21.7 Soziale Systeme können sich nicht ohne Kommunikation bilden und erhalten, so dass die Definition sozialer Systeme als Kommunikationssysteme die größere Reichweite haben dürfte (da Kommunikationssysteme ohne menschliche Mitglieder möglich sind).

Die moderne, systemtheoretisch fundierte Soziologie, wie sie von Niklas Luhmann begründet wurde, betrachtet soziale Systeme dementsprechend als autopoietische Kommunikationssysteme, die sich durch ihre spezifische Form der Operationen (d.h. Kommunikationen) von ihren Umwelten abgrenzt und dadurch unterscheidet. Menschliches Bewußtsein kann muß dann als Umwelt der Kommunikation definiert werder. Und bei größeren sozialen Systemen wie beispielsweise einer Kultur oder Sprachgemeinschaft wird der Einzelne, der sich an der Kommunikation beteiligt, mehr oder weniger austauschbar. Die Grammatik der deutschen Sprache ändert sich z.B. nicht schon dadurch, dass ein Sprecher sich nicht an sie hält…

 

Literatur:

„Die allgemeine Theorie autopoietischer Systeme verlangt eine genaue Angabe derjenigen Operationen, die die Autopoiesis des Systems durchführt und damit ein System gegen seine Umwelt abgrenzt. Im Falle sozialer Systeme geschieht dies durch Kommunikation. Kommunikation hat alle dafür erforderlichen Eigenschaften: Sie ist eine genuin soziale (und die einzige genuin soziale) Operation. Sie ist genuin sozial insofern, als sie zwar eine Mehrheit von mitwirkenden Bewusstseinssystemen voraussetzt, aber (eben deshalb) als Einheit keinem Einzelbewusstsein zugerechnet werden kann.“

Luhmann, N. (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt (Suhrkamp) S. 81.

„Ein Kommunikationssystem ist deshalb ein vollständig geschlossenes System, das die Komponenten, aus denen es besteht, durch die Kommunikation selbst erzeugt. In diesem Sinne ist ein Kommunikationssystem ein autopoietisches System, das alles, was für das System als Einheit fungiert, durch das System produziert und reproduziert. Dass dies nur in einer Umwelt und unter Abhängigkeit von Beschränkungen durch die Umwelt geschehen kann, versteht sich von selbst. Etwas konkreter ausformuliert, bedeutet dies, dass das Kommunikationssystem nicht nur seine Elemente – das, was jeweils eine nicht weiter auflösbare Einheit der Kommunikation ist –, sondern auch seine Strukturen selbst spezifiziert. Was nicht kommuniziert wird, kann dazu nichts beitragen. Nur Kommunikation kann Kommunikation beeinflussen; nur Kommunikation kann Einheiten der Kommunikation dekomponieren (zum Beispiel den Selektionshorizont einer Information analysieren oder nach den Gründen einer Mitteilung fragen), und nur Kommunikation kann Kommunikation kontrollieren und reparieren.“

Luhmann, N. (1988): Was ist Kommunikation? In: F. B. Simon (Hrsg.) (1997): Lebende Systeme. Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen Therapie, Frankfurt (Suhrkamp), S. 24.

„Nur vorsorglich sei noch angemerkt, dass dies natürlich nicht besagen will, dass Kommunikation ohne Leben oder Bewusstsein möglich wäre. Sie ist auch ohne Kohlenstoff, ohne gemäßigtere Temperaturen, ohne Erdmagnetismus, ohne atomare Festigung der Materie nicht möglich. Man kann angesichts der Komplexität der Welt nicht alle Bedingungen der Möglichkeit eines Sachverhalts aufnehmen: denn damit würde der Begriff jede Kontur und jede theoriebautechnische Verwendbarkeit verlieren.“

Luhmann, N. (1988): Was ist Kommunikation? In: F. B. Simon (Hrsg.) (1997): Lebende Systeme. Wirklichkeitskonstruktionen in der systemischen Therapie, Frankfurt (Suhrkamp), S. 21.




11 Gedanken zu „21.7 Soziale Systeme können sich nicht ohne Kommunikation bilden und erhalten, so dass die Definition sozialer Systeme als Kommunikationssysteme die größere Reichweite haben dürfte (da Kommunikationssysteme ohne menschliche Mitglieder möglich sind).“

  1. @ „Soziale Systeme [sind] ohne menschliche Mitglieder möglich“
    Ein System ohne Menschen ist denkbar, aber witzlos.

  2. Sie haben recht: Social Bots könnten ein Segen sein! Automaten könnten die Betreuung all jener Soziopathen bei Facebook und Co. übernehmen, die man keinem Menschen zumuten will. Sie könnten Aufmerksamkeit bereitstellen, Monologe entgegennehmen, als Like-Maschinen gute Gefühle erzeugen und durch Flirten das Ego streicheln. Je besser das funktioniert, um so eher werden jene aus dem Real Life ferngehalten. Doch vielleicht tun sie das bereits.

  3. Auf die Funktionalität von Bots auf Basis trivialer Maschinen ist schon Verlaß… ,
    im Zweifel auch -ganz radikal- bis zum Systemabsturz.
    Wozu der aktuelle Hype um die unterschiedlichen Formen von künstlicher Intelligenz allerdings derart hoch gelobt werden sollte , wenn sie ohnehin in den Vorstellungen der Physiker immer noch auf Ebene der Mathematik des 19. Jhds bzw. auf dem Boden der Boole’schen Algebra agieren, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt.

    Wie unsäglich beschränkt, diese Ansätze sind ist, ist im übrigen auch schon lange bekannt:

    „Daß die niedrigste aller Geistestätigkeiten, die arithmetische sei,
    wird dadurch belegt, daß sie die einzige ist,
    welche auch durch eine Maschine ausgeführt werden kann
    *
    Nun läuft aber alle analysis finitorum et infinitorum
    im Grunde doch auf Rechnerei zurück
    Danach bemesse man den ‚mathematischen Tiefsinn,
    über welchen schon Lichtenberg sich lustig macht, indem er sagt:
    „ Die sogenannten Mathematiker von Profession haben sich,
    auf die Unmündigkeit der übrigen Menschen gestützt,
    einen Kredit von Tiefsinn erworben,
    der viel Ähnlichkeit mit dem von Heiligkeit hat,
    den die Theologen für sich haben “

    Schopenhauer

  4. @4 „Die sogenannten Mathematiker von Profession haben sich, auf die Unmündigkeit der übrigen Menschen gestützt, einen Kredit von Tiefsinn erworben, der viel Ähnlichkeit mit dem von Heiligkeit hat, den die Theologen für sich haben.“ Schopenhauer

    „Leben heißt, Hoffnungen begraben“, lässt Fontane in seinem eher langweiligen Roman „Cécile“ den jungen Herrn von Gordon sagen, und der Journalist Fontane wusste, wovon er schrieb.

    Mit der Übergabe des Denkens an „intelligente“ Systeme wie Social bots und Social media und der Übergabe der Macht in der Europäischen Union an eine Politikerin mit ärztlicher Allmacht (siehe Simons „Kehrwoche“) geben wir die Hoffnung auf die Vernunft des Volkes (Demokratie) und damit auf die Zukunftsfähigkeit von Vernunft als bevorzugtem Gestaltungsprinzip auf, da diese (zumindest in diesen gigantischen räumlichen Dimensionen) zu lähmenden Selbstblockaden und zu populistischen Rückschritten zu führen scheint.

  5. @5 Allmächt …,
    wo haben Sie denn das mit der ärztlichen Allmacht her,
    Meister Michael S.?

    Dazu müßte man dann schon in Rosenblättern baden, um
    im Namen derselben aus einem Heckenröschen eine beseelte
    Christ- bis Pfingstrose erblühen zu lassen.

    Naja, etwas zu erlangen, was einem zur Ehre gereichen könnte,
    reicht alleine eben nicht. Und Erlangen ist halt auch nicht Nürnberg … ,
    was das Alter der Alma Mater angeht.

    Woher sollte man dann von dort etwas über die Prozeßhaftigkeit erfahren können,
    wo sich das doch alles längst mitsamt all den alten Bärten mittlerweile quasi vollständige verzwirbelt und verschwurbelt hat?

    Und Fontane?
    Das ist schließlich -bekanntermaßen- eben auch ein (ziemlich) weites Feld …
    Und das bestelle und halte man dann so ähnlich wie mit dem geschenkten Gaul,
    mal ganz in schwarz-weiß gezeichnet
    https://music.youtube.com/watch?v=2yClt_hDRqs&list=RDAMVM2yClt_hDRqs

    🎍🎎🎏🎐🎑🧧🎀🎁🎗🎞,🎄

  6. mit welchem Verhalten beginnt im Leben der Menschen Kommunikation,
    ich meine im Sinn sozialer Kommunikation.

    Babys beginnen mit ca. 12 Monaten auf Gegenstände zu zeigen ☝️
    ganz wie in Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle,
    Gottes Fingerzeig zur Erschaffung Adams…

    Bei uns ist es das Fahrrad, auf das gezeigt wird ..

    ( nicht das von FBS ! aber halt doch das Fahrrad, lustig !)

  7. @8: Mit der Geburt beginnt die Kommunikation. Die Eltern interpretieren das Verhalten (z.B. die unterschiedlichen Arten des Schreiens ihres Kindes) und versuchen zu unterscheiden, ob es nun müde ist oder Bauchschmerzen hat, und auch Neugeborene beobachten, wenn sie wach sind und sie ihre Interaktionspartner rein optisch wahrnehmen können (was offenbar nach ein paar Tagen deutlich genug der Fall ist), wie sie mit ihm bzw. miteinander umgehen und – das ist natürlich auch eine Interpretation – schreiben diesem Verhalten Bedeutung zu (d.h. korrelieren Wahrnehmungen – was nicht als bewußte Handlung zu verstehen ist, sondern einfach passiert).

  8. Maturana schreibt, dass Sprache ein Verhalten sei, um kommunikativ auf etwas hinzuweisen.
    Das Schauen oder Greifen oder Lachen oder Weinen oder sich Hinbewegen zu etwas scheint mir eine weniger komplexe Kommunikation zu sein als das Zeigen mit dem Finger.
    Weinen, Lachen etc. findet statt in einer 2er Beziehung, das Zeigen mit dem Finger erweitert den Kommunikationsraum auf mindestens 3, das zeigende Subjekt, das gezeigt Objekt und den Adressaten.

    Zeigen als nonverbalen Sprache zur Einbeziehung eines Dritten in eine vorher duale soziale Situation…

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