16.5 Veränderungen selbstorganisierter Systeme können sowohl durch die Einwirkung von Kräften, Operationen, Akten etc., die in den jeweiligen Umwelten verortet werden, bewirkt werden (=passiv), als auch durch die eigenen rückbezüglich wirkenden Operationen dieser Einheiten/Systeme selbst (=aktiv).

Diese Unterscheidung zwischen innen und außen bzw. der Lokalisierung der Gründe für Veränderung eines selbstorganisierenden Systems setzt zum einen voraus, dass ein Beobachter solch eine Unterscheidung vornimmt und das jeweilige System nicht als isoliert betrachtet, sondern als  Komponente/Element einer größeren Einheit, die aus System und Umwelt(en) gebildet wird. Wenn er diese Grenzziehung vorgenommen hat (was nicht immer einfach ist, manchmal auch willkürlich oder wie auch immer sachlich begründet vorgenommen werden kann/muß), ergibt sich die zentrale Frage, wo die
Auslöser für Veränderungen verortet werden. Das ist speziell dort von praktischer Bedeutung, wo gezielt ein Wandel des Systems angestrebt wird, z.B. wenn es um die gewünschte Veränderung des Verhaltens eines Individuums geht: Wir versucht seine Psyche zu beeinflussen (z.B. durch Psychotherapie, Erziehung, etc.), sein Gehirn (z.B. Psychopharmakagabe, Elektroschock, etc.), oder es wird versucht, die Spielregeln der Interaktion zu verändern, die dafür sorgen, dass – in der Kopplung von Organismus, Psyche und sozialem System – ein autonomer Prozeß der Selbstorganisation eines dieser Systeme durch Veränderung einer seiner Umwelten beeinflußt wird (dessen Resultat sich dann allerdings auch nicht vorhersagen läßt). Interveniert man in das System oder die Umwelt, das ist stets die pragmatisch relevante Frage – wobei man fast immer beides tut, ohne sich dessen angemessen bewußt zu sein.

 

Literatur:

„Was mich im gegenwärtigen Augenblick besonders interessiert, das ist nicht so sehr die Energie aus der Umwelt, die vom System verdaut wird, sonder die Nutzung der Umweltordnung durch das System. Mit anderen Worten, die Frage, die ich gern beantworten würde, lautet: »Wieviel an Ordnung, wenn überhaupt, kann unser System von der Umwelt assimilieren?«“ (S. 117)

[…]

„Wir wollen uns nun wieder unseren selbst-organisierenden Systemen zuwenden. Von solchen Systemen erwarten wir, daß sie ihre innere Ordnung vergrößern. Um diesen Prozeß zu beschreiben, wäre es zuerst einmal schön, wenn wir »innere« definieren könnten, und zweitens, wenn wir irgendein Maß für Ordnung hätten. Das erste Problem entsteht immer dann, wenn wir es mit Systemen zu tun haben, die nicht von einer Haut überwachsen sind. In solchen Fällen liegt es an uns, die geschlossene Grenze des Systems zu definieren. Dies kann jedoch Schwierigkeiten bereiten, denn wenn wir einen bestimmten Bereich im Raum als den intuitiv richtigen Platz für unser selbst-organisierendes System ansehen, dann kann es sich herausstellen, daß eben dieser Bereich überhaupt keine selbst-organisierenden Eigenschaften aufweist, und daß wir gezwungen sind, eine andere Wahl zu treffen, in der Hoffnung diesmal größeres Glück zu haben. Genau diese Schwierigkeit tritt etwa auf in Verbindung mit dem Problem der »Lokalisierung von Funktionen« im Großhirn.

Wir können die Argumentation andersherum aufziehen, indem wir usner Grenze jeweils als die Hülle desjenigen Bereichs im Raum definieren, der die gewünschte Zunahme an Ordnung zeigt. Aber auch damit geraten wir in Schwierigkeiten; ich kenne nämlich kein Gerät, das angeben würde, ob es an einen selbst-desorganisierenden oder eine selbst-organisierenden Bereich angeschlossen ist, und das uns somit eine solide operationale Definition liefert.

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus der Möglichkeit, daß diese  selbst-organisierenden Bereiche sich nichtt nur ständig im Raum bewegen und in ihrer Form verändern, sondern daß sie auch hier und dort spontan auftreten und wieder verschwinden können, so daß der »Ordometer« diesen völlig ungreifbaren Systemen nicht nur nachlaufen, sondern auch den Ort ihrer Entstehung riechen muß!“ (S. 119f.)

Foerster, Heinz von (1960): Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten. In: ders. (1999): Sicht und Einsicht. Heidelberg (Carl Auer Verlag).

 

 




1 Gedanke zu “16.5 Veränderungen selbstorganisierter Systeme können sowohl durch die Einwirkung von Kräften, Operationen, Akten etc., die in den jeweiligen Umwelten verortet werden, bewirkt werden (=passiv), als auch durch die eigenen rückbezüglich wirkenden Operationen dieser Einheiten/Systeme selbst (=aktiv).”

  1. „diese selbst-organisierenden Bereiche sich nichtt nur ständig im Raum bewegen […], so daß der »Ordometer« diesen völlig ungreifbaren Systemen nicht nur nachlaufen, sondern auch den Ort ihrer Entstehung riechen muß“
    Also ähnlich wie bei einem Hund und seinem Herrchen, wobei es dabei um den Ort der Entleerung handelt.

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