21.3.2 Repetitive Muster der Koordination des Verhaltens von Organismen lassen sich durch konstante, d.h. über die Zeit unveränderte, repetitive Kommunikationsmuster erklären.

Muster entwickeln sich generell durch Wiederholung, sei es die Wiederholung von Beobachtung, von Interaktion, von Kommunikation. Ohne, dass ein Beobachter zu dem Schluß kommt, eine hier und jetzt beobachtbares Verhalten sei dasselbe, wie schon einmal früher beobachtet, könnte gar nicht von der Bildung von Mustern gesprochen werden. Einmaligkeit schließt die Beobachtung eines Musters aus, denn die Koordination des Verhaltens oder der Kommunikation könnte ja nur das Resultat einer einmaligen Einigung sein. Wenn die Koordination des Verhaltens mehrerer Interaktionsteilnehmer sich im Laufe einer gemeinsam durchlaufenen Geschichte wiederholt, so kann dies durch die Wiederholung einer spezifischen Form der Kommunikation erklärt werden. So läßt sich auch generell die Bildung sozialer Strukturen erklären. Allerdings bleibt dann immer noch zu erklären, wie es zur Wiederholung der Kommunikation kommt. Umgekehrt lässt sich aber auch sagen, dass Kommunikation durch die Wiederholung der Muster der Interaktion und Koordination des Verhaltens entsteht…

Maturana und Varela sprechen im hier skizzierten Fall einer gemeinsamen „Ontogenese“, d.h. der Ko-Evolution zweier Organismen, von der Entstehung eines „konsensuellen Bereichs“ (sie vertreten die Variante 1 der Definition sozialer Systeme, bei der Organismen die Komponenten sozialer Systeme sind, und die Entstehung eines konsensuellen Bereichs entsteht ihres Erachtens durch die Geschichte der gegenseitigen Perturbationen. Das ist durchaus kompatibel mit der Definition 1 sozialer Systeme, bei der deren Elemente soziale Systeme sind.

 

Literatur:

„Wenn zwei oder mehr Organismen in rekursiver Weise als strukturell plastische Systeme interagieren und jeder Organismus so zum Medium der Verwirklichung der Autopoiese des anderen wird, ergibt sich wechselseitige ontogenetische Strukturenkopplung. Vom Gesichtspunkt eines Beobachters sccheint es, daß die operationale Effektivität der verschiedenen Verhaltensweisen strukturell gekoppelter Organismen für die Verwirklichung ihrer Autopoiese unter reziproken Interaktionen im Verlauf der Geschichte ihrer Interaktionen bzw. durch ihre Interaktionen erreicht worden ist. Außerdem erscheint einem Beobachter der durch derartige ontogenetische Strukturenkopplung gebildete Interaktionsbereich als ein Netzwerk von Sequenzen wechselweise ausgelöster ineinandergreifender Vrhaltensweisen, das ununterscheidbar ist von dem, was er als konsensuellen Bereich bezeichnen würde. In der Tat sind die verschiedenen Verhaltensweisen, die auftreten, sowohl beliebig als auch kontextbedingt. Die Verhaltensweisen sind beliebig, da sie jede Form annehmen können, solange sie als Auslöser in den Interaktionen operieren: sie sind kontextbedingt, da ihre Mitwirkung an den ineinandergreifenden Interaktionen innerhalb des Bereichs nur hinsichtlich der den Bereich bildenden Interaktionen definiert ist. Ich werde daher den Bereich ineinandergreifender Verhaltensweisen, der sich aus der ontogenetischen reziproken Kopplung der Strukturen strukturell plastischer Organismen ergibt, einen konsensuellen Bereich nennen (…).

Ist ein solcher konsensueller Bereich einmal auf dieeselbe Weise wie die Koppelung von Strukturen zwischen mehreren Systemen hergestellt, dann kann jedes Element einer solchen Koppelung durch ein neues System ersetzt werden, das hinsichtlich der für die Koppelung notwendigen Strukturmerkmale gleich ausgestattet ist. Ein konsensueller Bereich ist daher mit Bezug auf die ihn konstituierenden ineinandergreifenden Verhaltensweisen geschlossen, er ist jedoch mit Bezug auf die Organismen oder Systeme, die diese verwirklichen, offen.“

Maturana, Humberto (1978): Biologie der Sprache: Die Epistemologie der Realität. In: ders. (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 255f.

 




Ein Gedanke zu „21.3.2 Repetitive Muster der Koordination des Verhaltens von Organismen lassen sich durch konstante, d.h. über die Zeit unveränderte, repetitive Kommunikationsmuster erklären.“

  1. @“21.3.2 Repetitive Muster der Koordination des Verhaltens von Organismen lassen sich durch konstante, d.h. über die Zeit unveränderte, repetitive Kommunikationsmuster erklären.“

    Wie halten Sie es mit der Kunst? Diese ist seit 100 Jahren dadurch definiert, dass sie repetitive Kommunikationsmuster verändert. Doch die Muster der Koordination des Verhaltens von Organismen sind relativ begrenzt und repetitiv.

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