18.1 Autopoietische Systeme: Wenn das Netzwerk der Interaktionen der Komponenten oder Elemente einer zusammengesetzten Einheit eine Innen-außen-Unterscheidung (= System-Umwelt-Unterscheidung/Eigenstruktur) herstellt, soll solch eine Einheit autopoietisches System genannt werden.

Das Konzept des autopoietischen Systems stammt von Humberto Maturana und Francisco Varela (zwei chilenischen Biologen), die Autopoiese als die (!) Definition des Lebens bzw. lebender Systeme entwickelten. (Die beiden haben längere Zeit zusammengearbeitet, aber schließlich aufgrund von Prioritätenstreitigkeiten nicht mehr miteinander geredet, so dass man beide nicht mehr zum selben Kongress einladen konnte, weil jeder ablehnte zu kommen, wenn der andere ebenfalls eingeladen wäre – wer an beiden interessiert war, hatte ein ähnliches Erleben wie die Freunde von Scheidungspaaren, die immer wieder forderten, sich für den einen oder die andere Partnerin zu entscheiden).

Dieses Konzept wurde – unter Praktikern – zunächst von Familientherapeuten (z.B. Karl Tomm, Kurt Ludewig) übernommen, um die Kommunikation in Familien (als sozialen Systemen) als autopoietisch zu erklären. Von Seiten der Soziologie war es dann Niklas Luhmann, der soziale Systeme als autopoietischen Kommunikationssysteme definierte (sehr zu Leidwesen Maturanas, der allein biologische Systeme als autopoietische Systeme definiert wissen wollte).

Dass auch psychischen Systeme als autopoietisch konzipiert werden können, lag dann nahe, da letzlich alle lebenden und Leben voraussetzenden Systeme diesen Typus der Organisation der sie herstellenden und erhaltenden Prozesse aufweisen.

Literatur:

„Das gegenwärtige biochemische Wissen erlaubt es uns, lebende Systeme als sich selbst erzeugende Systeme zu bezeichnen, die ihre eigenen Grenzen bestimmen und aufbauen. Dies lässt sich formal so aus- drücken: Es gibt eine Klasse mechanistischer Systeme; jedes Element dieser Klasse ist ein dynamisches System, das als Netzwerk von Prozessen der Produktion seiner eigenen Bestandteile definiert ist; diese Bestandteile wirken zum einen durch ihre Interaktionen in rekursiver Weise an der ständigen Erzeugung und Verwirklichung eben dieses Netzwerkes von Prozessen der Produktion mit, das sie selbst produziert hat, und konstruieren zum anderen dieses Netzwerk von Prozessen der Produktion von Bestandteilen als eine Einheit in einem Raum, den sie (die Bestandteile) dadurch definieren, dass sie seine Grenzen verwirklichen.

Solche Systeme nenne ich autopoietische Systeme, und die Organisation eines autopoietischen Systems nenne ich die autopoietische Or- ganisation. Ein autopoietisches System, das durch physikalische Be- standteile verwirklicht wird, ist ein lebendes System.“

Maturana, H. (1978): Repräsentation und Kommunikation. In: H. Maturana (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 280.




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