2.4.3 Sinn/Bedeutung: Aktuelle Selektion eines gemeinten Raums, Zustands oder Inhalts aus einem beobachterspezifischen Universum möglicher Räume, Zustände oder Inhalte.

Die Begriffe Sinn und Bedeutung werden hier synonym verwendet, auch wenn es eine lange Tradition gibt, sie zu unterscheiden (z.B. Frege); diese Unterscheidung wurde mit der unterschiedlichen subjektiven bzw. objektiven Perspektive des Beobachters begründet; als Beispiel dienten u.a. die Begriffe Abend- und Morgenstern, die für den aktuellen Beobachter einen unterschiedlichen Sinn haben – schon weil er sie zu einer anderen Tageszeit beobachtet, d.h. sie in einem anderen Kontext erlebt und wahrnimmt; der objektive Beobachter, so die Argumentation, könnte aufgrund seiner vom Kontext abstrahierenden Perspektive feststellen, dass Abendstern und Morgenstern dieselbe Bedeutung haben, d.h. es sind unterschiedliche Bezeichnungen für den Planeten Venus; da im vorliegenden Text die Idee einer vom Beobachter und seiner Perspektive, seinem Standpunkt und seinem aktuellen räumlichen und zeitlichen Kontext unabhängigen Beobachtung aufgegeben ist, erscheint auch die Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung zwecklos. Es gibt aber noch ein anderes zu erwähnendes Problem mit dem Begriff Sinn: er wird auch mit der Konnotation des Zwecks, des Ziels oder, allgemeiner, der Richtung verwendet.

Diese Gerichtetheit hängt wahrscheinlich mit dem verweisenden Aspekt jedes Bezeichnens zusammen, ist hier aber (zunächst) nicht gemeint. Allerdings ist ja auch der Bedeutungsbegriff in der Umgangssprache und Literatur nicht so klar definiert, wenn Loreley singt:

„Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.“

Offensichtlich ein Fall von Beobachtung der Beobachtung, der eine weitere Bedeutung von Sinn bzw. des Sinns von Bedeuten demonstriert, die sich aus der Verwendung beider Begriffe ergibt.

 

Literatur:

„Vor einigen Jahren unternahm ich mit mehreren Leuten eine längere Bergtour. Als ich einmal von einer einsamen Wanderung zurückkehrte, fand ich die anderen in einen heftigen philosophischen Streit verwickelt. Der Gegenstand der Auseinandersetzung war ein Eichhörnchen. Man stellte sich nun vor, dass es sich auf der einen Seite eines Baumstammes festklammert, während auf der entgegengesetzten Seite des Baumes eine Person steht. Dieser Beobachter versucht nun das Eichhörnchen zu Gesicht zu bekommen, indem er sich schnell um den Baum herumbewegt. Abe so schnell er auch laufen mag, das Eichhörnchen bewegt sich ebenso schnell in jeweils entgegengesetzter Richtung und hat immer den Baum zwischen sich und dem Menschen, sodass er es mit keinem noch so flüchtigen Blick erhaschen kann. Das hieraus resultierende philosophische Problem ist nun folgendes: Geht der Mensch um das Eichhörnchen herum oder nicht? Sicher ist, dass er um den Baum herumgeht und dass das Eichhörnchen an diesem Baum sitzt. Aber geht er auch um das Eichhörnchen herum? In der unbegrenzten Muße der Wildnis hatten sich die Argumente erschöpft. Es hatten sich zwei gleich große Parteien gebildet, die hartnäckig an ihren Positionen festhielten. Als ich hinzukam, versuchten deshalb beide Seiten, mich für sich zu gewinnen, damit ich einer der beiden zur Mehrheit verhelfe. Ich erinnert mich an die scholastische  Regel, wonach man immer dann, wenn man auf einen Widerspruch stößt, eine Unterscheidung treffen soll. Ich suchte also nach einer solchen Unterscheidung und fand folgende: „Welche Partei recht hat“, sagte ich, „hängt davon ab, was Sie mit der Formulierung ‚um das Eichhörnchen gehen’ in praktischer Hinsicht meinen. Wenn damit gemeint ist, dass die Person erst nördlich vom Eichhörnchen, dann östlich, dann im Süden und Westen und schließlich wieder nördlich von ihm vorbeigeht, dann geht sie ganz offensichtlich um das Eichhörnchen herum, weil sie ja nacheinander diese Positionen einnimmt. Wen aber im Gegenteil damit gemeint ist, dass der Mensch erst vor dem Eichhörnchen steht, dann auf dessen rechter Seite, dann hinter ihm, dann auf dessen linker Seite und schließlich wieder vor ihm, dann ist es ganz offensichtlich so, dass er nicht um das Eichhörnchen herumgegangen ist. Denn aufgrund der gegenläufigen Bewegungen des Eichhörnchens dreht ihm dieses die ganze Zeit den Bauch zu, und der Rücken bleibt abgewandt. Treffen Sie diese Unterscheidung, und es gibt keinen Grund, noch länger zu streiten.“

James, W. (1907): Pragmatismus. Ein neuer Name für einige alte Denkweisen. Hamburg (Felix Meiner) 2012, S. 30/31.

„Der Sinn eines Satzes ist die Methode seiner Verifikation. Diese ist nicht das Mittel, um die Wahrheit eines Satzes festzulegen, sondern der Sinn selbst. Diese muß man kennen, um den Satz zu verstehen. Diese angeben heißt, den Satzsinn angeben. Nach einer Methode der Verifikation kann man nicht suchen. Nur das, ws durch sie festgestellt wird, kann der Satz sagen.

Eine Frage ist eine Aufforderung zu suchen. Am Ende der Denkbewegung kommt die Antwort. Die Richtung der Denkbewegung wird durch den logischen Ort der Antwort bestimmt. Fragen sind verschieden, wenn ihre Antworten verschieden sind. Eine Frage verstehen heißt, die Art des SAtzes als Antwort wissen. Ohne Antwort keine Denkrichtung, keine Frage. Man kann nicht richtungslos suchen.

Das Wort, der  Ausdruck, das Symbol hat Bedeutung nur im Zusammenhang des Satzes. Um die Bedeutung eines Wortes sich zu vergegenwärtigen, muß man auf den Sinn der Sätze, in denen es vorkommt, auf die Art der Verifikation, achten.“

Wittgenstein, Ludwig (1967): Werke, Bd. 3, Frankfurt (Suhrkamp) 1984, S. 227.

„Und »Kontext« ist mit einem anderen ungeklärten Begriff, dem der »Bedeutung« verknüpft. Ohne Kontext haben Worte und Handlungen überhaupt keine Bedeutung. Das gilt nicht nur für die menschliche Kommunikation mit Worten, sondern auch für alle Kommunikation schlechthint, für alle geistigen Prozesse, für jeglichen Geist, den eingeschlossenen, der einer Seeanemone sagt, wie man wäschst, und der Amöbe mitteilt, was sie als nächstes tun soll.“

Bateson, Gregory (1979): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt (Suhrkamp) 1982, S. 25.

„Was Sinn ist (die Frage, was Sinn leistet, stellen wir im Moment zurück), läßt sich am besten in der Form einer phänomenologischen Beschreibung vorführen. Eine Definition zu versuchen, würde dem Tatbestande nicht gerecht werden, da bereits die Frage danach voraussetzt, daß der Fragende weiß, worum es sich handelt.

Das Phänomen Sinn erscheint in der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns. Etwas steht im Mittelpunkt, im Zentrum der Intention, und anderes wird marginal angedeutet als Horizont für ein Und-so-weiter des Erlebens und Handelns. Alles, was intendiert wird, hält in dieser Form die Welt im ganzen sich offen, garantiert also immer auch die Aktualität der Welt in der Form der Zugänglichkeit.“

Luhmann, N. (1984): Soziale Systeme“, Frankfurt (Suhrkamp) S. 92f.

„Also zwingt die Sinnform durch ihre Verweisungsstruktur den nächsten Schritt zur Selektion.

(…)

Mit jedem Sinn, mit beliebigem Sinn wir unfaßbar hohe Komplexität (Weltkomplexität) appräsentiert und für die Operationen psychischer bzw. sozialer Systeme verfügbar gehalten.“

Luhmann, N. (1984): Soziale Systeme“, Frankfurt (Suhrkamp) S. 94.

„Geht man vom Sinnbegriff aus, ist als erstes klar, dass Kommunikation immer ein selektives Geschehen ist. Sinn lässt keine andere Wahl als zu wählen. Kommunikation greift aus dem je aktuellen Verweisungshorizont, den sie selbst erst konstituiert, etwas heraus und lässt anderes beiseite. Kommunikation ist Prozessieren von Selektion.“

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp)  S. 194.

 




6 Gedanken zu “2.4.3 Sinn/Bedeutung: Aktuelle Selektion eines gemeinten Raums, Zustands oder Inhalts aus einem beobachterspezifischen Universum möglicher Räume, Zustände oder Inhalte.”

  1. Langer Rede kurzer Sinn: „Was ist der Schimmer für sich allein wert? Er braucht die Dinge. Das glaube ich doch selbst nicht, der Schimmer, der Glanz kommt und geht, wie er will, und es gibt ihn irgendwo immer und für sich.“ Brigitte Kronauer in ihrem Roman „Rita Münster“

    Ergo: Jeder Beobachter sieht es anders.

  2. „Jede ihrer Wahrheiten hat die Natur für sich gesetzt;
    unsere Kunst schließt die eine i der anderen ein, das ist aber nicht natürlich.
    Jede steht an ihrem Ort“

    „Verschiedene Folge der Worte gibt verschiedenen Inhalt,
    und verschiedene Folge der Inhalte gibt verschiedene Wirkung“

    Blaise Pascal, Pensées, Fragment 21 und 23,
    übertragen und herausgegeben von Ewald Wasmuth,
    Verlag Lambert Schneider, Heidelberg, 1954

  3. @ Kontext und Bedeutung/Sinn

    In einigen Jahren werden die Schüler ganz selbstverständlich mit Datenbrillen auf der Nase in der Virtual Reality lernen. Die Französisch- und Spanischlehrerin tippt auf ihr Smartphone und ruft ein Vokabel-Lernprogramm auf, mit dem man durch die Wüste spazieren kann. An verschiedenen Stellen stehen Schilder mit spanischen Wörtern, zum Beispiel „Cactus“ neben einem Kaktus. Der Elektronikkonzern Samsung und der Schulbuchverlag Cornelsen beispielsweise setzen bereits auf das schulische Lernen in der virtuellen Wirklichkeit. Sie haben eine Anwendung für den Biologieunterricht entwickelt, die gerade an einigen Schulen erprobt wird. Mit Tablet, Smartphone und VR-Brille können Schüler auf Entdeckungsreise durch den menschlichen Körper gehen und biochemische Prozesse hautnah miterleben. Auch haben sie Städte in Spanien kennengelernt, indem sie wie in dem Handyspiel „Pokémon Go“ zu Orten, die sie interessierten, Pokestops mit Foto und Text gestalteten. Hätte die Lehrerin ihnen lediglich erzählt, hier gibt es eine Kathedrale und dort einen Park, wäre das für die Schüler wenig spannend gewesen.

    Darum geht es heute in der Hauptsache: dass die Dinge unter der Aufsicht von Elektronikkonzernen spannend sind und bleiben.

  4. „Freie Assoziationen“ würden dann zur Wahl eines für den Assoziierenden, in diesem Moment, an diesem Ort, in dieser sozialen Situation, sinnvollen Kontext einladen.

    Und umgekehrt würde der Kontext den Sinn, die Bedeutung zumindest einschränken.

    Und wenn der Kontext ein wenig/ oder vehement gesprengt wird,
    dann sind es die Österreicher Thomas Bernhard oder der Totengräber Mario Schlembach mit seiner „Dichtersgattin“ …

  5. @1 Pensées:
    Probabilität: Einige wahre Grundsätze haben sie, aber sie treiben Mißbrauch mit ihnen. Nun der Mißbrauch von Wahrheit sollte ebenso unter Strafe gestellt werden wie die Einführung der Lüge.
    Als gäbe es zwei Höllen, eine für die Sünden gegen die christliche Liebe, eine andere für Verstöße gegen das Recht.
    XIV Von dem Streit der Meinungen, Fragm. 916

  6. Sinn und Bedeutung:

    Für mich ist im Medizin-Kontext diese Frage/ Antwort in den letzten Jahren zu sehr eingeschränkt worden.

    Solche Einschränkungen, wir könnten auch sagen kontextspezifische Fokussierungen,
    lassen unser theoretisches und praktisches Wissen schrumpfen.

    In der deutschen Medizin, nur das kann ich beurteilen, wird das diagnostische und therapeutische Wissen sehr unangenehm verengt.
    Und immer wieder merke ich, welches vor 30 oder 40 Jahren vorhandene Wissen mir heute hilft Probleme anzugehen und zu lösen, die mit dem heutigen Wissen nicht bewältigt werden.
    Und es ist nicht nur vergessenes oder heute nicht mehr geschätztes Wissen, es ist auch neues biologisches / biochemisches Wissen, das aus dem verengten Fokus des Medizin-Etablissements ausgegrenzt wird.

    Insofern lohnt es immer mal wieder über Sinn und Bedeutung dessen was wir tun, örtlich, zeitlich, sozial nachzudenken und infrage zu stellen.

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