sie wurde postum von Max Brod herausgegeben, der ihr auch den Titel gab.

    Die Maus ist ein wirklich bedauernswertes, unfreies, verängstigtes Geschöpf. Fast nie ist die Welt so, wie sie sie haben möchte. Zwischen zu weit und immer enger werdend gibt es nur ein schmales Zustandsfenster der Behaglichkeit für sie, bezeichnenderweise der Anblick der in der Ferne auftauchenden begrenzenden Mauern. Sie läuft wie hypnotisiert der Falle entgegen, als gäbe es keinen anderen Weg. Der Rat der Katze, doch die Richtung zu ändern, könnte an sich der Rat eines Freundes sein, der einen Ausweg aus festgefahrenem Denken zeigen möchte. Nur zu diesem Zeitpunkt und von der Katze vorgebracht ist er zynisch und sinnlos. Man spricht daher von einer „kafkaesken Situation“, denn nicht die Falle ist die Gefahr, sondern die sich unbemerkt heranschleichende Katze selbst. Die Falle stand einfach nur da. Hätte die Maus nicht die Entscheidungsmöglichkeit gehabt, ihr nicht nahezukommen? Aber die Frage ist ohnehin müßig. Das Näherkommen der Katze als die eigentliche Todesgefahr hat die Maus und der Leser gar nicht bemerkt, also hatte sie auch keine Gelegenheit, sich davor zu fürchten. Ansonsten ist die Maus ganz eingesponnen in ihre Ängste und Zwänge. Ist es da nicht fast eine Erlösung, wenn die Katze diese Existenz beendet?

  2. @“(wobei den Umwelten bzw. dort verorteten Ereignissen nicht die „Ursache“ für beobachtete Strukturierungen und Veränderungen der unterschiedenen Einheit zugeschrieben wird, sondern lediglich die Eröffnung und Begrenzung von Möglichkeiten der Strukturierung und Veränderung.“

    Wo endet der Text in Klammern?

    Falls er am Ende des Satzes endet, wäre ein Komma anstelle einer öffnenden Klammer orthografisch geschickter.

  3. @2: An Ende des Satzes. Klammern und Kommas setzt man ja nicht nur aufgrund orthographischer Regeln, sondern auch aus inhaltlichen Gründen (um z.B. Nebengedanken als solche zu kennzeichnen).

  4. Kommata,
    soweit bekannt …

    Wenn schon davon die Rede ist:
    „Das zentrale Problem der griechischen Philosophie – das Problem der Zwecksetzung, das für zweitausendfünfhundert Jahre ungelöst blieb – wurde nun einer strengen Analyse zugänglich.“
    und auch Bezug auf einen Artikel aus Jg. 1943 genommen wird.

    … aber dazu muß man dann schon ein etwas fortgeschrittenes Modell aus einem soliden Journal befragen, der auch – offenbar mit allen Wassern gewaschen und sämtlichen Weihen gekürt- noch was von den Fällen versteht …

    https://www.abendblatt.de/meinung/article208027565/Tempus-Tempora-Tempi-und-noch-einiges-mehr.html

    🙂

  5. @6
    JA!
    Und so unglaublich das auch wirkt, wie ein Mensch in der Lage ist
    -fast bzw. quasi alleine- ein derart umfangreiches und großartiges Werk zusammenzustellen, es läßt wiederum hoffen und zeigt auch auf,
    wie Vielgeschmähtes in Fluß gebracht, ideologisch Verfärbtes in seiner Entwicklung
    verstanden und aufgezeigt und in seinen „Essentials“ dargestellt werden kann.

    Ich persönlich habe sie so satt, die ewig sich beklagenden, friedensbewegten Prediger*Innen. Blockierend auf der ganzen Linie, was und weil es gerade so comme il faut bzw. comod ist; nichts ahnend, was vor dem Strich stand bzw. steht.

    „ …; dieser menschliche Reichtum wie der von Natur insgesamt lieget einzig in der Tendenz-Latenz, worin die Welt sich befindet – vis à-vis de tout. Mit diesem Blick also gilt: Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor der Erschaffung der Welt als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: HEIMAT.“

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