20.6.1 Menschliche Organismen (und etliche tierische Organismen) beobachten ihre psychische Umwelt (=Bewusstsein), d.h. sie reagieren strukturdeterminiert auf unterschiedliche Zustände und Prozesse des Bewusstseins.

In den Frühzeiten der psychosomatischen Forschung versuchte man spezifische psychische Ereignisse, speziell konflikte bzw. die Abwehr von sozial unakzeptablem Wünschen und Begehren mit spezifischen körperlichen Symptomen zu korrelieren. Wenn man die  Prämissen der Theorie autopoietischer Systeme zugrundlegt, so scheint dies unwahrscheinlich. Dazu müsste es eine instruktive Ineraktion zwischen eng umschriebenen psychischen und physiologischen Ereignissen geben. Muster: Will (unbewußt) den Vater schlagen – der Arm ist gelähmt. Wenn man von strukturdeterminierten Operationen beide Systeme ausgeht, ist die Hypothese plausibler, dass Muster im einen System mit Mustern im anderen System korreliert sind. Dabei dürften in der akuten Situation – z.B. bei Ruhe und Entspannung oder in einer Situation der Gefahr – keine vollkommen neuen Muster entwickelt werden, sondern die bereits etablierten Muster genutzt werden. Entweder sie werden verstärkt oder gehemmt. Werden diese, für das schnelle aktuelle Reagieren notwendigen Reaktionsmuster dauerhaft aktiviert/gehemmt, so kommt es auch zu anatomischen Veränderungen (wie etwa bei dauerhaftem Bluthochdruck).

Sigmund Freud dürfte Ende des 19., Anfang des 20. Jarhhunderts der prominenteste, auf jeden Fall der einflußreichste Autor gewesen sein, der versucht hat das Verhältnis von Körper und Psyche bei der Verursachung von Symptomen zu konzeptualisieren. Er folgte dem Geist der Zeit, d.h. er orientierte sich an physikalischen, speziell mechanischen Modellen, und sah in energetischen Prozessen die Ursache: „libidinöse Energie“ wird als Lösung eines psychischen Konflikts ins körperliche konvertiert („Konversionshysterie“). Dabei – und das scheint aus der Perspektive einer Theorie operationell geschlossener Systeme problematisch bzw. der Funktionslogik solcher Systeme widersprechend – gewinnt die körperliche Symptombildung eine symbolische Bedeutung für den psychischen Konflikt. Diese Ansicht wurde von Freud später relativiert, als er in seine Theorie das Konzept eines „somatisches Entgegenkommens“ einführte, das die Symptomwahl mitbestimmt. Das kann – aus heutiger Sicht – als Schritt in Richtung der Reflexion der Strukturderterminiertheit des Organismus betrachtet werden.

 

Literatur:

„Man muß sich hierbei an die so häufig gestellte Frage erinnern, ob die Symptome der Hysterie psychischen oder somatischen Ursprungs seien, oder wenn das erstere zugestandenist, ob sie notwendig alle psychisch bedingt seien. Diese Frage ist, wie so viele andere, an deren Beantwortung man die Forscher immer sich erfolglos bemühen sieht, eine nicht adäquate. Der wirkliche Sachverhalt ist in ihre Alternative nicht eingeschlossen. Soviel ich sehen kann, bedarf jedes hysterische Symptom des Beitrags von beiden Seiten. Es kann nicht zustande kommen ohne ein gewisses somatisches Entgegenkommen, welche von einem normalen oder krankhaften Vorgang in oder an einem Organe des Körpers geleistet wird. Es kommt nicht öfter als einmal zustande – und zum Charakter des hysterischen Symptoms gehört die Fähigkeit, sich zu wiederholen -, wenn es nicht eine pychische Bedeutung, einen Sinn hat. Diesen Sinn bringt das hysterische Symptom nicht mit, er weird ihm verliehen, gleichsam mit ihm verlötet, und er kann in jedem Falle ein anderer sein, je nach der Beschaffenheit der nach Ausdruck ringenden unterdrückten Gedanken. Allerdings wird keine Reihe von Momenten darauf hin, daß die Beziehungen zwischen den unbewußten Gedanken und den von ihnen als Ausdrucksmittel zu Gebote stehenden somatischen Vorgängen sich minder willkürlich gestalten und sich mehrere typische Verknüfungen annähern.“

Freud, Sigmund (1905e): Bruchstück einer Hysterie-Analyse. G.W. V, 199 [Studienausgabe Bd. VI, S. 116].

„Das Symptom kann eine seiner Bedeutungen oder seine Hauptbedeutung im Laufe der Jahre ändern, oder die leitende Rolle kann von einer Bedeutung auf eine andere übergehen. Es ist wie ein konservativer Zum im Charakter der Neurose, daß das einmal gebildete Symptom womöglich erhalten wird, mag auch der unbwußte Gedanke, der in ihm seinen Ausdruck fand seine Bedeutung eingebüßt haben. Es ist aber auch leicht, diese Tendenz zur Erhaltung des Symptoms mechanisch zu erkläre; die Herstellung eines solchen Symptoms ist so schwierig die Übertragung der rein psychischen Erregung ins Körperliche, was ich Konversion genannt habe, an soviel begünsitgende Bedinungen gebunden, ein somatisches Entgegenkommen, wie man es zur Konversion bedarf, ist so wenig leicht zu haben, daß der Drang zur Abfuhr der Erregung aus dem Unbewußten dazu führt, sich womöglich mit dem bereits gangbaren Abfuhrweg zu begnügen.“

Freud, Sigmund (1905): Bruchstück einer Hysterie-Analyse. G.W. V, 213.[Studienausgabe Bd. VI, S. 127].

 




2 Gedanken zu “20.6.1 Menschliche Organismen (und etliche tierische Organismen) beobachten ihre psychische Umwelt (=Bewusstsein), d.h. sie reagieren strukturdeterminiert auf unterschiedliche Zustände und Prozesse des Bewusstseins.”

  1. „Menschliche Organismen […] beobachten ihre psychische Umwelt (=Bewusstsein)“
    Wie kann der Organismus seine Psyche beobachten?
    beobachten = strukturdeterminiert reagieren?
    Fehlt da nicht der Reiz, auf den reagiert wird?

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