2.4.1 Wenn Unterscheiden und Bezeichnen in unterschiedlichen Phänomenbereichen erfolgen, so sind sie immer auch durch die jeweils definierenden Merkmale des Phänomenbereichs, in dem sie verortet werden, charakterisiert.

Picasso soll einmal mit einer Frau ins Gespräch gekommen sein, die sich bei ihm beklagte, seine Bilder würden gar nicht zeigen, wie die Menschen wirklich aussähen. „Wie sehen sie denn wirklich aus?“, fragte er. Da zog die Frau ein Foto ihres Kindes aus der Handtasche. „Das ist mein Sohn! So sieht er wirklich aus!“, sagte sie. „Oh, der Arme, so klein und so platt!“

Was das Foto mit dem Kind verbindet, ist die Ähnlichkeit der Relationen der Elemente des Körpers und seiner Abbildung. Deswegen erkennt man – oft – die fotografierte Person. Allerdings eben nicht, wenn diese Relationen verschoben sind, wie in den (späteren) Protraits von Picasso.

Was in dieser Geschichte m.E. gut illustriert wird, ist die Tatsache, dass es zwischen Unterscheiden und Bezeichnen keine Ähnlichkeit geben muss. Das hat dann gegebenenfalls gravierende Auswirkungen, wenn z.B. jemand mit der falschen Landkarte sein Ziel sucht – oder ganz generell: Wenn ein Weltbild nicht zur Welt passt.

Literatur:

„If words are not things, or maps are not the acutal territory, then obviously, the only possible link between the objective world and the linguistic world is found in structure, and structure alone. The only usefulness of a map or a language depends on the similarity of structure between the empirical world and the map-languages. If the structure is not similar, then the traveller or speaker ist led astray, which, in serious human life problems, mus become always eminently harmful.“

Korzybski, Alfred (1933): Science and sanity. New York (Int. Non-Aristotelian Library) 5. Aufl. 1993, S. 61.

Die Karte ist nicht das Territorium, und der Name ist nicht die benannte Sache

Dieses Prinzip, das durch Alfred Korzybski berühmt wurde, trifft auf viele Ebenen zu. Es erinnert uns ganz allgemein daran, daß wir, wenn wir an Kokosnüsse oder Schweine denken, keine Kokosnüsse oder Schweine im Gehirn haben. Etwas abstraketer betrachtet, besagte Korzybskis Behauptung, daß in allem Nachdenken, in der Wahrnehmung eine Umwandlung stattfindet, eine Codierung, die zwischen dem Bericht und der berichteten  Sache, dem Ding an sich [im Original auf deutsch], vermittelt. Vor allem neigt die Relation zwischen dem Bericht und dieser mysteriösen berichteten Sache dazu, die Natur einer Klassifizierung zu haben, einer Zuweisung der Sache zu einer Klasse. Benennen ist immer Klassifizieren, und Abbilden ist im wesentlichen dasselbe wie benennen.“

Bateson, Gregory (1979): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt (Suhrkamp) 1982, S. 40f.




4 Gedanken zu “2.4.1 Wenn Unterscheiden und Bezeichnen in unterschiedlichen Phänomenbereichen erfolgen, so sind sie immer auch durch die jeweils definierenden Merkmale des Phänomenbereichs, in dem sie verortet werden, charakterisiert.”

  1. @1: Nein, man kann auch innerhalb eines Phänomenbereichs (zwischen innen und außen) unterscheiden. Beispiel: Phänomenbereich Möbel: Stuhl vs. Tisch. Beides unterschiedliche Phänomene, aber nicht unterschiedliche Phänomenbereiche. Wenn ich hingegen ein Mikroskop brauche, um ein Phänomen beobachten zu können, so betrachte ich einen anderen Phänomenbereich, als wenn ich die Interaktion zwischen „ganzen“ Menschen beobachte.

  2. Interessant ist für mich wie sich Phänomene koppeln und differente Phänomene
    emergieren …

    .wir beobachten wie sich das Phänomen Muttermilch durch Koppelung mit dem
    Organismus in diesen integriert wird und zu Organismus wird 🤱…

  3. Methode der Populisten: Wenn das Weltbild nicht zur Welt passt, ändert man einfach die Welt und beschließt die Abkehr vom heliozentrischen Weltbild (AfD-Programm: „Die Welt ist eine Scheibe.“) sowie die Revision der Energiewende (AfD-Programm: „Die Partei lehnt die regenerative Energiegewinnung ab. Die Sonne ist eine glühende Kohlescheibe, die bald erloschen sein wird.“) und bekämpft die Klimalüge (AfD-Programm: „Der Anstieg des Meeresspiegels ist einzig und allein auf das Zuwasserlassen abertausender Flüchtlingsboote zurückzuführen.“).

  4. “Wir haben also bei Beginn des 19. Jahrhunderts die beiden Typen des Denkens: den GOETHESCHEN TYP: ‘Ich achte darauf dass sich mein denken von den Gegenständen nicht sondere, dass die Elemente der Gegenstände, die Anschauungen, in dasselbe eingehen und von ihm auf das Innigste durchdrungen werden, dass MEINE ANSCHAUUNG SELBST EIN DENKEN, MEIN DENKEN EIN ANSCHAUEN SEI’, und den Typ der aufsteigenden Naturwissenschaft: ‘ Das Experiment ist die geistige Geburt des Gegenstandes, den wir erst ZERTRÜMMERN müssen, um seine gelösten Glieder zu einem neuen Ganzen zu verbinden.(Dove). Es entsteht also die Frage:
    GIBT ES EINE PRIMÄRE IDENTITÄT VON DENKEN UND SEIN? Kann man DURCH INNERE ANSCHAUUNG die Naturgesetze ohne Zuhilfenahme der ‘rohen’ Empirie erkennen? Wie verhält sich die EMPIRIE des gesunden natürlichen Menschen (‘ich raste nicht, bis ich einen prägnanten Punkt finde, der vieles FREIWILLIG aus sich HERAUSBRINGT und mir ENTGEGENTRÄGT’ -oder ‘IM ERLEBNIS findet sich der Mensch schon recht eigentlich IN der Welt, er braucht sie nicht erst BEGRIFFLICH ZU ÜBERSTEIGEN’) zu der Empirie der willkürlich und wiederholt angewandten Bedingungen, zu der Empirie des Experiment”

    Gottfried Benn zu “Goethe und die Naturwissenschaft”

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