2.5 Grenze: Der Raum, Zustand oder Inhalt, in dem Innenseite und Außenseite eines Unterscheidens zusammentreffen/getrennt werden, soll Grenze genannt werden.

Grenzen stellt man sich meistens im Raum oder in der Zeit vor: der Gartenzaun, über dessen Erneuerung es zum Streit mit den Nachbarn kommt, die Mauer, die ein amerikanischer Präsident zum Nachbarland bauen will, die Haut, die den Organismus vom Rest der Welt abgrenzt, der Zug, der nicht rechtzeitig (=zu spät) erreicht wird, die günstige Gelegenheit (kairos), die verpasst wurde, weil die Grenze der Zeit, zu der sie genutzt werden konnte, überschritten wurde.

Aber in der tatsächlichen, direkten Beobachtung ist eine Grenze eigentlich ein fiktiver Ort oder eine fiktive Zeit, der/die keinen Raum oder keine Zeit beanspruchen kann, da im Rahmen des Unterscheidens eine klare Entweder-oder-Unterscheidung vollzogen wird, d.h. alle Phänomene entweder der einen oder der anderen Seite der Grenze zugerechnet werden. Mit anderen Worten: Grenzen kreieren Relationen zwischen der Innen- und der Außenseite einer Unterscheidung.

Wo bleibt da die Grenze? Sie stellt gewissermaßen so etwas wie ein Niemandsland bzw. eine Unzeit, ein Abstractum dar, so dass ihr keine der durch sie getrennten Phänomene eindeutig zugeordnet werden können, d.h. ein Raum oder eine Zeit, ein Zustand oder ein Inhalt, dessen Verortung in Bezug auf die Merkmale des Unterscheidens unentscheidbar (!) ist – und bleibt, andernfalls würde die Grenze zugunsten oder zuungunsten einer der beiden Seiten verschoben.

Deswegen sind Grenzstreitigkeiten ja auch so beliebt.

Literatur:

„Ein sehr wichtiger Begriff, mit dem wir später viel zu tun haben werden, ist der der Begrenzung. Er ist eine Beziehung zwischen zwei Mengen und ergibt sich, wenn die Vielfalt, die unter einer Bedingung existiert, geringer ist, als die Vielfalt, die unter einer anderen Bedingung existiert.“

Ashby, W. R. (1956): Einführung in die Kybernetik. Frankfurt (Suhrkamp), 1974, S. 187.

Distinction is perfect continence.

That is to say, a distinction is drawn by arranging a boundary with separate sides so that a point on one side cannot reach the other side without corssing the boundary.“

G. Spencer-Brown (1969): Laws of Form. New York (E.P. Dutton) 1979, S. 1.




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