2.5.3 Ob eine Grenze der Innenseite oder der Außenseite des Unterscheidens zugerechnet werden kann/muss, ist aus einer Beobachtungsperspektive jenseits der Unterscheidung (= Metaperspektive/Beobachtung 2. Ordnung) unentscheidbar (=tertium datur).

Grenzen bilden so etwas wie das Dritte, von dem die aristotelische Logik suggeriert, es existiere nicht. Sie bilden die viel beklagten – und doch so häufig bzw. sogar meistens in der alltäglichen Realität zu beobachtenden, jeden nach Eindeutigkeit strebenden Zwängler zur Verzweiflung treibenden –  „Grauzonen“, wo nicht entschieden werden kann, ob man es mit „Fisch oder Fleisch“ zu tun hat. Diese Unentscheidbarkeit führt dazu, dass man auf die Frage, zu welcher Seite die Grenze „gehört“, nur antworten kann: Kommt darauf an. Und worauf es ankommt, entscheidet der Beobachter bzw. seine Perspektive.

Die Bewohner von Grenzgebieten konnten dies leidvoll seit der Kreation von Nationalstaaten erleben: Sie mussten sich nur zu oft entscheiden, ob Sie zur einen oder der anderen Seite der Grenze gehören wollten. Polen oder Deutsche, Franzosen oder Deutsche, Italiener oder Österreicher, Irland oder Großbrittannien usw., und wo sie sich selbst entscheiden mussten/durften, hatten sie noch Glück, weil meistens versucht wird, solche Uneindeutigkeiten durch Gewalt (Krieg) zu entscheiden.

Literatur:

„Aus Yorubaland in Westarfrika haben wir ein Erzählung von dem listigen Gott Edschu, in der die Unzulänglichkeit menschlicher Maße zu eindringlicher Evidenz gelangt: „Zwei Menschen waren einmal Freunde… Edschu sah es. Edschu sagte: ‚Diese beiden sind die besten Freunde. Diese beiden werde ich auseindanderbringen, und damit wird ein guter Anfang für ein ganz großes Idja (ein Rechtsfall, ein Palaver) gegeben sein.‘ Die beiden Freuunde hatten ihre felder nebeneinander. Ein Weg führte zwischen beiden hindurch… Als Edschu nun den Streit beginnen wollte, machte er sich eine Mütze aus grünem, schwarzem, rotem und weißem Stoff, so daß sie von jeder Seite betrachtet eine besondere Farbe zeigte. Diese Mütze setzte er eines Morgens auf, als er sich auf den Weg durch die Felder machte… Beide Freunde arbeiteten auf ihren Feldern. Sie sahen einen Augenblick auf. Edschu rief ihnen einen Gruß zu. Die Freunde antworteten und arbeiteten weiter. Nachher gingen die beiden Freunde gemeinsam nach Hause… Der erste sagte: ‚… Er hatte heute nicht eine schwarze, sondern eine weiße Kappe auf.‘ Der andere sagte: ‚Du mußt wohl blind sein, oder du hast geschlafen; er hatte eine rote Kappe auf.‘ Der erste sagte: ‚Du mußt heute morgen schon Palmwein getrunken haben….‘… Der eine zog sein Messer und schlug auf den anderen ein. Der andere bnekam eine Wunde. Er zog sein Messer und schlug es dem einen über den Kopf… Edschu war inzwischen zum König der Stadt gegangen. Er sagte zum König: ‚Frage doch nur einmal die beiden Freunde, was sie haben! Sie haben sich die Köpfe mit Messern blutig geschlagen.‘ Die beiden Freunde wurden gerufen.“ Nachdem sie ihre gegenseitigen Anschlidigungen vor dem König wiederholt haben, gibt Edschu sich zu erkennen. „Der König fragte: ‚Wer kennt den alten Mann?‘ … Edschu zog seine Mütze hervor und sagte: ‚Ich habe diese Mütze aufgesetzt… Jeder sah mich auf seiner Seite anders… Die beiden Freunde mußten sich streiten. Das habe ich getan! Streiten verbreiten ist meine größte Freude‘.“

Campbell, Joseph (1949): Der Heros in tausend Gestalten. Frankfurt (Suhrkamp) 1978, S. 48/49.

„»Das Brutto- und Nettoresultat davon ist, daß die Persönlichkeit von Menschen, die die meiste Zeit ihres natürlichen Lebens damit verbringen, die steinigen Feldwege dieses Landkreises mit eisernen Fahrrädern zu befahren, sich mit der Persönlichkeit ihrer Fahrräder vermischt: ein Ergebnis des wechselseitigen Austauschs von Mollykülen, und Sie wären erstaunt über die große Anzahl von Leuten in dieser Gegend, die beinahe halb Mensch, halb Fahrrad sind.«

Mick keuchte leicht vor Erstaunen, und das machte ein Geräusch wie Luft, die aus einem schadhaften Reifen austritt.

»Guter Gott, ich vermute, Sie haben recht.«

»Und Sie wären unsagbar baff, wenn Sie die genaue Zahl stämmiger Fahrräder kennten, die heiter am menschlichen Leben Anteil nehmen.«“

Flann O’Brien (1964): Aus Dalkeys Archiven. Frankfurt (Suhrkamp) 1982, S. 112.

 

„Wiewohl ich’s nicht behaupten kann, daß ein Mann und sein STECKENPFERD ganz genau so aufeinander ein- und zurückwirken, wie es dies Leib und Seele tun: So besteht doch zwischen ihnen unzweifelhaft ein gewisser Rapport, und ich halte eigentlich dafür, daß es dabei eher so zugeht, wie zwischen elektrisierten Körpern, — und zwar vermittels der erhitzten Teile des Reiters, die in unmittelbaren Kontakt mit dem Rücken des STECKENPFERDS kommen. – Bei langen Ritten und großer Friktion kommt es dann schließlich dahin, daß der Körper des Reiters zuletzt mit so viel STECKENPFERDISCHEM Fluidum angefüllt ist, wie er nur fassen kann; —- so daß, wofern es einem gelingt, eine klare Beschreibung von der Natur des einen zu geben, man sich eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Genius und Charakter des anderen wird bilden können.“

Laurence Sterne (1759): Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Zürich (Haffmans) 1983, S. 168f.




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