18.6.4 Es gibt Ereignisse in den Umwelten eines autopoietischen Systems, die es nicht beobachten kann, weil es nicht durch sie irritiert wird (=Indifferenzbereich).

Es sind Ereignisse, die keine Wirkung auf das autopoietische System haben, d.h. es nicht irritieren/perturbieren und für das System keinen Unterschied machen; es wird durch sie weder gestört noch angeregt; sie lassen es vollkommen indifferent. Es sind Ereignisse, die daher – definitionsgemäß – nur von einem außenstehenden Beobachter beobachtet werden können (der sich dann über die Indifferenz des Systems wundern mag).

Das Konzept des Indifferenzbereichs ist aus der Organisationstheorie übernommen. Dort hat einer der frühen Autoren,  Chester Barnard, die Tatsache, dass Mitarbeiter in einer Organisation, die für ihre Arbeit bezahlt werden, auch Tätigkeiten vollziehen, für die sie keine eigene Motivation mitbringen, „Indifferenzzone“ („zone of indifference“)  genannt. Es macht für sie keinen Unterschied, ob sie dies tun oder jenes..

Der gemeinsame Nenner in seiner und meiner Verwendung des Begriffs ist, dass ein Ereignis oder Phänomen  – oder ein nicht-beobachtbares Phänomen wie Motivation – keinen Unterschied macht. Das gilt natürlich auch, wenn ein Ereignis in der Umwelt nicht wahrgenommen wird: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!“

 

Literatur:

Barnard, C.I. (1938): The functions of the executive. Cambridge, MA (Harvard Univ. Press), S. 167).




9 Gedanken zu “18.6.4 Es gibt Ereignisse in den Umwelten eines autopoietischen Systems, die es nicht beobachten kann, weil es nicht durch sie irritiert wird (=Indifferenzbereich).”

  1. @ „Mitarbeiter in einer Organisation, die für ihre Arbeit bezahlt werden, auch Tätigkeiten vollziehen, für die sie keine eigene Motivation mitbringen, „Indifferenzzone“ („zone of indifference“)“
    Diese „Tätigkeiten, für die sie keine eigene Motivation mitbringen“, tun diese Mitarbeiter wahrscheinlich, weil sie es müssen (extrinsische Motivation). Doch das hat wenig zu tun mit „Ereignissen in den Umwelten eines autopoietischen Systems, die es nicht beobachten kann, weil es nicht durch sie irritiert wird (=Indifferenzbereich)“.
    Erstens muss dieser Mitarbeiter von dieser Tätigkeit, für die er keine eigene Motivation mitbringt, wissen, dass er sie zu verrichten hat („beobachten“), und zweitens wird er („das System“) bzw. seine Handlungen dadurch gesteuert („irritiert“). Die „Indifferenz“ empfindet der Mitarbeiter lediglich gegenüber seiner (fehlenden) Motivation: Ihm ist es egal, wie er seinen Arbeitstag ausfüllt – Hauptsache, er bekommt seinen Lohn (intrinsische Motivation).

  2. @2: Was haben Sie für ein schlichtes Menschenbild (womöglich auch von sich selbst als Mitarbeiter einer Organisation). Keiner muss müssen… Sie könnten jederzeit kündigen. Allerdings hätten Sie/sie (die Mitarbeiter) die Folgen zu tragen (=Irritation, die womöglich mehr als nur irritierend wirkt). Aber Sie/sie haben die Wahl.

    Selbst, wenn Ihnen jemand die Pistole an die Stirn setzt und sagt: „Geld oder Leben!“, haben Sie die Wahl ihm Ihr Geld oder Ihr Geld und Ihr Leben zu geben…

    Aber natürlich ist es einfacher zu sagen: „Ich bin einem Zwang ausgeliefert, ich kann nicht anders, ich bin von außen gesteuert“, (und es mag ja auch so erlebt werden)…

  3. @“schlichtes Menschenbild“
    Sie haben recht. Ich bin ein schlichter Mensch (IQ 100, kürzlich getestet) und habe keine Freiheit, meinen Job zu kündigen, um dann von meinem Verlag und meinen Mieteinkünften zu leben. Mir würde es auch nichts nützen, in Freiheit zu sterben und dann doch beraubt zu werden, denn meine Familie würde sowohl mein gestohlenes Geld als auch meine nicht mehr fließenden Einkünfte vermissen. Ich würde deshalb so frei sein und versuchen, den Jemand mit dessen Pistole zu erschießen – schlicht aus Überlebenszwang.

  4. @“Keiner muss müssen“
    Hegel nannte das „Einsicht in die Notwendigkeit“. Das war seine Definition von Freiheit.
    Natürlich gehe ich „freiwillig“ zur Arbeit, solange ich einen Arbeitsvertrag zu erfüllen habe, und wie Sie hier schon oft geschrieben haben: Der Angestellte muss das tun, was der Abteilungsleiter von ihm verlangt, sonst funktioniert die Organisation nicht mehr. Die Autopoiese eines kleinen Mannes wie mir hat seine Grenze an der Notwendigkeit zur Reproduktion. Ein großer Geist kann sich leicht über diese Notwendigkeit erheben und lediglich das tun, wozu er innerlich motiviert ist, wofür er brennt.
    Womöglich hat die von Ihnen beklagte Außenseiterposition der Systemiker und Konstruktivisten mit deren Realitätsfremdheit zu tun?

  5. @3&4: Ich finde Ihr Zurarbeitgehen durchaus nachvollziehbar. Und, da Sie bei der Wahl Ihrer Eltern nicht vorsichtig genug waren (es standen ja sicher auch einige Milliardäre zur Verfügung), verstehe ich auch, dass Sie dies als Zwang (o.Ä.) erleben. Aber im Prinzip (und darum geht es mir) könnten Sie auch beschließen, Ihre Familie verhungern zu lassen und selbst Ihr Leben unter einer der wunderbaren Brücken Heidelbergs zu fristen. Ein IQ von 100 verhindert genausowenig wie der von 150 oder 80, dass man (meistens: Mann) ein schlichtes Menschenbild entwickelt – nicht mal, wenn man wirklich an die Relevanz von Intelligenztexts glaubt (was wahrscheinlich auch Zeichen eines schlichten Menschenbilds wäre).

    Außerdem beklage ich – um das richtig zu stellen – keineswegs die (vermeintliche) Außenseiterposition von Systemikern und Konstruktivisten. Zum einen, weil sie meiner Wahrnehmung nach keine Außenseiterposition inne haben, sondern unter den Leuten, die bzw. deren Konzepte ich persönlich interessant und intelligent finde, an erster Stelle stehen. Und zum anderen, weil ich es völlig egal finde, was andere Leute denken, so lange sie mir nicht verbieten wollen, zu denken, was ich will und für sinnvoll halte. Wenn jemandem die von mir favorisierten Modell zu spitzfindig sind, ist es m.E. vollkommen ok, sie zu ignorieren. Ich ignorieren ja auch das meiste, was so auf dem Markt der Theorien angeboten wird…

  6. @5
    Woraus schließen Sie, dass Frauen seltener ein schlichtes Menschenbild entwickeln als Männer?
    Sollte ein „interessantes und intelligentes“ Konzept nicht auch bei Soziologen und Psychologen „an erster Stelle stehen“?

  7. @6: Da überschätzen Sie die Psychologen und Soziologen, vor allem die akademischen (aber wahrscheinlich liegt es da nicht an deren mangelnder Intelligenz, sondern an ihrem Opportunismus: Wer Karriere an eine Uni machen will, muss sich meistens anpassen – meist an diejenigen, die Drittmittel vergeben, und die sind nicht immer so richtig schlau – aber Ausnahmen bestätigen auch da die Regel).

    Was die Frauen und Männer bzw. die Schlichtheit ihres Menschenbildes angeht, mag das ein Vorurteil sein, das durch die größere Zahl der öffentlichen Auftritte schlichter Männer im Vergleich zu den Auftritten schlichter Frauen begründet ist…

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