20.6 Der Organismus des Menschen (=Körper) beobachtet seine Umwelten nicht allein durch die Bildung anatomisch-physiologischer (=körperlicher) Muster (das auch), sondern zusätzlich mit Hilfe des Bewusstseins (=psychisches System), das fest mit ihm gekoppelt ist, sich im Laufe seiner Geschichte ausdifferenziert, strukturiert und auf den Körper einwirkt.

Die Kopplung von Organismus und Psyche besteht ja nicht nur für einen einzelnen Moment, sondern dauerhaft, so dass auch von einer Ko-Evolution der beiden (trotzdem autonomen, weil strukturdeterminierten und innengesteuerten) Systeme gesprochen werden kann. Beide bilden relevanten Umwelten füreinander, die sie nicht loswerden.

Um sich diese Entwicklung vorzustellen, kann der Film „Flucht in Ketten“ (1958) helfen, die Konsequenzen solcher Art der Kopplung zu illustrieren: Zwei Häftlingen (dargestellt von Tony Curtis und Sidney Poitier), die mit Ketten aneinander „gekoppelt“ sind, gelingt während eines Gefangenentransports die Flucht. Jeder ist zwar theoretisch in seinem Verhalten frei sich zu entscheiden, aber sein Handlungsspielraum ist tatsächlich durch den anderen und dessen Verhalten in seiner Handlungsfreiheit beschränkt. Letztlich müssen sich beide miteinander arrangieren und einigen, was zu tun ist. Obwohl sie sich zunächst sehr skeptisch bzw. feindselig gegenüber stehen – einer ist weiß, der andere schwarz, und das in den, im Vergleich zu heute, noch rassistischeren USA der 50er Jahre -, ändert sich ihre Einstellung im Laufe der gemeinsamen Geschichte, hin zu Sympathie und Solidarität… [Regie: Stanley Kramer, MGM-DVD].

So ähnlich entwickelt sich auch bei den meisten Menschen die Beziehung zwischen ihrem Bewußtsein und ihrem Körper. Sie sind aneinander „gekettet“, und was der eine tut, gefällt nicht immer der andere. Das Bewußtsein will Limonade trinken, der Körper reagiert kurzfristig mit Bauchschmerzen und langfristig mit einer ganz bösartigen Karies, um den Limondentrinker zu ärgern. Und der Besitzer des Körpers bzw sein Bewußtsein  ist mit dessen Aussehen nicht zufrieden und lässt sich das Fett absaugen, die Brust vergrößern oder – weniger radikal – die Haare schneiden usw.

Und die Kopplung zeigt sich u.a. dann, wenn das Bewußtsein eine Gefahr wittert, und der fest gekoppelte Körper mit vorgefertigten Reaktionsschemata sich auf Flucht und/oder Kampf vorbereitet.

Aus psychosomatischer Sicht ist zu untersuchen, welche psychischen Ereignisse und Prozesse mit welchen körperlichen Reaktionsmustern gekoppelt sind. Nicht alles, was in der Welt außerhalb des Körpers geschieht, ist für ihn relevant. Auch für den Organismus gibt es eine Indifferenzzone, in der (ihm) egal ist, was psychisch oder sozial geschieht – die personalisierende Metaphorik möge mir verziehen sein.

Auf jeden Fall, so läßt sich ableiten, muss psychosomatische Forschung immer in der Untersuchung der Kopplungsmuster zwischen psychischem System und Organismus bestehen. Das würde auch das Problem lösen, dass Psychologie und Physiologie unterschiedliche Wissenschaftssprachen verwenden.

Die Systemtheorie könnte aber wahrscheinlich generell- anders als die landläufige Meinung der Psychosomatiker (siehe Zitat unten) – ein Meta-Modell und eine Metasprache anbieten, was eine gemeinsame erkenntnistheoretische Basis und damit verbunden Verständigungsmöglichkeit eröffnet.

 

Literatur:

„Das Konzept der Aktivierung bezieht sich nun genau auf den Aspekt von Emotion, der körperliche und psychische Phänomene aufeinander bezieht, indem psychische Phänomene eine körperliche Bedeutung gewinnen oder umgekehrt. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn ein Außenreiz ein Gefahrensignal darstellt, das Gefühle der Angst auslöst und gleichzeitig den Körper aktiviert, damit der Organismus sich durch Flucht dem Reiz entziehen kann.

Diese Betrachtungsweise beinhaltet, daß psychologische Modelle  um physiologische Modelle erweitert werden und umgekehrt. Darin liegt eine besondere Schwierigkeit, da die jeweiligen Modelle für sich in einer physiologischen bzw. psychologischen Wissenschaftssprache beschrieben werden und nun mit einer anderen Sprache in Berührung kommen, wobei es nicht möglich ist, eine Sprache auf die andere zu reduzieren oder in die andere zu übersetzen.. Es gibt jedoch auch keine Metasprache, die beide Wissenssysteme integriert beschreiben würde.“

Schoenecke, Othmar W., Herrmann, Jörg Michael (1990): Psychophysiologie. In: von Uexküll, Thure (1990): Psychosomatische Medizin München (Urban & Schwarzenberg) 4. neuberarbeitete und erweiterte Auflage 1990, S. 134.

 




17 Gedanken zu „20.6 Der Organismus des Menschen (=Körper) beobachtet seine Umwelten nicht allein durch die Bildung anatomisch-physiologischer (=körperlicher) Muster (das auch), sondern zusätzlich mit Hilfe des Bewusstseins (=psychisches System), das fest mit ihm gekoppelt ist, sich im Laufe seiner Geschichte ausdifferenziert, strukturiert und auf den Körper einwirkt.“

  1. Eine Ebene tiefer gedacht muss man sagen, dass jegliches Konzept des Körpers auch bereits einem Beobachterphänomen unterliegt und umgekehrt das Konzept einer „Psyche“ nur möglich ist, wenn „körperliche Strukturen“ (welche auch immer es sein mögen) vorhanden sind. Das ist eine Ebene tiefer als die von Dir hier beschriebene Ebene der Kopplung, die ja bereits eine Theorie beinhaltet.

    Was Du da zu beschreiben vorschlägst, kann nicht beschrieben werden. Denn dazu müsste man Zugang zu „psychischen Prozessen“ haben. Aber niemand hat diesen Zugang. Nicht einmal die Person, die es betrifft (die also ein „psychosomatisches Leiden“ hat). Wie soll also etwas „Unsichtbares“ hier quasi „sichtbar“ gemacht werden?

    Ich dachte mir heute: Warum ist diese dualistische Beschreibungsebene für Dich so wichtig. Mir geht das nicht ein. Das ist widersprüchlich, wenn man konstruktivistisch denkt. Im Großen – okay, wenn es um Strukturen geht, wo tatsächlich der Organismus und psychische Prozesse als gekoppelt konzeptualisiert werden können („als ob“ es so wäre). Aber doch nicht bei einem einzelnen Individuum. Das ist eine cartesianische Leib-Seele-Trennung, wie sie im Buche steht.

    Es kann doch nur untersucht werden, wie ein Mensch im Hier und Jetzt mit anderen Menschen (oder Dingen und Sachverhalten) gekoppelt ist. An diesen Schrauben kann man drehen. Und dann auch nur im trial-and-error-Verfahren zusehen, ob beispielsweise ein Hausausschlag verschwindet. Aber niemand kann Psyche-Organismus-Kopplungen beschreiben und schon gar nicht verändern. Weil es diese doch nur in Deinem Modell gibt … Wie soll das funktionieren? Schon gar unter konstruktivistischen Gesichtspunkten …

  2. @“der Körper reagiert kurzfristig mit Bauchschmerzen und langfristig mit einer ganz bösartigen Karies, um den Limonadentrinker zu ärgern“
    Dazu ist nicht bloß Bewusstsein, sondern auch Intentionalität nötig – wenn nicht böser Wille.

  3. @“[…] psychosomatische Forschung [muss] immer in der Untersuchung der Kopplungsmuster zwischen psychischem System und Organismus bestehen“
    Wodurch und wie entstehen diese „Kopplungsmuster“? Konkret: Gehen sie primär vom psychischen System aus oder vom Organismus?
    Könnten Sie bitte ein Beispiel für ein solches psychosomatisch relevantes Kopplungsmuster nennen und sagen, wie dieses – falls es dysfunktional sein/werden sollte (wie konnte das überhaupt geschehen) – veränderbar wäre und von wem oder was (falls überhaupt, was ich bezweifle).

  4. “[…] psychosomatische Forschung [muss] immer in der Untersuchung der Kopplungsmuster zwischen psychischem System und Organismus bestehen“

    Wodurch und wie entstehen diese „Kopplungsmuster“? Konkret: Gehen sie primär vom psychischen System aus oder vom Organismus?

  5. Könnten Sie bitte ein Beispiel für ein solches psychosomatisch relevantes Kopplungsmuster nennen und sagen, wie dieses – falls es dysfunktional sein/werden sollte (wie konnte das überhaupt geschehen) – veränderbar wäre und von wem oder was (falls überhaupt, was ich bezweifle).

  6. @4: Haben Sie sich schon einmal vor Angst in die Hose gemacht? Haben Sie vor Erregung gezittert (wobei ich offen lassen will, warum Sie erregt waren – ärztliche Schweigepflicht…)? usw (

    Generell sind alle körperlichen Stressreaktionen physiologische Prozeßmuster, die stereotyp durch psychische Ereignisse (z.B. Wahrnehmung von Gefahr) ausgelöst werden, wobei das, was z.B. als Gefahr erlebt wird, von Indiduum zu Individuum verschieden ist (was genetische Dispositionen nicht ausschließt, d.h. dass alle oder viele Menschen in derselben oder ähnlicher Weise – Beobachtung 2. Ordnung – reagieren können).

  7. Die Kopplung geht, ziemlich elegant, nur! über + und – , Aktivität und Passivität,
    Katabolie und Anabolie, Ying/ Yang..

    und jeder Streß, egal ob somatisch/ psychisch/ sozial schaltet den somatischen Phänomenbereich auf Katabolie mit den bekannten/ nicht bekannten molekularen/ vegetativen Mustern.
    Gut nachzulesen z.B. Selye, Sapolsky etc. …

  8. „Wahrnehmung von Gefahr“

    wie ich es erlebe wird dann sofort eine weitere Unterscheidung vollzogen,
    entsprechend der Frage, lohnt es aktiv zu re-/agieren oder ist Stillhalten, Totstellen, sinnvoll.

    Je nach Einschätzung der Situation erfolgt eine differente dynamische „psychosomatische“ StressAntwort:
    Durchfall/ Verstopfung
    Blase entleeren/ verschließen
    Blutdruck hoch/ tief
    Puls tief/ hoch
    Erbrechen/ ?
    Schwitzen/ Frieren
    Bewegungsimpuls/ wie gelähmt sein

    Hält diese Stress-Antwort länger an, wobei noch zu definieren ist was länger ist,
    dann kommt es zu „statischen“ psychosomatischen „Anpassungsreaktionen“,
    Organveränderungen, wie z.B. Erosionen im Magen bedingt durch die dünnere Schleimschicht im Magen unter erhöhtem Cortisolspiegel, oder Regulationsstörung der Herzratenvariabilität etc. oder ??

    Wie diese StressAntwort Differenz reguliert wird weiß ich nicht,
    möchte es gerne wissen !!!

  9. „Familienmitglieder, die Einwohner eines Dorfes, die Mitglieder eng zusammengewachsener Berufsgruppen (Schauspieler, Wissenschaftler, Geschäftspartner, Soldaten, die hinter feindlichen Linien operieren) kommen zu einem Urteil über die Persönlichkeiten eines Menschen, mit dem sie zusammenleben und ihre Handlungen abstimmen und, gelegentlich, ihr Leben auf der Grundlage einer gemeinsamen Entscheidung führen. Offensichtlich gehen sie nicht >>wissenschaftlich<< vor, und zwar in dem Sinne, daß sie Hypothesen aufstellen würden, die sich auf eine klar definierte Evidenz beziehen. Könnten Psychologie Tests die wissenschaftliche Ordnung wiederherstellen? Sie können es – aber das ist nicht der Punkt." …

    Paul Feyerabend, Die Vernichtung der Vielfalt
    © by Grazia Borrini-Feyerabend
    © 2005 der dt. Ausgabe by Passagen Verlag Ges.m.bH., Wien

  10. Ich denke, dass es schon Hypothesen gibt im Sinne von Vorannahmen über erwartetes Verhalten, die sich speisen aus den Erinnerungen an erlebtes, wahrgenommenes Verhalten ..

  11. logo, wieso auch nicht?
    … und dann gilt natürlich auch:
    Ohne Fleiß kein Preis 🏷

    „Zu diesem Ergebnis komme ich aufgrund meines neuen Buches, das – so hoffe ich – in einem Jahr erscheinen wird. Es heisst „Die Wachstumsspirale“. Ich erwähne dies deswegen, weil ich in diesem Buch ganz wesentlich auf der klassischen Theorie des Markts aufbaue, die zur Hauptsache von A-dam Smith geprägt wurde. Dies kann ich hier natürlich nicht näher ausführen. Ich möchte nur soviel sagen, dass es sich dabei um einen Rückzug aus der heute allgemein gültigen neoklassischen Theo-rie handelt, die ich als Sackgasse betrachte. Die neoklassische Theorie erfasst das ganze Wirt-schaftsgeschehen nur unter dem Gesichtspunkt des zeitlosen Gleichgewichts, das den Problemen der heutigen Zeit nicht Rechnung trägt. Ein Ausweg aus einer Sackgasse ist nur möglich durch ei-nen Rückzug. Dieser muss bis zu der Stelle erfolgen, die vor der Sackgasse liegt, um von dort aus einen neuen Weg zu suchen, der den Zugang zur Lösung der Probleme der heutigen Zeit öffnet, die Entscheidungen im Ungleichgewicht erfordern. Diese Stelle heisst Adam Smith.“

    http://files.foes.de/de/downloads/ArtikelReden/RedeBinswanger.pdf

  12. @9: Dauerhafte emotionale Belastung mit ständiger Beanspruchung führt zu Veränderungen der Emotionssysteme, z. B. im Belohnungssystem und in präfrontalen Kontrollregionen. Die phylogenetische Entwicklung eines komplexen hierarchischen Selbstregulationssystems dient der Aufrechterhaltung der Homöostase: Bereitstellung von Energie bei Bedrohungen, Abruf von „Fight, Flight, Fright“-Verhalten, anschließend Erschöpfung und Erholung. Bei wiederholtem Gefahren-Stress entwickelt sich im Gehirn eine emotionale Erfahrung, deren Bedeutung auch nach der Stress-Situation bleibt. Dadurch entsteht eine Vulnerabilität für psychische Erkrankungen, wie z. B. Depression. Dabei zeigt sich im Tierversuch eine erhöhte Dendritenanzahl im anterioren Cingulum sowie Verhaltensauffälligkeiten, z. B. bei sozial deprivierten Strauchratten, doch keine Veränderungen im somatosensorischen Kortex. Chronischer Stress führt zur Übernahme der psychischen Regie durch die Mandelkerne und zur Schwächung präfrontaler Kontrolle. Die Amygdala spielt dann die zentrale Rolle bei der Emotionsverarbeitung und bei der Steuerung von Verhalten.

  13. @13: Wäre nett, wenn Sie bei solch langen Zitaten die Quelle angeben (da ich davon ausgehe, dass dies nicht Ihre eigenen Erkenntnisse sind – wenn ich mich irre, bin ich natürlich offen, sofort das Gegenteil zu behaupten). Es wäre einfach gut, wenn jeder Leser die Chance bekommt, den von Ihnen gebahnten Pfaden eigenständig zu folgen…

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