2.2.1 Die Operation des Unterscheidens erzeugt eine abgegrenzte Einheit und einen Kontext bzw. eine Umwelt dieser Einheit (= Rest der Welt).

Dieser „Rest der Welt“ wird in unserem Alltagsdenken meistens ausgeblendet, d.h. es tritt nicht ins Bewußtsein, dass eine Form immer aus beiden Seiten des Unterscheidens gebildet wird. Daher wird meist davon gesprochen, ein Möbelstück (o.Ä.) habe eine gute Form, d.h. die Suggestion ist, dass dies die Eigenschaft des Möbelstücks sei. Aber, wenn die Umwelt dieses Möbels sich ändert, dann behält es auch nicht „seine“ Form (wenn z.B. das Haus brennt).

Festzuhalten ist, dass durch Unterscheiden immer Einheiten geschaffen werden. Wenn sie in einer dreidimensionalen Welt verortet werden, dann treten sie als Dinge oder Objekte in Erscheinung, wenn sie im Bereich geistiger Prozesse ver- oder geortet werden, so werden sie meist als Ideen bezeichnet. Generell sind aber auch diese Unterscheidungen aufgrund der Tatsache, dass Einheiten kreiert werden, mit dem Risiko der Verdinglichung verbunden.

Dass jedes Unterscheiden ein vom Beobachter vollzogener Akt ist, der den Gesamtzusammenhang der Welt zerstückelt (und daher „unrealistisch“ ist), fürfte wohl von keiner Philosophie so klar erkannt – und zur Grundlage einer alternativen Praxis (=Meditation) gemacht – worden sein, wie vom Buddhismus.

Und über die Frage, ob die vom Beobachter unterschiedenen Einheiten auch ohne der Beobachter und sein Beobchtern existieren, kann man trefflich streiten. Man kann sich aber wahrscheinlich darauf einigen, dass es unteschiedliche Weisen gibt, wie man die Kreation der beobchteten Einheiten erklärt: durch die Operationen der Einheit selbst oder eines Schöpfers, durch ideelle Prozesse oder durch materielle Prozesse (z.B. das Kneten einer Form aus Lehm).

Literatur:

„Die wesentliche Operation eines Beobachters (auch wenn sie nicht nur für den Beobachter gilt) ist die Operation der Unterscheidung, d.h. der Aufweis einer Einheit dadurch, daß eine Handlung ausgeführt wird, die ihre Grenzen definiert und sie von einer Umgebung abgrenzt.“

Maturana, Humberto (1975): Die Organisation des Lebendigen: Eine Theorie der lebendigen Organisation. In: Maturana, Humbero (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 149.

„Die einzig notwendige Bedingung der Existenz in irgendeinem gegebenen Bereich ist die, eine Einheit zu sein, d.h.  von einer Umgebung abtrennbar und folglich von anderen Einheiten unterscheidbar zu sein. In der Tat wird die Art einer Einheit ebenso wie der Bereich, in dem sie existiert, durch den Prozeß ihrer Unterscheidung und Eingrenung bestimmt. Dies gilt unabhängig davon, ob dieser Prozeß ein begrifflicher ist (wie etwa dann, wenn ein Beobachter druch eine Operation der Unterscheidung in seinem Diskurs- und Beschreibungsbereich eine Einheit definiertI, oder ob dieser Prozess ein physikalischer ist (wei dann, wenn eine Einheit durch das tatsächliche Operieren ihrer definierenden Eigenschaften hergestllt wird, die ihre Abgrenzung von einer Umgebung durch ihre Einwirkung auf den physikalischen Raum vornehmen).“

Maturana, Humberto (1975): Autopoietische Systeme: eine Bestimmng der lebendigen Organisation. In: Maturana, Humbero (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 200.

„Im übrigen wird jede Art der Unterscheidung oder Differenzierung als verkehrte Sicht gewertet, ebenso jede Bejahung oder Verneinung, jede Annahme einer separaten Realität. (…)

Da der Grundfehler im Unterscheiden besteht,  „kann die Erkenntnis der Verkehrtheit der „verkehrten Sichtweisen“ nicht als wahres oder letztgültiges Wissen gelten; denn selbst der Verzicht auf sie macht zwischen Beständigkeit und Unbeständigkeit, Wohl und Wehe, Selbst und Nicht-Selbst, dem Liebenswerten und dem Verabscheuungswürdigen eine ipso facto unhaltbaren Unterschied.“

Conze, Edward (1980): Eine kurze Geschichte des Buddhismus. Frankfurt (Suhrkamp) 1986, s. 292.

„Eine andere Fähigkeit, die wir an unserm Geist entdecken können, besteht darin, seine einzelnen Ideen voneinander zu unterscheiden und zu sondern. Die verworrene Wahrnehmung eines Dinges ganz im allgemeinen genügt nicht. Hätte der Geist nicht eine deutliche Wahrnehmung von verschiedenen Objekten und ihren Qualitäten, so wäre er nur ganz geringer Erkenntnis fähig, selbst wenn die auf uns einwirkenden Körper sich ebenso lebhaft bemerkbar machten wie jetzt und wenn der Geist unablässig mit Denken beschäftigt wäre.“

Locke, John (1689): Versuch über den menschlichen Verstand. Zweites Buch, Kap. XI. 1. Hamburg (Felix Meiner) 1981, 4. Aufl., S. 175.




1 Gedanke zu “2.2.1 Die Operation des Unterscheidens erzeugt eine abgegrenzte Einheit und einen Kontext bzw. eine Umwelt dieser Einheit (= Rest der Welt).”

  1. naja, die grundlegende Funktionsweise der camera obscura muß man schon kennen, um dem Rest der Welt nicht den eigenen Kopfstand unentwegt als ultima ratio und conditio sine qua no an-und einpreisen zu müssen …

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