18.4 Die internen Prozesse autopoietischer Systeme und ihr äußerlich wahrnehmbares Verhalten sind durch ihre jeweils aktuelle interne Struktur festgelegt (=Strukturdeterminiertheit), d.h. durch die konkreten Elemente/Komponenten, aus denen sie sich zusammensetzen, im spezifischen Muster ihrer Kopplungen in Raum und Zeit.

Für alle Typen autopoietische Systeme gilt: Sie verhalten sich immer und ausschließlich
aufgrund ihrer aktuellen internen Strukturen und Prozesse. Sie können nicht direkt von außen gesteuert werden, sondern ihre internen Prozesse sind selbstbezogen (=“operational geschlossen“) und innengesteuert. Aus ihrer „Strukturdeterminiertheit“ resultiert ihre Autonomie…

An dieser Stelle soll noch einmal auf die Parallelen zwischen dem Autopoiesekonzept, speziell dem der „operationalen Schließung“, und dem Konzept der Struktur, wie es die Strukturalisten für unterschiedliche Phänomenbereiche verwenden, hingewiesen werden. Sie bedienen sich algebraischer Modelle, speziell des Modells der »Gruppe«. Sie liefert das abstrakte Modell der Kohärenz von Systemen (Einzelheiten siehe unten die Charakterisierung von »Gruppen« wie sie von Jean Piaget geliefert wurde).

 

Literatur:

„Strukturdeterminierte Systeme erfahren ausschließlich Veränderungen, die durch ihre Organisation und ihre Struktur determiniert sind. Diese sind entweder Zustandsveränderungen (definiert als Veränderungen ihrer internen Struktur ohne Verlust ihrer Identität) oder führen zu ihrer Auflösung (definiert als Veränderungen ihrer Struktur mit Identitätsverlust).

Für diese Systeme gilt:

a) sie können nur Interaktionen durchlaufen, die entweder ihre Struktur verändern und zu Zustandsveränderungen führen, oder die sie auflösen, indem sie Zustandsveränderungen auslösen, die zum Verlust ihrer Identität führen;

b) die Zustandsveränderungen aufgrund von Störeinwirkungen werden durch die Eigenschaften der einwirkenden Entitäten nicht im einzelnen bestimmt, sondern nur ausgelöst;

c) auch die Strukturveränderungen, die zu ihrer Zerstörung fürhen, werden durch die Eigenschaften der zerstörenden Entität nicht im einzelnen bestimmt, sondern nur ausgelöst;

d) die Struktur dieser Systeme legt die Relationen fest, die aufgrund der Interaktionen zwischen ihren Bestandteilen auftreten müssen, wenn die jeweils von außen bedingten Zustandsveränderungen eintreten sollen, sie legt daher die Konfiguration von Eigenschaften fest, die eine Entität aufweisen muß, um mit diesen Systemen zu interagieren und um auf sie verändernd oder zerstörend einzuwirken.“

Maturana, Humberto (1978): Biologie der Sprache: die Epistemologie der Realität. In: H. Maturana (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit.
Braunschweig (Vieweg), S. 242 f.

„Eine Gruppe ist eine Menge von Elementen (zum Beispiel die positiven und negativen ganzen Zahlen), die durch eine Operation (zum Beispiel die Addition) derart miteinander verknüpft sind, daß diese, auf Element der Menge angewendet, wieder ein Element der Menge gibt; es git ein neutrales Element (beim gewählten Beispiel die Null), das, wird es mit ienem anderen verbunden, dieses nicht verändert (hier n+0 = 0+n=n); und es gibt vor allem eine inverse Operation (in diesem vesonderen Fall die Subtraktion), und zwar derart, daß sie, mit der direkten Operation verbunden, das neutrale Element gibt (+n-n = -n+n = 0); schließlich gilt das Assoziativgesetz (hier [n+m]+1 = n+[m+1]). Die Struktur der »Gruppe«, die der ganze Algebra zugrunde liegt, hat sich als außerordentlich allgemein und fruchtbar erwiesen. Man stößt in fast allen Bereichen der Mathematik und Logik auf sie. Auch in der Physik hat sie eine grundlegende Bedeutung erhalten, und es ist denkbar, daß dies eines Tages auch für die Biologie gelten wird. Man muß deshalb die Gründe frü diesen Erfolg zu verstehen versuchen, denn die Gruppe – die als ein Prototyp der Struktur angesehen werden kann und in einem Bereich gilt, wo jede Aussage bewiesen werden muß – liefert die solidesten Gründe dafür, daß man in die Zukunft des Strukturalismus Hoffnunge setzen dart: sie hat eine genaue Form.“

Piaget, Jean (1968): Der Strukturalismus. Olten (Walter) 1973, S. 19f.




11 Gedanken zu “18.4 Die internen Prozesse autopoietischer Systeme und ihr äußerlich wahrnehmbares Verhalten sind durch ihre jeweils aktuelle interne Struktur festgelegt (=Strukturdeterminiertheit), d.h. durch die konkreten Elemente/Komponenten, aus denen sie sich zusammensetzen, im spezifischen Muster ihrer Kopplungen in Raum und Zeit.”

  1. @ „Zustandsveränderungen (Veränderungen ohne Identitätsverlust)
    oder Auflösung (Veränderungen mit Identitätsverlust)“

    Darauf läuft das Ganze hinaus: Leben oder Tod.

  2. eine tatsächliche Struktur
    und
    eine mögliche Struktur

    abhängig von ihrer Koppelung in Raum und Zeit
    abhängig von den Möglichkeiten, die Raum und Zeit bieten …

  3. Alles, was wir wahrnehmen, ist die Folge einer Interpretation durch das Gehirn. Der Wahrnehmungsprozess bei der Gesichtserkennung ist nicht, wie bisher angenommen, mit einem außerordentlichen Energieaufwand des Gehirns verbunden, sondern über Jahrmillionen so trainiert, dass er sogar übers Ziel hinausschießt: Unser Hirn zwingt uns, auch in unförmigen Strukturen mit willkürlich verteilten Erhebungen und Vertiefungen ein Gesicht zu erkennen, zum Beispiel bei Wolken, Milchschaum und Mondkratern.
    Möglicherweise unterliegen Systemiker manchmal ähnlichen Täuschungen.

  4. Das ist unsere Aufgabe,
    die Wahrnehmungsprozesse unserer unterschiedlichen Gehirnquartiere als solche zu identifizieren (siehe Sapolsky) und zu erforschen/ erkennen was wir da gerade prozessieren.

    Zu differenzieren was wie zusammenhängt, raus aus der Beliebigkeit.

    PS: ich finde es wesentlich interessanter auf der Sachebene zu bloggen,
    die Beziehungsebene interessiert mich eigentlich hier garnicht 🤓

  5. @6: Ja, die Beziehungsebene ist absolut uninteressant – finde ich aus sachlich-fachlicher Sicht.

  6. WIE?
    geht’s jetzt hier um BART ab, oder was?
    … naja auch egal,
    Nur eins ist klar,
    ohne Latte zum Aufstehen, komm ich morgens sowie nicht aus meim Bett

  7. „… die Frage lautet, ob es Individuen, Dorfbewohnern, den Mitgliedern eng zusammengewachsener Gruppen besser gehen würde, wenn sie, sagen wir, das Minnesota Multiphasic Personal Inventory [MMPI] nutzen würden, statt das zu tun, woran sie gewöhnt sind. Wir wissen es nicht und werden es niemals wissen – es gibt keine Möglichkeit, außer der Tyrannei, unverfälschte Beispiele zu erhalten wie sie für eine wissenschaftliche Überprüfung nötig wären. Nebenbei, selbst ein strenger wissenschaftlicher Test mit angemessenen, ausgewählten Beispielen hinge davon ab, was als >>besseres Leben<< betrachtet würde. Einige Menschen könnten häufige Streiterein einer besinnlichen Friedhofsruhe vorziehen."

    Feyerabend, P.K.
    PASSAGEN Verlag,
    a.a.O.
    S. 223 f

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