18.6.3.2 Irritationen durch Umweltereignisse können als Anregungen zu internen Strukturveränderungen wirken.

Gegenseitige Irritationen (=Perturbationen) sind der „Treibstoff“ der Evolution, sei es im Bereich lebender Wesen, sei es in der Technologie, sei es in der Gesellschaft – sei es in jeder Art von Partnerschaft. Das das Durchlaufen einer gemeinsamen Geschichte (strukturelle Kopplung) führt immer zu einer gegenseitigen Anregung (oder Störung – nur damit nicht vergessen wird, dass die Bewertung der Wirkung von Perturbationen oder Irritationen immer eine Beobachterphänomen ist, d.h. ein Aspekt der „Speisekarte“, nicht der „Speise“).

 

Literatur:

„Solange die Einheit nicht in eine destruktive Interaktion mit ihrem Milieu eintritt, werden wir als Beobachter zwischen der Struktur des Milieus und derjenigen der Einheit eine Verträglichkeit (Kompatibilität bzw. Kommensurabilität) feststellen. Solange diese Verträglichkeit vorliegt, wirken Milieu und Einheit füreinander als Quellen von Perturbation, und sie lösen gegenseitig beim jeweils anderen Zustandsveränderungen aus – ein ständiger Prozeß, den wir als strukturelle Kopplung bezeichnet haben. So gibt es zum Beispiell in der Geschichte der strukturellen Koppelung zwischen den Abstammungen von Autos und Städten dramatische Veränderungen auf beiden Seiten, die sich bei jedem von ihnen als Ausdruck der jeweils eigenen strukturellen Dynamik im Zuge der selektiven Interaktionen mit dem anderen ergeben.“

Maturana, Humberto, Francisco Varela (1984): Der Baum der Erkenntnis. Bern (Scherz) 1987, S. 110.




4 Gedanken zu „18.6.3.2 Irritationen durch Umweltereignisse können als Anregungen zu internen Strukturveränderungen wirken.“

  1. @strukturelle Kopplung zwischen Autos und Städten
    Der österreichische Schriftsteller Thomas Bern­hard war nur glücklich, wenn er im Auto saß und weder in A noch in B, sondern auf dem Weg dazwischen war. Alle Umwege führen in den Tod, schrieb er. Und: „Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt“.

  2. „Und die Wahrheit ist, daß ich nur IM AUTO SITZEND zwischen dem einen Ort, den ich gerade verlassen habe und dem anderen, auf den ich zufahre, GLÜCKLICH bin, nur im Auto und auf der Fahrt bin ich glücklich, ich bin der unglücklichste Ankommende, den man sich vorstellen kann, gleich, wo ich ankomme, komme ich an, bin ich unglücklich. Ich gehöre zu den Menschen, die im Grunde keinen Ort auf der Welt aushalten und die nur glücklich sind ZWISCHEN DEN ORTEN, von denen sie weg und auf die sie zufahren.“
    Thomas Bernhard, Wittgensteins Neffe, Eine Freundschaft
    st 1465, S.143,

  3. „Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft“ ist eine Erzählung von Thomas Bernhard aus dem Jahr 1982. Sie erzählt Bernhards Freundschaft mit Paul Wittgenstein, Neffe zweiten Grades von Ludwig Wittgenstein und Mitglied der reichen Wiener Industriellenfamilie Wittgenstein. Paul leidet an einer nicht näher spezifizierten Krankheit, die wiederholt Aufenthalte in der Psychiatrie zur Folge hat, während Bernhard mit einem chronischen Lungenleiden kämpft. Der Titel ist angelehnt an Diderots Werk „Rameaus Neffe“, dessen Protagonist ebenso wie Paul Wittgenstein im übermächtigen Schatten eines berühmten Verwandten steht. Zwölf Jahre hat Bernhard die Verarmung, Vereinsamung und das Sterben seines Freundes beobachtet. Seine Erzählung ist das Requiem für diesen geworden, und sie weist zugleich über die Beschreibung dieser Freundschaft hinaus: Der doppelte Boden dieser Erzählung ist die Kraft der Bessenheit zweier Künstler. Sie sind völlig besessen von einer bestimmten Idee, die scheitert. Zwei Menschen verfolgen ein Ziel und ordnen alles andere diesem einen Ziel unter. Das ist das Wesen des Künstlers wie des Wissenschaftlers.

  4. @1 & 2: Eine meiner Lieblingsstellen der Literatur (ich werde sie noch bei den Sätzen zu Konflikten zitieren).

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