19.5 Bei jedem Beobachten stellt sich die Frage, ob die Genese der unterschiedenen und bezeichneten Merkmale dem Phänomen (=beobachtete Einheiten, Gegenstände, Objekte…), dem Medium oder dem Beobachter selbst (= den seine Beobachtungen determinierenden Strukturen) kausal zuzuschreiben sind.

Es ist manchmal nicht entscheidbar, ob ein beobachtetes Phänomen in seiner Generierung dem Beobachter selbst kausal zugeschrieben werden sollte oder dem beobachteten Objekt. Es ist ja schon lange in der Diskussion, ob nicht wir nicht alle andauernd die selbst versteckten Ostereier finden. Hinzu kommt jetzt noch, dass außer uns selbst und dem Osterhasen jetzt nocht ein Drittes in den Raum der Möglichkeiten eintritt: Es könnte auch das Medium sein, dass uns die Ostereier vorspiegelt, wie bei einer Fata Morgana, eine medial inszenierte Illustion, ein Artefakt des Beobachtungsprozesses.

Wie so oft sind solche Phänomene gut bei Kindergeburtstagen zu beobachten: „Stillepost“ heißt das Spiel. Einer der Teilnehmer flüstert seinem Nachbarn eine Botschaft ins Ohr, der sagt es seinem Nachbarn weiter, der … usw. und der Letzte spricht dann aus, was er gehört hat: Es hat mit der ursprünglichen Botschaft nur noch wenig zu tun. Das Medium – die Personen, welche die Botschaft weiter vermittelt haben, ist – nicht nur, aber zu einem guten Teil – der Schöpfer der am Ende gehörten Botschaft. So funktioniert übrigens auch die Gerüchteküche…




Ein Gedanke zu „19.5 Bei jedem Beobachten stellt sich die Frage, ob die Genese der unterschiedenen und bezeichneten Merkmale dem Phänomen (=beobachtete Einheiten, Gegenstände, Objekte…), dem Medium oder dem Beobachter selbst (= den seine Beobachtungen determinierenden Strukturen) kausal zuzuschreiben sind.“

  1. …und die Verschwörungstheorien: Beispielsweise, statt Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß habe ein Doppelgänger im Spandauer Militärgefängnis eingesessen – der echte lebe unbehelligt in den USA. Doch dank DNA-Analyse wurde die konspirative These jüngst widerlegt: Der Inhaftierte war hundertprozentig der wahre. Segen der Genetik! Der Fall ist gelöst. Und mit ihm zahlreiche weitere.
    Warum wehte die US-Flagge, trotz mondscher Windstille? Warum stapfte Neil Armstrong so albern umher? Und warum schallt es auf den Kameraaufnahmen aus dem Off: »Caution, do not step on cables«? Dutzende Fragen und Ungereimtheiten rankten sich um die legendäre Mondlandung aus dem Jahr 1969. 40 Jahre später legte jetzt ein chinesisches Forscherteam um Star-Astrogenetiker Zhan Yuan auf großer Mondfahrt einen Zwischenstopp am mutmaßlichen Landeort der Apollo 11 ein und fahndete – ausgerüstet mit interstellaren Lupen und Fußabdruckpulver – nach irdischer DNA. Nach drei Tagen der große Fund: Stiefelabdrücke. Abdrücke, die nach eingehender forensischer Analyse zu 100 Prozent übereinstimmen mit denen des Star-Astrogenetikers Zhan Yuan! China im Freudentaumel. Die Geschichte der Mondlandung wird umgeschrieben und das Grab von Mondkalb Neil Armstrong geschändet.
    Eine der dampfendsten Gerüchte der Neuzeit, gestützt vom »Gourmet Magazin«, urbanlegends.about.com und Johan Lafer persönlich: Tintenfischringe bestünden in Wahrheit aus Schweine-Anus. Am 15. Februar diesen Jahres ging man der modernen Sage endlich auf den Pfannengrund: Ein internationales Sternekoch-Team wagte sich mit Augenbinde an den heiklen Geschmacksvergleich. Und siehe da: Textur und Eiweißgehalt beider Tierarten sind identisch, echter Schweine-Anus jedoch ungleich leckerer, sofern richtig schön in Knoblauch und Olivenöl angebraten. Unter dem authentischen Namen »Maiali Ano« (ital.) und »Ano de los cerdos« (portug.) wird die neue Delikatesse bald bei »Feinkost Käfer« und »Kochhaus« vermarktet.
    Die schwindelerregenden Erfolge der Paläogenetik lassen die herkömmliche Archäologie ziemlich alt aussehen (geschätzte 60 Millionen Jahre). Nachdem Forscher bereits die Physiognomie von »Ötzi«, der namhaften Gletschermumie, und »Lucy«, der Urzeitfrau aus Äthiopien, optisch rekonstruiert hatten, machte sich die hethitische Paläogenetikerin Dr. Zidanta Kurunta am Neujahrsmorgen an das Rätsel aller Rätsel: Wie sah »Jesus« aus? Aus einem Haufen Knochen und mithilfe neuester 3-D-Technik gelang es ihr, des Heilands komplette Gestalt inklusive Kragenweite und Geheimratsecken zu visualisieren. Das Resultat kann sich sehen lassen. Internationale Anerkennung, Blumengeschenke aus dem Vatikan und ein Nobelpreis folgen.
    Es ist eines der größten Mysterien der neuzeitlichen Forensik: Wer tötete John F. Kennedy wirklich? War es Oliver Stone, Fritz Honka, Jacqueline Kennedy oder der Vietcong? Viele Fragen sind noch offen. So offen, dass zwei angesehene deutsche Kriminalbiologen – Dr. Mark Benecke und Professor Karl-Friedrich Boerne – die verstaubte rechtsmedizinische Akte noch einmal aus dem untersten Regalfach im Staatsarchiv von Washington, D.C. holten, aufschlugen – und darin ein bisher unentdecktes Stückchen Doppelhelix entdeckten, klebend an der Tatwaffe. Sieben Tage lang beobachteten die Top-Forensiker die geheimnisvolle Helix durch ihr Pfiffikus-Mikroskop, ehe sie das aufsehenerregende Ergebnis der Öffentlichkeit präsentierten: Die DNA stimme zu 100 Prozent überein mit der von Rudolf Heß. Die rätselhaften Ermittlungen laufen …

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