16.6.2 Der Symmetriebruch kann als „Import“ von Negentropie (=Ordnung) aus der Umwelt in das System interpretiert werden (was nicht passiv zu verstehen ist, sondern der ordnenden Aktivität des Systems bedarf).

Mit dem Aufbau von Strukturen ist aber – der Theorie gemäß – die Abnahme von Entropie, d.h. von Unordnung, innerhalb des jeweiligen Systems verbunden. Zugespitzt formuliert heißt dies: Das System bewegt sich von einem wahrscheinlicheren zu einem unwahrscheinlicheren Zustand. Während der Entropiesatz nahe legt, dass sich innerhalb des Systems die Unterschiede ausgleichen und die Elemente sich entkoppelt voneinander, individuell bewegen (was dann nur noch statistisch zu erfassen ist), entstehen bei der Strukturbildung Unterschiede zwischen den Elementen, und ihr Verhalten ist relativ fest aneinander gekoppelt. Man kann auch sagen: Das System durchläuft einen Prozess, in dem „negative Entropie“ produziert wird. Hier ergibt sich eine Brücke zur Kommunikationstheorie, denn diese Abnahme von Entropie kann als Maß für Information (formation within) betrachtet werden. Zumindest tun Shannon und Weaver (1949) dies in ihrer technischen Informationstheorie. Sie zeigen, dass das statistische Maß für negative Entropie dasselbe ist wie für Information: ein Maß für die Anzahl von Binärentscheidungen. Schrödinger (1967) nennt diese Größe dann „Negentropie“. Durch die Bildung/den Import von Negentropie entstehen in einem System Asymmetrien, und Symmetriebrüche sind die Grundlage jeder Strukturbildung.

Heinz von Foerster weist – in Erweiterung, aber auch in Abgrenzung von Schrödinger – darauf hin, dass Ordnung nicht nur durch Ordnung (=Import von Negentropie) entstehen kann, sondern auch durch „Order from noise“ (in der deutschen Übersetzung leider als „Ordnung durch Störung“ bezeichnet) selbstorganisiert entstehen kann (s. unten). Das schließt daran an, dass der Organisationsprozeß einer Aktivität des Systems zuzurechnen ist und das System letztlich entscheidet, wie es auf die äußere Unordnung oder die Störung bzw. das Rauschen seiner Umwelt (z.B. der dort produzierten Unsicherheit und Nicht-Vorhersagbarkeit) reagiert (z.B. mit Strukturbildung).

Anzumerken ist noch, dass es zwischen der Definition der Begriffe Information in der mathematischen Informationstheorie und der mathematischen Definition von Negentropie überschneidungen gibt (s. Shannon/Weaver). Information ist dann eng verbunden mit der Bildung von internen Formen (= formation within).

 

Literatur:

„Wie würden wir die wunderbare Fähigkeit eines lebenden Organismus, den Zerfall in das thermodynamische Gleichgewicht (Tod) zu verzögern, in der Ausdrucksweise der statistischen Theorie darstellen? Wir sagten: »Er nährt sich von negativer Entropie«, indem er  sozusagen eiien Strom negativer Entropie zu sich hin zieht, um die Entropieerhöhung, welche er durch sein Leben verursacht, auszugleichen und sind damit auf einer gleichmäßigen und ziemich tiefen Entropiestufe zu halten.“

Schrödinger, Erwin (1944): Was ist Leben? München (Piper) 1987, S. 128f.

„Ich möchte daher zwei Mechanismen als wichtige Schlüssel zum Verstehen selbst-organisierender Systeme nennen: den einen können wir nach Schrödingers Vorschlag das Prinzip »Ordnung aus Ordnung« nennen, den anderen das Prinzip »Ordnung durch Störung«.“

Foerster, Heinz von (1960): Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten. In: ders. (1999): Sicht und Einsicht. Heidelberg (Carl Auer Verlag), S. 128.

Shannon, Claude, Warren Weaver (1949): The Mathematical Theory of Communication.
Urbana (Univ. of Illinois Press).

„Die Unordnung, Ungeordnetheit, mangelnde Musterung oder auch Zufallsorganisation eines Systems ist als Entropie bekannt. Die Abnahme der Entropie kann als Maß für die Informationsmenge betrachtet werden. Wiener und Shannon stellten fest, daß das statistische Maß für negative Entropie dasselbe ist wie für Information. Schrödinger (1967) nannte es »Negentropie«. Wiener demonstrierte, daß »Information« und »Negentropie« begrifflich das gleiche beinhalten.

Später wurde die Beziehung zwischen den beiden Begriffen »negative Entropie« und »Information« von DeBeauregard (1961) allerdings etwas genauer definiert, und zwar unter Verwendung von zwei Bedeutungen, die für unsere Forschung aufschlußreich sind.

Die Kybernetik zeigt dazu, »Negentropie« und »Information« durch eine Art subjektiver Verdoppelung zu definieren und die Möglichkeit eines Übergangs in zwei Richtungen zuzulassen:

Negentropie <—> Information

Wir möchten aber festhalten, daß die Bedeutung des Wortes Information nicht in beide Richtungen dieselbe ist: Im direkten Übergang Negentropie Information bedeutet »Information« Erwerb von Kenntnissen… Im umgekehrten Übergang Information Negentropie bedeutet »Information« Organisationsvermögen.“

Selvini Palazzoli, Mara, Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin, Giuliana Prata (1980): Hypothetisieren – Zirkularität – Neutralität: Drei Richtlinien für den Leiter der Sitzung. In: Selvini, Matteo (Hrssg.) (1985): Mara Selvinis Revolutionen. Die Entstehung des Mailänder Modells. Heidelberg (Carl Auer Verlag) 1992, S. 279.




5 Gedanken zu “16.6.2 Der Symmetriebruch kann als „Import“ von Negentropie (=Ordnung) aus der Umwelt in das System interpretiert werden (was nicht passiv zu verstehen ist, sondern der ordnenden Aktivität des Systems bedarf).”

  1. Ähnlich wie Import und Export ergänzen sich die beiden widersprüchlichen Ordnungsregeln: erst Hose, dann Schuhe und erst Schuhe, dann Hose. Die erste gilt morgens, die zweite abends.

  2. @1: Solche zeitlichen Ordnungen zu respektieren, erhöht die Lebensqualität. Anderes Beispiel: der Gang auf die Toilette – erst die Hosen runter…

  3. @2: Gut zu wissen – vor allem am World Toilet Day, denn dann erschallt weltweit wieder der Aufruf „Donate now!“.

  4. … es empfiehlt sich jedoch vor dem „Hosen runter“ noch die Börse mitsamt
    dem Handy aus der bzw. den Gesäßtaschen zu nehmen;
    isses auch vollkommen egal, ob es sich bei dieser Prozedur
    eher um li. oder re. Träger handelt; …

    Hauptsache, das große Geschäft verkantet sich nicht,
    findet auch seinen rechten Weg und landet schlußendlich nicht neben bzw. auf der Brille; erleichternd wirkt auch, wenn dabei etwaige PUPse nicht stecken bleiben bzw. ohne große Schaumentwicklung ab der Bauhinschen Klappe erst auf und nach der Biege anschließend vom Semikolon auch wieder abwärts ihren richtig gleitfähigen Treiber finden, in und mit der entsprechenden sigmoidalen Kurvengängigkeit, versteht sich …

  5. @4: Die Emigrations-Potenz der Zellen wurde durch eine Funktion ausgedrückt, die sigmoidal mit dem Zellalter ansteigt. Die Schonung der Risikoorgane wurde mit Hilfe der Subvolumina D0,1 cc, D2 cc, and D5 cc der Rektumwand, Sigmoid und der Harnblase evaluiert.

Schreibe einen Kommentar