18.6.3 Autopoietische Systeme sind in der Lage zu lernen, d.h. mit internen Veränderungen auf äußere Veränderungen zu reagieren.

Diese Feststellung ist natürlich nur aus der Sicht eines Beobachters zu machen, der das autopoietische System plus Umwelten beobachten kann (= Beobachten 2. Ordnung). Denn für autopoietische System selbst erfährt lediglich eine Struktur- bzw. Propzessmusterveränderung bei der Reaktion (Anpassung) auf Umweltveränderungen (z.B. spezifische Ereignisse). Wenn es selbst diese Veränderungen als „erlernt“ bezeichnet, ist es de facto in die Position des Selbst-Beobachters gegangen, der sich zum Objekt seiner Beobachtung (2. Ordnung) gemacht hat.

Allerdings ergibt sich aus dieser Charakterisierung des dem vermeintlichen Lernen (das ja meist positiv bewertet wird) auch, dass man solch eine Veränderung genauso gut anders benennen und negativ bewerten kann: als Schädigung, als Traumatisierung usw.

Maturana und Varela beschreiben dies für den Organismus bzw. das Nervensystem und deren Strukturveränderungen, aber es gilt gleichermaßen auch für soziale und psychische Systeme. Sie nennen diesen Prozeß „strukturelles Driften“, was als Metapher gut geeignet ist, um den kontinuierlichen Veränderungsprozeeß von Strukturen zu verdeutlichen (was allerdings, wie jeder weiß, der sich schon mal aufs Driften verlassen hat, nicht sicher stellt, dass man voran kommt – Flaute – oder gar ein erwünschtes Ziel erreicht).

 

Literatur:

„Für einen Beobachter wirkt der Organismus, als bewegte er sich adäquat in einem sich verändernden Milieu; daher spricht der Beobachter vom Lernen. Ihm scheinen die Strukturveränderungen, die im Nervensystem stattfinden, den Umständen der Interaktion des Organismus zu entsprechen. Für die Arbeitsweise des Nervensystems gibt es jedoch nur ein kontinuierliches strukturelles Driften, das in jedem Augenblick den Kurs der Erhaltung der strukturellen Koppelung (Anpassung) des Organismus mit seinem Interaktionsmilieu folgt.“

Maturana, Humberto, Francisco Varela (1984): Der Baum der Erkenntnis. Bern (Scherz) 1987, S. 187.




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