21.1 Zwei widersprüchliche Definitionen sozialer Systeme lassen sich unterscheiden: Zusammengesetzte Einheiten, die aus Organismen als deren Komponenten gebildet werden vs. zusammengesetzte Einheiten, die aus Kommunikationen als deren Elementen gebildet werden.

Ganze Menschen als Komponenten sozialer Systeme zu betrachten, hat eine lange Tradition. Allerdings ist der theoriebautechnisch und für Analysezwecke nicht zu übersehende Nachteil dieser Definition, dass sie die Komplexität des sozialer Systems für den Beobachter nicht nur nicht reduziert, sondern multipliziert, ja, zur Explosion bringt: Organismen sind selbst schon komplexe Systeme, wenn zusätzlich noch psychische Systeme einbezogen werden, dann sind alle Analyseversuche sozialer Systeme zum Scheitern verurteilt, weil deren Komplexität exponentiell steigt und nicht mehr für pragmatische Zwecke hinreichend zu reduzieren und zu bewältigen ist.

Werden hingegen Kommunikationen als Elemente sozialer Systeme betrachtet, dann handelt es sich bei sozialen Systemen um unterschiedliche Arten von Spielen, deren Regeln stets leichter zu durchschauen sind als die Logik (oder mangelnde Logik) der Psychodynamik auch nur eines Mitspielers. Auch lassen sich Spielregeln leichter gezielt beeinflussen und verändern als psychische Systeme. Kommunikationen sind aber – dazu bei den Sätzen 33ff. mehr – keine Handlungen; wer sich an einem Kommunikationssystem beteiligen will, muss daher immer in Betracht ziehen, dass jeder seinr Aktionen Bedeutung gegeben wird, und sie dadurch zum „Element des Elements“ der Kommunikation wird, da der Handelnde nicht bestimmt, welche Bedeutung es ist, die seinem Verhalten gegeben wird – was aber erst die Kommunikation als Element des sozialen Systems, d.h. die Kommunikation, komplettiert.

 

Literatur:

„10.1 Suprasystem and environment. The suprasystem of any living system is the next higher system in which it is a component or subsystem. For example, the suprasystem of a cell or tissue is the organ it is in; the suprasystem of an organism is the group it is in at the time. Presumably every system has a suprasystem except the „universe.“ The suprasystem is differentiated from the environment. The immediate environment is the suprasystem minus the system itself. The entire environment includes this plus the suprasystem and the systems at all higher levels which contain it. In order to survive, the system must interact with and adjust to its environment, the other parts of the suprasystem. These processes alter both the system and its environment. It is not surprising that characteristically living systems adapt to the environment and, in return, mold it. The result is that, after some period of interaction, each in some sense becomes a mirror of the other“.

https://archive.org/details/LivingSystems/page/n71, S. 29

„Der basale Prozeß sozialer Systeme, der die Elemente produziert, aus denen diese Systeme bestehen, kann unter diesen Umständen nur Kommunikation sein. Wir schließen hiermit also, wie bei der Einführung des Elementbegriffs angekündigt, eine psychologischen Bestimmung der Einheit der der Elemente sozialer Systme aus.

(…)

Der elementare, Soziales als besondere Realität konstruierende Prozeß ist ein Kommuniaktionsprozeß. Dieser Prozeß muß aber, um sich selbst steuern zu können, auf Handlungen redduziert, in Handlungen dekomponiert werden. Soziale Systeme werden demnach nicht aus Handlungen aufgebaut, so als ob diese Handlungen auf  Grund der organisch-psychischen Konstitution des Menschen produziert werden und für sich bestehen könnten; sie werden in Handlungen zerlegt und gewinnen durch die Reduktion Anschlußgrundlagen für weitere Kommunikationsverläufe.“

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Frankfurt (Suhrkamp), S. 192f.




8 Gedanken zu “21.1 Zwei widersprüchliche Definitionen sozialer Systeme lassen sich unterscheiden: Zusammengesetzte Einheiten, die aus Organismen als deren Komponenten gebildet werden vs. zusammengesetzte Einheiten, die aus Kommunikationen als deren Elementen gebildet werden.”

  1. Wäre das so, würde jetzt schon nichts funktionieren. Es funktioniert aber – auch ohne Theorie d.h. ohne Luhmann.

    Wenn man sinnvollerweise davon ausgeht, dass Menschen eine psychophysische Einheit darstellen, dann muss man sich doch fragen: WARUM gehen wir – obgleich so komplex – nicht in Komplexität unter?

    Komplexität wird ständig reduziert und zwar durch diverse Mechanismus – einer davon (vermute einer der wichtigsten) ist die gerichtete Aufmerksamkeit. Das kann darauf hinauslaufen ALS OB ein Organismus und sein PSYCHISCHES SYSTEM getrennt WÄREN. Das ALS OB sollte man hier aber betonen. Was ich sagen möchte ist: Dein Ansatz kann schon stimmig sein, wenn man ihn unter dem ALS OB betrachtet. Denn so funktioniert es praktisch auch. Jemand steht am Fließband, ALS OB er keinen freien Willen hätte. Man kann es schon so betrachtet – als Differenz zw. Organismus und seinem psychischen System. Denn praktisch tun wir das auch. Wir schalten das persönliche psychische System quasi ab – schalten in einen Modus, als ob die individuellen psychischen Prozesse im Moment keine Rolle spielten.

    Die gerichtete Aufmerksamkeit auf etwas Vorgegebenes schaltet Menschen gedanklich im Hier und Jetzt gleich, als ob da keine Individualität wäre, oder sie im Moment einfach nicht relevant ist (oder eine Umwelt ist – so kann man es ja auch sagen). Das reduziert die Komplexität ganz erheblich.

    Die Theorie kann also sehr praktisch sein – aber unter dem Blickwinkel des „ALS OB“ …

  2. diverse Mechanismen …

    Gestaltwahrnehmung ist ein anderer Mechanismus, der Komplexität reduziert. Und das siehst Du bei Deiner eigenen Theorie. Du formst 3 Gestalten … Das kann sehr praktisch sein.

    Mir ist das ALS OB gerade eben eingefallen und ich denke, es rehabilitiert für mich Deinen ganzen Ansatz vollkommen. Man muss nur klarstellen, wofür man ihn zu verwenden gedenkt … (Kontext). Hier: soziale Systeme.

  3. Auch Vertrauen reduziert die Komplexität.

    Vertrauen heißt vielleicht vorauszusetzen, dass auch andere jenen Regeln folgen, die man selber zu beachten bereit ist. Oder es zu erwarten?

    „Vertrauen im weitesten Sinne eines Zutrauens zu eigenen Erwartungen ist ein elementarer Tatbestand des sozialen Lebens.“ (Luhmann, Vertrauen, S. 1).

    Ist ein Unterschied zwischen „etwas erwarten“ und „etwas voraussetzen“?

  4. @1-3: Wer eine Theorie entwickelt oder darstellt, redet immer nur über „ein“ ALS OB. Es gibt, nebenbei bemerkt, auch eine „Philosophie des ALS OB“ (Hans Vaihinger). Paul Watzlawick hat oft auf ihn und sein Werk hingewiesen.

  5. Vaihinger werde ich mir zu Gemüte führen (nie gehört).

    Die Regeln sind es – meines Erachtens – vorwiegend, die Komplexität reduzieren; vermutlich liegen sie der Gestaltwahrnehmung ebenso zugrunde. Regeln sind nichts anderes als das Vertrauen in „Normiertes“.

    Wir haben ja sogar Regeln für die Art und Weise wie wir etwas betrachten – man kann nämlich selbst eine Umspringfigur nicht „regelkonform“ betrachten, d.h. zum Beispiel die linke obere Ecke der Figur fixieren – dann ist es keine Umspringfigur mehr (da springt nichts mehr). Wie wir ein Buch halten ist normiert, wie wir auf andere Menschen zuzugehen haben ist normiert, wie wir mit Gegenständen umzugehen haben ist normiert. Wer die Regeln auflöst, der verliert sich vollkommen – in einem Meer aus Komplexität und Vieldeutigkeit.

    Ich habe es nicht so mit Theorien! Ich beschreibe lieber, was mir sinnvoll zu beschreiben erscheint. Aber wenn man eine gute haben möchte, dann muss man eben die Dinge so betrachten, als ob sie so wären. Warum nicht? Ich muss mich auch ein wenig für Theorien öffnen … (Neujahrsvorsatz).

  6. Nöö, wieso mußt Du Dich für Theorien öffnen, Andrea?
    Du hältst Dich doch perfekt an das, was Dir einleuchtet …
    und wehrst Dich ganz vehement gegen das,was man Dir – aus welchen Gründen auch immer- überstülpen möchte.
    Deine Sicht, Deine aktuelle Perspektive ist die Welt, wie Du sie aktuell wahrnimmst und empfindest und beschäftigst damit, was Du siehst und wie Du etwas gerade siehst. Das fordert Respekt. Und Anerkennung.
    Weiter so!

    … ach, ich kann Dir garnicht sagen, wie ich dieses dumme Geschwafel
    rundum hasse wie die Pest.
    Im Dezember komme ich mal nach Wien.
    Mit meiner Schwägerin …
    Ich hoffe, Du bist dann da.
    🙂

  7. Im übrigen, das ist doch im Grunde alles ganz einfach.
    „Regeln sind nichts anderes als das Vertrauen in „Normiertes“.

    Aber um es „normieren“ zu können, bedarf es immer mindestens Zwei.
    (vom Beobachter mal abgesehen, der gerade irgendeine Regel braucht)

    Aber abgesehen davon…
    Wieso sollte man ein Original normieren wollen, wenn nichts
    Vergleichbares in der Gegend rumschwirrt, das besser,
    schöner, schneller oder was auch immer zu sein verspricht.

    Ich bin schlicht und einfach für neuroplastisch leicht
    zu handelnde, umgängliche Originale
    aber mit mit Humor
    … alles andere langweilt mich viel zu schnell.

    „Als ob“ passt im übrigen ..

    „Die große Schwierigkeit bei psychologischen Reflexionen ist,
    dass man immer das Innere und Äußere parallel oder vielmehr verflochten betrachten muß. Es ist immerfort Systole und Diastole,
    Einatmen und Ausatmen des lebendigen Wesens;
    kann man es auch nicht aussprechen, so beobachte man es genau
    und merke darauf.“
    Goethe,
    watn sons?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Compliance_(Physiologie)

  8. Es reduziert ja nicht eine Theorie die Komplexität. Aber man kann diese 3 Teile schon bilden, wenn man eben – jetzt wiederhole ich mich – voranstellt, als ob …

    Ich habe schon Anerkennung. Ich kann mittlerweile bei manchen Verlagen publizieren, ohne mich anstellen zu müssen. Das ist doch ganz fein … (Ich sehe es als Fortschritt …).

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