21.2 Wenn mehrere (mindestens zwei) Organismen so gekoppelt werden, dass sie füreinander relevante Umwelten bilden, d.h. dass sie sich in der Interaktion miteinander gegenseitig irritieren, entstehen soziale Systeme als zusammengesetzte Einheiten (Organismen als Komponenten = Mitglieder).

Die Betrachtung von Individuen als Mitglieder eines sozialen Systems kann z.B. dann von Nutzen sein, wenn es um die Frage geht, welche Voraussetzungen erbracht oder gewährleistet sein müssen (Verhaltensweisen, zu absolvierende Prüfungen, einzuhaltende Tabus usw.), um als Mitglied des Systems anerkannt zu werden bzw. nicht ausgegrenzt zu werden. Im konkreten Fall hat dies dann weitreichende Wirkungen auf der psychischen, manchmal auch körperlichen Ebene für den Betreffenden. Wer seine Zugehörigkeit verliert, der verliert im Allgemeinen auch einen wichtigen Aspekt seiner persönlichen Identität. Daher wird dies als Bedrohung erlebt und hat oft ein von außen kaum verstehbares Maß an Anpassung an die Erwartungen des sozialen Systems zur Folge. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen der Zugehörigkeit zu personenorientierten und sachorientierten sozialen Systemen. Aus einer Firma „rausgeworfen“ zu werden hat andere psychische Wirkungen als aus seiner Familie „verstoßen“ zu werden.

 

Literatur:

„Sachlich ermöglicht die Mitgliedschaft eine doppelte Rahmung der kommunikativen Operationen des Systems. Nach außen grenzt sich das System durch die Unterscheidung von Zugehörigkeit/Nichtzugehörigkeit ab. Nichtzugehörigkeit markiert prinzipielle Indifferenz, die nur ausnahmsweise nach Maßgabe der Eigendynamik des Systems in Relevanz umgewandelt wird. Intern entsteht durch die geringe Spezifikation der Mitgliedsanforderungen ein Medium, das weiterer Spezifikationen bedarf; […] ein Medium, das weitere interne Unterscheidungen als Rahmen ermöglicht, in denen dann das Verhalten mit einem Rest an Spontaneität,
aber erwartbar, festgelegt werden kann.“

Luhmann, Niklas (2000): Organisation und Gesellschaft. Frankfurt (Suhrkamp), S. 112.




34 Gedanken zu “21.2 Wenn mehrere (mindestens zwei) Organismen so gekoppelt werden, dass sie füreinander relevante Umwelten bilden, d.h. dass sie sich in der Interaktion miteinander gegenseitig irritieren, entstehen soziale Systeme als zusammengesetzte Einheiten (Organismen als Komponenten = Mitglieder).”

  1. @ „rausgeworfen“ versus „verstoßen“
    Ein rausgeworfener Mitarbeiter landet im sozialen Netz der Agentur für Arbeit, erhält 60 Prozent seines Nettogehalts und findet bald eine bessere Arbeitsstelle.
    Ein verstoßenes Familienmitglied wird schizophren und inszeniert ein blutiges Familiendrama oder es macht sein Glück in der Welt, wie das Märchen „Der verstoßene Sohn“ zeigt: http://www.sagen.at/texte/maerchen/maerchen_oesterreich/allgemein/vernaleken/verstossene_sohn.html.

  2. @2
    Das ist der letzte Ausweg: Rückzug in die eigene (Fantasie)Welt, Hilfe von fremden Mächten.

  3. Der FBS Satz beschreibt ein Duo als soziale Mindestgröße.

    Wer amüsante, nicht allzu tief gründende Filme liebt,
    dem empfehliche ich „Wellness für Paare“

  4. @5: Siehe Sätze 72 ff. oder „Meine Psychose, mein Fahrrad und ich“.

    Generell kann man sagen, dass es bei Kindern aus Familien, die von Helm Stierlin als „Ausstoßungsfamilien“ bezeichnet werden, eher zur Entwicklung von Delinquenz kommt. Symptombildungen die in der Psychiatrie als „schizophren“ bezeichnet werden, entwickelt man dagegen in sogenannten „Bindungsfamilien“.

  5. @7: Für jemanden, der in einer Bindungsfamilie lebt, ist es umso traumatischer von dieser verstoßen (genauer gesagt: wie ein schwarzes Schaf behandelt) zu werden. Dann besteht der (vermeintlich) einzige Ausweg im Rückzug in eine Fantasiewelt und in der Suche nach fremden Mächten.

  6. naja, man muß, wenn man sich „back to the roots“ auf die Suche begibt, schon den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen Grundbeeren und Tomaten kennen.

    Auch wenn gewisse Anteile der Nachtschattengewächse giftig sind,
    bedeutet das nicht, daß Teile davon nachhaltig wirksame und nahrhafte Gaben
    für den Giftshop sein könnten …

    … aber manche haben eben -bezüglich ihrer Herkunft- Tomaten auf den Augen und brauchen sich nicht zu wundern, wenn sie -sofern Gefahr droht unter die Räder zu kommen- zu Ketchup mutieren.
    Am Ball bleiben lohnt sich,
    nur kommt es eben immer darauf an, was man schlußendlich daraus macht …

    Da steh ich nun ich armes Thor 🥅
    und bin -trotz ernsthafter Gewinnerzielungsabsichten –
    so leer als wie zuvor …

    🙂

  7. @8: Das ist es ja nicht. Es ist kein Rückzug in eine Märchenwelt. Und aus Bindungsfamilien wird man nie verstoßen, deshalb muss man sich andere Wege suchen, um seine Autonomie zu erlangen bzw. zu wahren…

    Es geht also um genau das Gegenteil dessen, was Sie vermuten.

  8. Sind Sie da ganz sicher, Michael? Ich bin mir nicht sicher …

    Das kann so sein, das muss aber doch nicht so sein. Wenn „das“ so einfach mit einem Bindungsmuster (was auch immer das sein soll und wer auch immer das auf diese Weise objektivieren will) zu erklären wäre, dann brauchen wir nicht weiter über Komplexität zu grübeln …

    Es kann doch jmd auch nach dem Konsum von Drogen psychotisch werden; (…)

    Ich halte das Vulnerabilitätsmodell auch für sehr schlüssig. Das heißt, wenn der Stress (das wird sehr subjektiv erlebt) zu viel wird, dann kann der Mensch das nicht mehr kompensieren und „dreht durch“, das heißt verliert den „Bodenkontakt“ und die „Klarheit im Denken“ – das Regelwerk löst sich auf und das wirkt auf Außenstehende so, als wäre der andere „irr“. Tatsächlich haben sich aber nur die sprachlichen (Denk)Regeln „verabschiedet“, d.h. können im Hier und Jetzt nicht generiert werden … Die Tiefenstruktur des Denkens und Sprechens (und Handelns) …

    Ich erinnere mich an einen Bekannten, der – bereits ausgezogen und sehr gut im Studium unterwegs – von der Freundin verlassen wurde und noch in dieser Nacht einen psychotischen Schub hatte (er lief nackt durch die Stadt und meinte, er könne die Autos hochheben …). Die Familie, so weit ich da Einblick hatte, war bestimmt keine „Bindungsfamilie“ …

  9. Ich kenne genügend Beispiele, bei denen starke Bindungen Autonomie behindern und zur Flucht in Drogen und Psychose führen.

  10. Das ist dann aber eine Drogenpsychose. Aber es zeigt, dass es „biochemisch“ auch geht … und die Auswirkungen auf psychische Prozesse natürlich unmittelbar sind …

  11. @15: Ob bei einer Drogenpsychose die Drogen die Psychose auslösen oder die Psychose zur Drogensucht geführt hat, lässt sich selten ergründen – ebensowenig wie den Zusammenhang zwischen Genie und Wahnsinn.

  12. @7: FBS
    Die Sätze 72. Chaos- Muster, 73. Abweichendes Verhalten, 74. Biologische Erklärungen abweichenden Verhaltens, 75. Psychologische Erklärungen abweichenden Verhaltens, 76. Soziologische Erklärungen abweichenden Verhaltens, 77. Krankheit, 78. Psychische Störungen, 79. Selbstreparatur und Intervention, 80. Exkommunikation, 81. Psychose bis 85. Tod sind leider gähnend leer – zumindest in der Online-Version Ihres Werks.

  13. Würde mir das eher als Kontinuum denken – das eine Extrem sind die „witzlosen Buchhalter“ (sehr regelkonform) – das andere Extrem sind Menschen in einer akuten Psychose (gar nicht regelkonform) … das schwächt sich dann ja wieder ab. Dazwischen gibt es alle (!) Abstufungen …
    Was „Bindungsmuster“ nicht erklären ist – für mich – die Frage, warum der eine in einer „Bindungsfamilie“ unauffällig bleibt, während der andere „zu stören“ beginnt. Die Resilienz, wenn Sie so wollen. Man sieht ja immer nur die, die irgendwie „auffällig“ werden, die anderen sehen wir nicht bewusst. Das heißt die sogenannten „normalen“ Familien, ohne Symptomträger, kommen nicht in die Aufnahme. Aber gerade hier müsste man schauen, welche Kommunikationsmuster existieren …

  14. @17: Dann müssen Sie wohl warten, bis ich dazu hier etwas schreibe. Aber – das sollten Sie als Mitarbeiter eines Verlages ja wissen – man kann das Buch auch kaufen (als Verlagsmitarbeiter sogar mit Rabatt, wenn ich da richtig informiert bin).

    Manchmal ist eben Ignoranz (und/oder die Notwendigkeit von Geduld) der Preis für Geiz…

  15. Der Satz fordert 2 Organismen, als Mindestvoraussetzung, als Bedingung der Möglichkeit eines sozialen Systems.

    Das bedeutet, wenn ich mit mir selbst kommuniziere in einer als ambivalent erlebten Situation, dass ich, per definitionem, mit mir selbst kein soziales System bilden kann ..

    Dann stellt sich mir die Frage, benötige ich für meine (von wem denn sonst)
    viable ! mentale -Konstruktion ein soziales System ?

    In dem zitierten Film „Wellness für Paare“ wird gezeigt, wie Paare agieren/ reagieren können wenn Unterschiede offengelegt werden, die die Paarbeziehung bedrohen oder scheitern lassen könnten.

    Wenn wir die soziale Ambivalenz „Bindung/ Autonomie“ als 1. Unterscheidung
    im sozialen Miteinander begreifen, die es zu „managen“ gilt im Miteinander,
    dann führt das zu Fragen des „wie managen“?

    Sachlich offen und ohne Angst vor Verlust der Bindung fühlt sich gut und richtig an.

    Wenn Interessen verfolgt werden, brachial offen oder verdeckt,
    so erinnere ich mich an Mara Selvini Palazzoli, an die „bad games“,
    die ihr von der American Psychiatric Society sehr übel genommen wurden,
    vermutlich wegen der besonderen Interessen.

    Ich beobachte derzeit eine Familie, die extrem höflich miteinander umgeht.
    Harmonie, keine Kritik ist angesagt.
    Dadurch entsteht eine „Familienblase“, störende Irritationen von außen werden als Respektlosigkeit empfunden und abgewehrt.
    Damit ist jede Weiterentwicklung blockiert ..

  16. @20: Ohne die „Sozialisation“ (schönes, weil so passendes Wort) in einem sozialen System (also in der Interaktion mit mindestens einem anderen Lebewesen) entstehen wahrscheinlich keine mentalen Systeme. Wie die Erfahrung der berühmten Wolfsmenschen zeigt, die als Kinder ohne Menschen in der Wildnis überlebt haben (sollen), müssen das wohl nicht unbedingt Menschen sein, mit denen kommuniziert wird.

  17. Herder sagt: >>Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung.<>Die Natur des Menschen ist Kunst.<ganzen> Der Mensch […] ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Dieser Satz […] wird […] das ganze Gebäude der ästhetischen Kunst und der noch schwierigeren Lebenskunst tragen.>>

    Dieter Thomä, „Ästhetisierung, Körperkult, Popkultur und Lebenskunst: Beitäge zu einer philosophischen Reflexion der Alltags- und Gegenwartskultur avancierter Gesellschaften“
    RECLAMS UNIVERSAL-Bibliothek Nr. 18585

  18. @22: Sorry, das ist/war natürlich mal wieder Blödsinn im WIN Office 365 Transfer.
    (Vielleicht kann man das in @ 22 löschen)

    In Gänze muß es heißen:
    „Herder sagt: >>Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung.<>Die Natur des Menschen ist Kunst.<ganzen> Der Mensch […] ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Dieser Satz […] wird […] das ganze Gebäude der ästhetischen Kunst und der noch schwierigeren Lebenskunst tragen.>>

    Dieter Thomä, „Ästhetisierung, Körperkult, Popkultur und Lebenskunst: Beitäge zu einer philosophischen Reflexion der Alltags- und Gegenwartskultur avancierter Gesellschaften“
    RECLAMS UNIVERSAL-Bibliothek Nr. 18585

  19. Aber in aller Regel (99,99%) sind es Menschen. Zudem ist nicht erwiesen (beispielsweise bei den indischen „Wolfskindern“ Kamala und Amala, wann sie ausgesetzt wurden … ) …

  20. das ist/war nochmals FF derselbe Mist. Wie gerade im Deuschland-Funk kam, hatten / haben die z.Zt. einen Riesen-BUG im System.
    Vermute emool, do hocken paar Muli’s uff ihre roschtische Ritter im Allgäu rum un machen grad de Hans guck in die Luft …

  21. es gibt noch mehr Beispiele für hybride soziale Systeme:

    „Der Herr und sein Hund“ (eine Lebensweise)
    „Die Frau und der Affe“ (eine Erzählung in Buchform)
    oder Jane Goodall mit ihren Erzählungen aus dem Urwald

    aber vielleicht ist das ein anderes Thema als im obigen FBS Satz angesprochen..

  22. @19: Ihr Motto „Geist ist geil“ wirkt fast sakral gegen mein profanes „Geiz ist geil“.

    Vorschlag: Schicken Sie der Stadtbücherei Heidelberg ein Exemplar Ihres Werks.
    Dann haben alle etwas davon (win-win-win-Situation):
    Ihr Verlag entlastet sein Lager, die Bücherei erweitert ihren Bestand, und ich kann es endlich lesen.

  23. @29: Fordern Sie von der Stadtbücherei, dass sie das Buch erwerben soll. Ich missioniere nicht, also dränge ich auch meine Bücher niemandem auf, dem sie den Preis nicht wert sind…

  24. @20 „Dann stellt sich mir die Frage, benötige ich für meine (von wem denn sonst)
    viable ! mentale -Konstruktion ein soziales System ?“

    da gibt es noch diese Geschichte von einem Staufer König, der wissen wollte wie die Ursprache der Menschheit sei. Er verbot den Ammen mit den neu geborenen Findelkindern zu sprechen. Alle starben.
    So geht diese Geschichte …

  25. @31: Um es zu entwickeln, ja, da brauchen Sie es. Wenn Sie es erst einmal entwickelt haben, dann wahrscheinlich nicht mehr…

  26. Natürlich missionierst Du! Sonst würdest Du keine Einführungswerke schreiben. Das ist pure Missionsarbeit, sonst schon gar nichts. Aber es sei Dir unbenommen. Ich würde nur nicht das Gegenteil behaupten.

  27. „mission impossible“

    das ist eine interessante Frage, wieso, weshalb, warum (Sesamstrasse), wir etwas tun, etwas kommunizieren ..

    vielleicht helfen uns Bernhard Pörksens Gespräche mit Maturana etwas weiter ..

    Bis dahin grübele ich in meinem eigenen Kopf, wieso, weshalb, warum ich etwas erzähle oder schreibe, Ordner voller Koch- und Backrezepte z.B. oder Blog Beiträge oder Nachrichten an meine Kinder, oder Gespräche ..

    Für mich ist es sehr oft das Verfertigen der Gedanken beim Mitteilen, mündlich oder auch schriftlich, oder der Wunsch, meinen Kindern mir nützlich erscheinende Informationen zu geben, zu denen diese keinen Zugang haben.
    ( die Katze haart nicht mehr seit sie EPA & DHA bekommt)

    So denke ich, dass es eine ganze Reihe von Motiven gibt, die uns dazu motivieren zu sprechen und zu schreiben. Dazu gehört auch der Wunsch zu kommunizieren, etwas gemeinsam zu besprechen, zu tun, zu bedenken ..

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