20.5.2 Organismen beobachten sich selbst, d.h. sie reagieren strukturdeterminiert auf sich intern entwickelnde anatomisch-physiologische Unterschiede.

Gut zu beobachten ist dies für den außenstehenden Beobachter an der äußerlich wahrnehmbaren Symptomatik mancher körperlicher Krankheiten. Wenn die Haut rote Flecken bekommt oder die Temperatur des Körpers steigt (Fieber), dann sind das im Allgemeinen strukturdeterminierte Reaktionen auf körperinterne Veränderungen – wodurch sie auch immer ausgelöst sein mögen. Der Körper – speziell das Nervensystem, wenn der Organismus über eines verfügt – hat seine Unterscheidungsschemata, die ihm signalisieren, wann und wie er  auf z.B. die Veränderung irgendwelcher Variablen zu reagieren hat. Meist handelt es sich um kompensatorische oder hemmende Reaktionen auf Über- oder Unterfunktion irgendwelcher Organe (wie es der Arzt als Beobachter 2. Ordnung formulieren würde). Im Organismus sind 1. und 2. Unterscheidungen gekoppelt, so dass von Selbst-Beobachtung gesprochen werden kann, wo immer Regelkreise oder allgemeiner gesagt: Reaktions-Reaktionen involviert sind.

Dass all diese internen Reaktionen und ihre Relationierung im Organismus als einer Form, d.h. einer Einheit, die aus ihm selbst und seinen Umwelten (Kontexte) besteht, stattfinden, sollte bei der Fokussierung der Beobachtung auf den Organismus als Einheit nicht vergessen werden.

 

Literatur:

Das Operieren des Nervensystems als eines Bestandteils eines Organismus besteht in der Erzeugung interner Relationen, die notwendigerweise dem Operieren des Organismus als einer Einheit in seinem Medium untergeordnet sind. Diese internen Relationen müssen folglich im Organismus solche Zustandsveränderungen erzeugen, daß die ihn definierende Organisation erhalten wird, wenn er Interaktionen durchläuft; sie können daher im wesentlichen nur sensu-motorische Korrelationen sein, die die ständige Modulierung der sich verändernden Position des Organismus in seinem Medium bewirken.“

Maturana, Humberto (1982): Einleitung zur deutschen Ausgabe. In: ders. (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 21.

„Da das Nervensystem als ein geschlossenes neuronales Netzwerk keine Input- oder Outputoberflächen kennt, erfordert seine Beschreibung mit Input- und Outputrelationen die Öffnung dieses Netzwerks an irgendeinem Punkt, den der Beobachter durch Angabe seines Bezugsbereichs für seine Beschreibung definiert. Streng genommen folgt daher aus dieser Einheitlichkeit der geschlossenen Organisation des Nervensystems, daß alles, was dem Nervensystem an irgendeinem Punkt zugänglich ist, Zustände relativer neuronaler Aktivitä in anderen Nervenzellen sind.“

Maturana, Humberto (1978): Repräsentation und Kommunikation. In: ders. (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 285




Ein Gedanke zu „20.5.2 Organismen beobachten sich selbst, d.h. sie reagieren strukturdeterminiert auf sich intern entwickelnde anatomisch-physiologische Unterschiede.“

  1. Die Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis erfolgt also mehr emotional als rational. Wann kommt das Bewusstsein ins Spiel? Oder ist das Bewusstsein eine Art Spielverderber?

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