2.5 fbs

Grenzen stellt man sich meistens im Raum oder in der Zeit vor: der Gartenzaun, über dessen Erneuerung es zum Streit mit den Nachbarn kommt, die Mauer, die ein amerikanischer Präsident zum Nachbarland bauen will, die Haut, die den Organismus vom Rest der Welt abgrenzt, der Zug, der nicht rechtzeitig (=zu spät) erreicht wird, die günstige Gelegenheit (kairos), die verpasst wurde, weil die Grenze der Zeit, zu der sie genutzt werden konnte, überschritten wurde.

Aber in der tatsächlichen, direkten Beobachtung ist eine Grenze eigentlich ein fiktiver Ort oder eine fiktive Zeit, der/die keinen Raum oder keine Zeit beanspruchen kann, da im Rahmen des Unterscheidens eine klare Entweder-oder-Unterscheidung vollzogen wird, d.h. alle Phänomene entweder der einen oder der anderen Seite der Grenze zugerechnet werden.

Wo bleibt da die Grenze? Sie stellt gewissermaßen so etwas wie ein Niemandsland bzw. eine Unzeit dar, so dass ihr keine der durch sie getrennten Phänomene eindeutig zugeordnet werden können, d.h. ein Raum oder eine Zeit, ein Zustand oder ein Inhalt, dessen Verortung in Bezug auf die Merkmale des Unterscheidens unentscheidbar (!) ist – und bleibt, andernfalls würde die Grenze zugunsten oder zuungunsten einer der beiden Seiten verschoben.

Deswegen sind Grenzstreitigkeiten ja auch so beliebt.

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