18.6.1 Ereignisse in den Umwelten autopoietischer Systeme können die Zustände, Prozesse, Strukturen oder Verhaltensweisen autopoietischer Systeme lediglich irritieren (=perturbieren), d.h. stören oder anregen, aber nicht determinieren.

Der Begriff der Perturbation wurde von Humberto Maturana in die Diskussion eingeführt. Er bezog sich dabei auf Lebewesen als autopoitische Systeme (die er gelegentlich auch autopoietische Maschinen nennt). Es will damit eine Art des Einflusses – bei dem gerade nichts irgendwo reinfließt, insofern ist das Wort falsch gewählt -, also besser: eine Art der Reaktion auf Umweltereignisse benennen, die anders erfolgt als im klassischen Ursache-Wirkungsschema, nämlich innengesteuert und durch die internen Zustände des Systems bestimmt. Ins Deutsche übersetzt müsste man es wohl mit zwei gegensätzlichen Benennungen versehen: Störung (wenn sie negativ bewertet werden) und Anregung (wenn sie positiv beweret werden). In der Soziologie, die mit dem Autopoiesekonzept arbeitet, wird – synonym – meist von Irritation gesprochen (und in der Psychologie wird merkwürdigerweise ganz wenig über diese Art der Beziehung gesprochen, da ja jeder Psychotherapeut, Lehrer oder Erzieher usw. täglich die Erfahrung  macht, dass die von ihm gesetzten „Ursachen“ (Interventionen) manchmal als Störung und manchmal als hilfreiche Anregung erlebt werden. Oder anders formuliert: Sie erleben, dass der von ihnen gegebene, vermeintliche „Input“ nicht zu dem erhofften „Output“ führt – was dann eigentlich jedem klar machen müsste, dass im Umgang mit autopoietischen Systemen das Input-Output-Modell nicht oder nur sehr begrenzt funktioniert. Wieder das Modell: der Organismus.

 

Literatur:

„Autopoietische Maschinen haben weder Input noch Output. Sie können durch von ihnen unabhängige Ereignisse beeinflusst werden und interne strukturelle Veränderungen erleiden bzw. solche Einwirkungen kompensieren. Treten diese Einwirkungen wiederholt auf, kann die Maschine sich wiederholende Abfolgen interner Veränderungen erleiden, die auch miteinander identisch sein können. Wie immer die Abfolgen interner Veränderungen jedoch auch beschaffen sein mögen, sie sind immer der Ehaltung der maschinellen Organisation untergeordnet, und dies ist eine für autopoietische Maschinen  definitorische Bedingung. Jegliche Relation zwischen solchen Veränderungen und dem Verlauf der Außenwirkungen, wie wir sie aufweisen mögen, gehört in den Bereich, in dem die Maschine beobachtet wird, nicht aber zu ihrer Organisation. Obwohl daher eine autopoietische Maschine als eine allopoietische Maschine behandelt werden kann, führt eine solche Behandlung nicht zur Klärung ihrer Organisation als einer autopoietischen Maschine.“

Maturana, Humberto, Francisco Varela (1979): Autopoietische Systeme: eine Bestimmung der lebendigen Organisation. In: H. Maturana (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit.
Braunschweig (Vieweg), S. 187.




2 Gedanken zu “18.6.1 Ereignisse in den Umwelten autopoietischer Systeme können die Zustände, Prozesse, Strukturen oder Verhaltensweisen autopoietischer Systeme lediglich irritieren (=perturbieren), d.h. stören oder anregen, aber nicht determinieren.”

  1. „Lebewesen als autopoitische Systeme“ (korrekturbedürftig?) versuchen Störungen von Anregungen zu selektieren, was viel Erfahrung und große Weisheit erfordert, die diese Deep-Learning-Maschinen im Laufe ihrer Betriebsdauer zu entwickeln versuchen. Daher das alte Gebet: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“.

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