21.3.1 Die Methode der Koordination des Verhaltens von Organismen ist Kommunikation.

Wenn sich auf einem engen Fußweg, auf dem nur eine Person Platz findet, zwei Fußgänger begegnen, die nicht in der Lage sind, sich sprachlich zu verständigen, müssen sie sich irgendwie mimisch und gestisch darüber einigen, wer wen vorläßt oder ob beide sich aneinander vorbei quetschen, wenn sie sich nicht bewegungsunfähig gegenüber stehen wollen. Sie müssen ihr Verhalten koordinieren, und dazu müssen sie kommunizieren (wie und mit welchen Methoden auch immer). Auf engen indischen Landstraßen findet man in (mehr oder weniger) regelmäßigen Abständen die Wracks von vor sich hinrostenden LKW’s – meist im Doppelpack. Sie sind Zeugnis, das solch eine Verständigung nicht immer gelingt – es sei denn, man unterstellt, die jeweils zugehörigen Fahrer hätten sich darauf verständigt, gemeinsam Suizid zu begehen.

Auch Hundebesitzer können sich mit ihrem Hund gut ohne Worte verständigen, wobei wahrscheinlich der Hund jeweils sein Herrchen oder Frauchen besser versteht, als die oder der ihn versteht.

Gregory Bateson hat im Zoo von San Francisco das Spiel von Mardern untersucht und in Hawaii die Kommunikation zwischen Menschen und Delphinen. Und er schreibt auch, wie die Kommunikation zwischen der Katze zuhause und ihren Besitzern zu verstehen ist. In all diesen Fällen gelingt die Abstimmung des Verhaltens, indem  Signale getauscht werden, die für die Beteiligten des Spiels offenbar eine Bedeutung haben, die dem außenstehenden Beobachter lediglich erschließbar ist; und es handelt sich bei der Bedeutung, die diese Signale wahrscheinlich für die jeweils untersuchten Säugetiere hat, um Beziehungsangebote, d.h. um Verhaltensweisen, die – erlernt oder vererbt, das lässt sich nicht feststellen –  aus einem spezifischen Beziehungskontext übernommen und re-inszeniert (= übertragen) werden.

 

Literatur:

„Wenn Ihnen Ihre Katze zu sagen versucht, daß Sie ihr Futter geben sollen – wie macht sie das? Sie hat kein Wort für Futter oder Milch. Was sie macht, sind Bewegungen und Geräusche, die typischerweise jenen entsprechen, die ein Katzenjunges gegenüber einer Katzenmutter demonstriert. Wollten wir die Mitteilung der Katze in Worte übersetzen, dann wäre es nicht richtig zu sagen, daß sie »Milch« schreit. Vielmehr sagt sie so etwas wie »Mama!« Oder vielleicht wäre es noch richtiger zu sagen, sie beteure: »Abhängigkeit! Abhängigkeit!« Die Katze spricht im Rahmen von Beziehungsmustern und -kontingenzen, und von hier aus müssen Sie einen deduktiven Schritt machen und raten, daß es Milch ist, was die Katze will. Genau diese Notwendigkeit eines deduktiven Schrittes markiert den Unterschied zwischen der  präverbalen Kommunikation von Säugetieren einerseits und der Kommunikation von Bienen sowie den Sprachen des Menschen andererseits.“

Bateson, Gregory (1966): Probleme in der Kommunikation von Delphinen und anderen Säugetieren. In: ders (1972): Ökologie des Geistes. Frankfurt (Suhrkamp) 1981, S. 471.




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