21.6 Es ist eine prinzipielle, vom Erkenntnisinteresse abhängige Entscheidung, ob man soziale Systeme generell aufgrund ihrer Mitglieder oder ihrer Spielregeln definieren will.

Es wird erzählt, die NASA habe bei der Planung der ersten Mondlandung zur Berechnung der Flugbahn der Raumkapsel Apollo 11 (1969) auf das Ptolemäische Weltbild statt des heute gebrauchten Kopernikanischen Modells zurückgegriffen. Im Ptolemäischen Bild der Welt bildet die Erde den Mittelpunkt der Welt, um den der Mond kreist (wenn auch nicht in einem idealen Kreis). Im Kopernikanischen Weltbild bildet hingegen die Sonne den Mittelpunkt, und um sie kreist die Erde, um die wiederum der Mond kreist. Dass das erste Modell weniger komplex und für den Versuch, die Flugbahn zum Mond zu berechnen, einfacher ist, scheint einleuchtend.

In analoger Weise stellt sich auch bei der Konzeptualisierung sozialer Systeme jeweils die Frage, wozu solch ein Modell genutzt werden soll. Wenn – um praktische Beispiele zu verwenden – ein Psychotherapeut die Familie eines Symptomträgers als Ansammlung von Individuen betrachtet, kann dies für ihn nützlich sein. Denn die Tatsache, dass jedes Familienmitglied die Spielregeln der familiären Interaktion mitbestimmt, tritt so in den Fokus der Aufmerksamkeit. Es erlaubt ihm auch, jeden Einzelnen in seinem Erleben zu verstehen (zu versuchen). Allerdings ist dies auch das Risiko, denn die Komplexität multipliziert sich mit der Zahl der Beteiligten und der interpersonalen Beziehungen. Dies ist auch einer der Gründe, warum solch ein Modell – zum Beispiel für Berater, die mit einer größeren Organisation, etwa einem multinationalen Unternehmen – arbeiten, wenig hilfreich ist. Die Spielregeln großer sozialer Systeme (Organisationen, Kulturen, Nationen etc.) lassen sich nicht durch die Psychodynamik ihrer Mitglieder erklären, denn die Konflikte, die sich aus z.B. unterschiedlichen kulturellen Spielregeln ergeben, sind nicht ursächlich auf die persönlichen Macken der Beteiligten zurückzuführen, sondern auf Inkompatibiliäten der spezifischen Logik unterschiedlicher sozialer Strukturen.

Um es auf eine Formel zu bringen: Das jeweilige Erkenntnis- oder auch Handlungsziel entscheidet über die Sinnhaftigkeit der jeweiligen Konzeptualisierung sozialer Systeme.




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