21.3 Wenn gekoppelte Organismen eine gemeinsame Geschichte durchlaufen, dann entwickeln sich (emergent) Muster der Interaktion (=koordinierten Verhaltens), die sich wiederholen (=Iteration).

Es handelt sich um einen ko-evolutionären Prozeß, in dem jeder der Interaktionspartner duch den anderen (als relevante Umwelt) perturbiert/irritiert wird, so dass die Entwicklung beider, wenn auch jeweils durch ihre eigene Struktur in ihren Möglichkeiten determiniert, gekoppelt ist. Darüberhinaus entstehen Interaktions- und Kommunikationsmuster, die wiederholt werden, was kausal keinem der beteiligten Interaktionsparter allein kausal zugeschrieben werden kann. Jeder hat die Verantwortung dafür, obwohl er nicht die Kontrolle darüber hat.

Diesen Prozeß des gemeinsamen Aushandelns (im wörtlichen Sinne) solcher Muster nennt Humberto Maturana „Kon-Versation“; er spricht dabei von einem sich gegenseitig Drehen und Wenden, in dem die Beteiligten gemeinsam einen „konsensuellen Bereich“  produzieren. Maturana ist ein entschiedener Vertreter der Ansicht, dass die Komponenten sozialer Systeme Organismen sind. Und er orientiert sich im Blick auf deren Kommunikation am klassischen – technischen – Sender-Empfänger-Modell.

Die Kommunikation wie sie von der technischen Kommunikationstheorie definiert wird, funktioniert nur, wenn Sender und Empfänger homomorph sind, d.h. in ihrer Bauweise so weit identisch sind, dass die Zustände des Empfängers durch meidal vermittelte Zustände des Senders definiert werden können (im Fernsehapparat kommt nur die Sendung an, die auch tatsächlich gesendet wurde). Da Organismen strukturdeterminiert sind und es zwischen ihnen keine instruktive Interaktion gibt, kann dieses Modell nicht auf Menschen oder andere Organismen angewandt werden. Es gibt zwar Gemeinsamkeiten in der körperlichen Struktur von Menschen (z.B. Augen, Ohren usw.), aber im Blick auf die Bedeutungsgebung des Gesehenen oder Gehörten und auf das Verhalten der Beteiligten, existiert diese Homomorphie nicht. Um, nach Maturana, Kommunikation möglich zu machen, muss daher erst im Laufe einer gemeinsamen Geschichte ein Bereich hergestellt werden, in dem Konsens (im wörtlichen Sinne: gemeinsame Sinnzuschreibung) erfolgt. Erst dann findet (nach seiner Definition) Kommunikation statt.

Dieser Definition von Maturana muss man nicht folgen, und das geschieht hier auch nicht. Wenn von der Idee Abstand genommen wird, dass die Funktion von Kommunikation die Übertragung von Information ist, sondern die Koordination von Verhalten, dann bedarf dies keines konsensuellen Bereichs (obwohl es sicher auch nicht schadet, wenn er entsteht – wie etwa bei alten Ehepaaren oder in dem Witz, wo in einer Gruppe von Leuten immer nur eine Nummer genannt werden muss, z.B. 17, und alle lachen los, weil sie genau wissen, welcher Witz gemeint ist). Was Maturana – im Zitat unten – dann als prä- oder anti-kommunikativen Aspekt von Kon-Versation bezeichnet, ist in diesem Verständnis bereits Kommunikation, d.h. Koordination von Verhalten.

 

Literatur:

„Was jedoch im Prozeß der Herstellung von Kommunikation durcch die Entwicklung ontogenetischer Strukturkoppelung und die Ausbildung des konsensuellen Bereichs geschieht, ist keineswegs trivial. In diesem Prozeß gibt es keine Verhaltenshomomorphie bei den interagierenden Organismen, und obwohl diese selbst streng als strukturdeterminierte Systeme operieren, ist alles, was aufgrund ihrer Interaktionen in dem System, das sie gemeinsam aufbauen, geschieht, neu und antikommunikativ, auch wenn sie in anderen konsensuellen Bereichen bereits zusammenwirken mögen. Führt ein solcher Prozeß zu einem konsensuellen Bereich, dann handelt es sich dabei im strengen Sinne um eine »Kon-Versation«, um ein Sich-Miteinander-Wenden-Und-Drehen, und zwar auf solche Weise, daß alle Beteiligten nicht-triviale Strukturveränderungen solange erfahren, bis Verhaltenshomomorphie erreicht ist und Kommunikation stattfinden kann. Diese prä-kommunikativen oder anti-kommunikativen Interaktionen, wie sie im Laufe einer Konversation stattfinden, sind kreative Interaktionen, die zu neuem Verhalten führen.“

Maturana, Humberto (1978): Biologie der Sprache. In: ders. (1982): Erkennen: Die Organisation und VErkörperung von Wirklichkeit. Brauchschweig (Vieweg), S. 263.




3 Gedanken zu „21.3 Wenn gekoppelte Organismen eine gemeinsame Geschichte durchlaufen, dann entwickeln sich (emergent) Muster der Interaktion (=koordinierten Verhaltens), die sich wiederholen (=Iteration).“

  1. iterative Interaktion gekoppelter Organismen = Kon-Versation = Konsens der Komponenten durch Kommunikation = homomorph = aufeinander eingestimmt, eingeswingt, eingegroovt = sich in Stimmung versetzen, Übereinstimmung erzielen
    Das klappt nicht immer und auch nicht immer dauerhaft. Doch dann erinnern wir uns (aus taktischen Gründen) an unsere Loyalität, deren Brüchigkeit zum Ausdruck kommt, wenn es heißt: Wir stehen hinter AKK oder Merkel oder dem Trainer. Auch die Männer-Fußball-Nationalmannschaft darf man dafür loben, in ihrer Mischung aus Souveränität (6:1) und Bescheidenheit (wir zählen nicht zu den Titelfavoriten) fast ein bisschen merkelig-konsensig zu sein, denn dass die Bundeskanzlerin zum Heldenhändeschütteln in die Kabine kommt und Landesmutti spielt, ist mittlerweile nationaler Konsens – ob „wir“ nun nächstes Jahr Europameister werden oder nicht.

  2. @1) das fällt zwar m.E. etwas aus dem Rahmen,
    Maturana in dem von Ihnen genannten Sinne anzuwenden und zu interpretieren, Herr Santak
    „Führt ein solcher Prozeß zu einem konsensuellen Bereich, dann handelt es sich dabei im strengen Sinne um eine »Kon-Versation«, um ein Sich-Miteinander-Wenden-Und-Drehen, und zwar auf solche Weise, daß alle Beteiligten nicht-triviale Strukturveränderungen solange erfahren, bis Verhaltenshomomorphie erreicht ist und Kommunikation stattfinden kann. Diese prä-kommunikativen oder anti-kommunikativen Interaktionen, wie sie im Laufe einer Konversation stattfinden, sind kreative Interaktionen, die zu neuem Verhalten führen.“
    aber sei’s drum …

    zugestandenermaßen stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt,
    und das Umgewöhnen an das was jetzt kommt bzw. kommen soll mitsamt den namentlich zwar bekannten und pro spektiv genannten
    Nachfolger*innen -und das auch noch -parteiübergreifend-„im nationalen Konsens“.
    wird gewiss nicht ganz so einfach werden, wie es scheint …

    So darf man sich jedoch -zumindest en passant –
    nochmals als bzw. im oder rundum das
    Gruppenbild mit Dame präsentieren,
    und -vermutlich auch insgeheim in der Hoffnung
    und gleichgültig in welcher Form auch immer
    dereinst in den Geschichtsbüchern zu landen, um
    Einigkeit und Recht und Freiheit zu re-präsentieren.
    Um so zumindest auch nach außen hin zu demonstrieren
    und – sich in Einheitsgedanken wiegend, der Hoffnung hinzugeben,
    dem Credo der gesamten versammelten Selfi-Gemeinde
    vom Auftakt bis zum -ggf. bitteren Ende- im inner circle der
    Eurovisions-Hymne umrahmt gewesen zu sein …
    Vielleicht auch nur um am Rande tröstend einzuwirken, unter
    Phrasen wie „Das wird schon wieder …“

    Den Kopf gesenkt haltend, kann und darf man dann auch mal so tun „als-ob“,
    und -dem schönen Schein huldigend und auch den Rahmen
    gebührend würdigend – sich einschwingen

    … denn
    Dabei (gewesen) zu sein ist einfach Alles
    und genau genommen auch einmalig,
    denn solch ein Event kehrt bestimmt nicht so
    schnell wieder

    … das Verschwinden der Matrix darf
    vorab dann durchaus schon auch etwas betrauert werden,
    zum Totensonntag morgen …

    Aber etwas Romantizismus muß schon dabei sein,
    sonst stimmt die Stimmung schlichtweg nicht …

    https://www.youtube.com/watch?v=VJr5Gzaa2ig

    Und für die Journaille darf es dann auch ruhig auch etwas mehr sein,
    – auch im Hinblick der Würdigung des Rahmens …
    immer bedenkend und konstant auch
    -für den -„Hallo Brotjob!“- im Hinterkopf haltend:

    „Schein hat mehr Buchstaben als Sein“

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