20.5.3 Organismen beobachten sich selbst de facto in Beziehung zu ihrer ökologischen Nische, d.h. sie korrelieren strukturdeterminiert externe physikalisch-chemische Unterschiede mit internen anatomisch-physiologischen Mustern.

Es sollte klar sein, dass solch eine Aussage nur gemacht werden kann, wenn ein Beobachter (2. Ordnung) in der Lage ist, Ereignisse, die außerhalb des beobachteten Organismus stattfinden, mit Veränderungen, die innerhalb dieses Organismus ablaufen, zu korrelieren. Der Organismus selbst ist lediglich in der Lage, seine eigenen Reaktione auf Perturbationen/Irritationen zu registrieren. Wenn er dann intern – analog zum Beobachter 2. Ordnung – eine Innen-außen-Unterscheidung konstruiert und manche seiner eigenen Reaktionen der Innen-, andere der Außenseite zuschreibt, so kann er sich ein inneres Modell („Landkarte“) von sich selbst in einer Welt, zu der er selbst gehört, bauen – aber dieses Modell ist immer eigensinnig, subjektiv, einzigartig – wenn auch vielleicht ähnlich zu dem, das andere Exemplare seiner Art konstruieren. Aber – auch das sei hier noch einmal betont – Begriffe wie Modell, Landkarte, Bild etc. sind metaphorisch zu verstehen: Eigentlich vollzieht sich immer nur die physiologische Kopplung von zwei Unterscheidungen, von denen die eine als Verweis auf die andere genutzt wird.

 

Literatur:

„Die Relationen, mit denen das Nervensystem interagiert, sind Relationen, die durch die physikalischen Interaktionen des Organismus gebildet werden und daher von dessen anatomischer Organisation abhängen. Für den Beobachter interagiert daher der Organismus mit einem bestimmten Gegenstand, den der Beobachter in seinem kognitiven Bereich beschreiben kann.  Was jedoch das Nervensystem des beobachteten Organismus modifiziert, das sind die Veränderungen in der Aktivität der mit den sensorischen Elementen verbundenen Nervenzellen, Veränderungen, die hernach eine Verkörperung der Relationen darstellen, die durch die Interaktion entstanden sind. Diese Relationen sind nicht jene, die entsprechend der Beschreibung des Beobachters zwischen Teileigenschaften des Gegenstands im kognitiven Bereich des Beobachters gelten. Es handelt sich vielmehr um Relationen, die in der Ineraktion selber erzeugt werden, und die sowohl von der strukturellen Organisation des Organismus als auch von den Eigenschaften der Welt abhängen, die dem durch die Organisation des Organismus definierten Interaktionsbereich entsprechen. Immer dann, wenn eine solche Relation an der sensorischen Oberfläche wieder auftritt, entsteht der gleiche Zustand relativer Aktivität in den mit den sensorischen Elementen in Kontakt befindlichen Neuronen. Zwei Interaktionen, die den gleichen Zustand relativer Aktivität erzeugen, sind für das Nervensystem identisch, gleichgültig wie verschieden sie im kognitiven Bereich des Beobachters sein mögen.“

Maturana, Humberto (1970): Biologie der Kognition. In: ders. (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 48.




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