22. Psychische Systeme

Die Begriffe Psyche, psychisches System, Bewusstsein und Bewusstseinssystem werden hier und im Folgenden synonym verwendet. Und sie stehen auch für Begriffe wie Seele oder, bezogen aufs Individuum, Geist/Mind.

Dass die Psyche getrennt vom Organismus betrachtet wird, ist wahrscheinlich für alle „Holisten“ ein Graus. Und es war bzw. ist ja wohl wirklich ein Fortschritt, wenn die Teilung zwischen Seele und Körper, wie es die alteuropäische – vor allem auch die christliche – Tradition suggeriert überwunden wird. Denn diese Trennung führt ja zu all den grausamen Ideen, dass sich die Seele gegen die vom Körper ausgehenden Versuchungen etc. wehren muss, was dann auch wieder gravierende soziale Konsequenzen für die Entwicklung von Moral und Ethik hatte.

In anderen Religionen wird ebenfalls von der Unabhängigkeit von Körper und Geist oder Seele ausgegangen. Das entspricht offenbar weitgehende dem alltäglichen Erleben ihrer unterschiedlichen Materialität. Der Gegensatz zu einer systemtheoretischen Konzeption besteht u.a. darin, dass in der Systemtheorie, wie sie hier vertreten wird, nicht davon ausgegangen wird, dass Seele, Geist, Psyche (oder wie immer der jeweilige Begriff sein mag) unabhängig von einem  konkreten Körper und unbeeinflußt von ihm existieren könnten (wie etwa bei der Seelenwanderung). Das heißt, die Einheit von Körper und Geist wird nicht geleugnet, sondern nur anders konzeptualisiert – als Kopplung zweier autonomer Systeme, die unterschiedlichen Phänomenbereichen angehören.

Die Trennung von Körper und Seele – wie sie etwa in der mittelalterlichen christlichen Tradition vorgestellt wurde – ist in eindrucksvollen Bildern von Dante in „seinem“ Inferno beschrieben worden.

 

Literatur:

„»Oh«, sagte ich, »bist Du denn schon tot?« Und er zu mir:

»Mein Körper ist noch oben, deswegen weiß ich nichts darüber.

Dies PTOLEMÄUSLAND hier genießt den Vorzug, dass

öfterdie Seele schon herunterfällt, bevor noch Atropos den

Anstoß dazu gibt.

Und damit du mir bereitwilliger die verglasten Augen schabst, sollst du auch dies wisssen: Sobald die Seele verrat begeht.

wie ich es tat, wird ihr der Körper von einem Dämon weggenommen, der ihn beherrscht, bwi seine Lebenszeit um ist.

Sie aber stürzt in diese Zisterne hier; und vielleicht sieht man ja droben noch den Körper des Schattens, der da hinter mir überwintert.

(…)«

Dante Alighieri: La Commedia / Die Göttliche Komödie. I. Inferno. Italienisch/Deutsch, übersetzt von Hartmut Köhler. Stuttgart (Reclam) 2010, S. 519

 




26 Gedanken zu “22. Psychische Systeme”

  1. Immer wieder findet man im Netz Aussagen, dass es ein übergeordnetes Bewussstein der gesamten Menschheit geben soll. Ich kann dem nicht folgen, weil Bewusstsein doch auf den Organismus als relevante Umwelt angewiesen ist.
    Was ist Ihre Auffassung dazu?

  2. @5: Kollektives Unbewusstes (ich würde nicht von „Unter…“ sprechen wollen. Besser „Un-…“ im Sinne der Verneinung des Bewusstseins.)
    Beispiele dafür sind etwa in kulturellen, als selbstverständlich erlebten und nicht hinterfragten Bedeutungsgebungen zu finden (z.B. schwarz = schlecht usw.).

  3. @5
    Kann die Bedeutung „schwarz = schlecht“ nicht auch auf individuellen Erfahrungen beruhen? Beispielsweise, dass es in der Dunkelheit gefährlicher ist als bei Tageslicht, weil man nichts sieht?

  4. @7: Ja, schon. Die Frage ist nur, wie man es schafft, individuelle Erfahrungen zu vergemeinschaften, so dass alle schwarz sehen und auf das Licht am Ende des Tunnels warten.

  5. @8: Indem es individuell erlebt (oder zumindest erahnt) und kollektiv sozialisiert wird (z.B. auch die Angst vor „Schwarzen“).

    Das kollektive Unbewusste ist das Nicht-Erlebte und dennoch Verdrängte, das in Träumen, Mythen und Ritualen zum Vorschein kommen kann.

  6. @12: Stimmt.

    Das kollektive Unbewusste ist das Nicht-Erlebte, das in Träumen, Mythen und Ritualen zum Vorschein kommen kann.
    Vielleicht kommt das kollektive Unbewusste auch im alltaglichen Fühlen, Denken und Handeln zum Vorschein als Präformation durch die natürlich-menschlichen Gegebenheiten, die physische Konstitution, die neuronale Hardware, die seit der Entstehung des Homo sapiens vorhanden ist?

  7. Leichter zu erklären ist es sicherlich, worim sich „fbs“, „FBS“ und „Fritz B. Simon“ ähneln. Diese drei Kommentatoren sind eine Person, oder doch nicht?

  8. für mich ist das „kollektive Unbewusste“ das was sich in der Kultur zeigt, im täglich, nächtlich gelebten „Kult“, in dem was wir „Kultur“ nennen, in der ausgeführten Handlung (Kultur= Handlung als Passiv), aufgeladen mit Bedeutung ..

    Der Begriff „schwarz“ ist ein gutes Beispiel:
    Kinderlied „wer hat Angst vor‘m schwarzen Mann“
    schwarz Sehen
    schwarze Löcher
    schwarz wie die Nacht
    schwarz ärgern
    der Teufel ist schwarz/ oder rot
    die Hölle ist schwarz, der Himmel weiß
    schwarze Haare/ blonde Haare
    Kartenspiel „Schwarzer Peter“
    Kleidung „das Kleine Schwarze“
    der Smoking ist schwarz/ oder weiß – auf dem Traumschiff
    Trauer ist schwarz/ oder weiß
    „Schwarz-Weiß Denken“

    dies sind assoziative, bedeutungsvolle Beschreibungen, keine Erklärungen ..,
    denen wir uns, die wir in dieser Kultur immer gelebt haben, psychisch nur schwer oder garnicht entziehen können ..

  9. @15: „für mich ist das „kollektive Unbewusste“ das was sich in der Kultur zeigt, im täglich, nächtlich gelebten „Kult“, in dem was wir „Kultur“ nennen, in der ausgeführten Handlung (Kultur= Handlung als Passiv), aufgeladen mit Bedeutung ..“

    Richtig. Für mich vor allem in der Musik. Siehe dazu: http://www.pink-floyd-forum-2019.de

  10. Das kollektive Unbewusste spielt eine Rolle bei sinnlichen Reaktionen auf Geruchseindrücke (z.B. durch Pheromone), Geschmackseindrücke und visuelle Eindrücke gesteuert, die uns nicht bewusst sind.
    Vielleicht ist das aber auch ein evolutionäres Lernprogramm.

  11. KORREKTUR:
    Das kollektive Unbewusste spielt eine Rolle bei sinnlichen Reaktionen auf Geruchseindrücke (z.B. durch Pheromone), Geschmackseindrücke und visuelle Eindrücke, die uns nicht bewusst sind.
    Vielleicht ist das aber auch ein evolutionäres Lernprogramm.

  12. @14: Wer steigt schon zweimal als derselbe ins Netz? Persönliche Identität ist ein Konstrukt (wie Identität generell), über dessen Nützlichkeit man sich streiten kann…

  13. @19: Würden Sie das auch zu jemandem mit Identitäts-Problemen sagen? Z.B. jemandem, der unter Schizophrenie leidet?

  14. @19
    Kultur, was gelebt wird, ändert sich permanent, mal schneller, disruptiv, mal im Schneckentempo..

    es wird der Zeit zugeschrieben, „tempora mutantur“ …
    „et nos in illis mutamur“.

    Ist es ein Zeichen von Dummheit, Unverständnis, wenn Taten von Gestern mit den Maßstäben von heute bewertet und verurteilt werden.

    Für die Betroffenen tragisch, sie verhielten sich zeitgeschuldet kulturgerecht …

  15. Die Zeit(en) könnte(n) sich künftig schneller ändern:
    Quantum supremacy using a programmable superconducting processor
    The promise of quantum computers is that certain computational tasks might be executed exponentially faster on a quantum processor than on a classical processor. A fundamental challenge is to build a high-fidelity processor capable of running quantum algorithms in an exponentially large computational space. Here we report the use of a processor with programmable superconducting qubits to create quantum states on 53 qubits, corresponding to a computational state-space of dimension (about 1016). Measurements from repeated experiments sample the resulting probability distribution, which we verify using classical simulations. Our Sycamore processor takes about 200 seconds to sample one instance of a quantum circuit a million times—our benchmarks currently indicate that the equivalent task for a state-of-the-art classical supercomputer would take approximately 10,000 years. This dramatic increase in speed compared to all known classical algorithms is an experimental realization of quantum supremacy for this specific computational task, heralding a muchanticipated computing paradigm.
    https://www.nature.com/articles/s41586-019-1666-5.pdf

  16. @20: Selbstverständlich. Vor allem dem…
    Die Idee, man können immer und überall derselbe sein und seine Identität im logisch zweiwertigen Sinne bewahren, ist es ja, die erst in derartige Probleme und Karrieren führt, d.h. in den Wahnsinn treibt. Wer nicht glaubt: „Ich bin entweder der/die eine oder der/die andere“, d.h. an eine unveränderbare, die Zeit überdauernde und situativ unabhängige Identität, wird auch nicht wahnsinnig im klinisch definierten Verständnis.
    Der Normalzustand des Menschen ist Ambivalenz. Wer sie sich verbietet statt sie zu akzeptieren, landet in der Psychiatrie…

  17. @23: Ich erinnere mich unseliger Zeiten in Ihrem Kehrwochen-Blog, in denen bestimmte Kommentatoren extrem allergisch auf wechselnde Identitäten reagiert haben – bzw. auf den Versuch, die Identität zu vertuschen.

  18. @22
    „Während klassische Bits nur entweder im Zustand „0“ oder „1“ sein können, muss sich ein Qubit nicht entscheiden – es schwebt in einer Überlagerung beider Zustände, genannt Superposition. Diese Eigenschaft ist äußerst labil und schwer zu kontrollieren. Sobald die Qubits mit der Umwelt wechselwirken, verlieren sie ihre gespeicherte Information. Möglichst viele Qubits so lang von diesen Dekohärenzeffekten abzuschirmen, dass ein Algorithmus vollständig durchlaufen kann, ist eine der größten technischen Herausforderungen – die Tech-Giganten kämpfen erbittert darum, die Zahl der stabilen und kontrollierbaren Qubits zu erhöhen. […] Was genau mit einem System in Superposition passiert, kann man experimentell wegen des Messproblems nicht überprüfen. Neben der gängigsten Interpretation, die dieses Phänomen einen Kollaps nennt, der bei einer Messung die Superposition zerstört, gibt es eine andere, etwas skurriler anmutende Variante namens „Viele-Welten-Interpretation“. Sie geht davon aus, dass ein Quantensystem in Superposition in mehreren Parallelwelten gleichzeitig existiert. Dass wir bei einer Messung nur einen bestimmten Wert sehen, liegt demnach einfach daran, dass wir uns nur in einer einzigen der vielen Welten befinden. So wunderlich diese Interpretation klingen mag – sie kann zumindest die These erklären, weshalb ein Quantencomputer einem klassischen überlegen sein sollte: pro Parallelwelt wird ein Rechenschritt gelöst.“ https://www.faz.net/aktuell/wissen/physik-mehr/was-bedeutet-die-ueberlegenheit-von-googles-quantencomputers-16448116-p3.html

  19. @22 und 25: „Der Quantentraum besteht nicht nur aus Quantencomputing. Dazu gehören auch die Quantenkommunikation, Quantensimulationen, die ohne Fehlerkorrektur auskommen, und ganz wichtig: Quantensensoren. Damit sind ultrapräzise Messungen in der medizinischen Diagnostik und ultragenaue Zeitmessungen für die Navigation möglich. Solche Themen werden im von Google und andere Unternehmen geprägten Diskurs in den Hintergrund gedrängt. Aber sie können einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten.“ https://www.spiegel.de/netzwelt/web/googles-quantenueberlegenheit-praktisch-nutzlos-a-1292904.html

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