22.2 Das Bewusstsein eines Menschen fungiert als Beobachter (=Beobachtung 2. Ordnung) der Interaktion des eigenen Organismus mit dem sozialen System (=Beobachtung 1. Ordnung), dessen Teilnehmer er aktuell ist, sowie der physischen Umwelt (=ökologischen Nische), in welcher der Organismus aktuell sein Leben fristet.

Dabei ist sind physische wie auch soziale Umwelten dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich, sondern nur über Vermittlung des Körpers bzw. körperlicher Veränderungen (z.B. der Sinnesorgane).

Der Organismus ist also (dazu ist später noch mehr zu sagen) das Medium, durch welches das Bewußtsein (ein Begriff, der zugegebenermaßen aufgrund der suggerierten Verdinglichung, problematisch ist) bzw. besser: sind die Prozesse, die man gemeinhin dem Bewußtsein zurechnet, und die sozialen wie auch physischen Umwelten eines konkreten Menschen gekoppelt werden.

Da schon der Organismus auf die physische Umwelt strukturdeterminier reagiert, was als Beobachtung 1. Ordnung betrachtet werden kann (interne physiologisch-anatomische Veränderungen als Reaktionen auf externe physische und soziale Veränderungen), sind die Ereignisse und Prozesse, mit den im Bewußtsein (also durch Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Entscheidungen etc.) darauf reagiert wird, als Beobachtungen 2. Ordnung zu definieren.

Die Kopplung an den Organismus bzw. den Körper als relevante Umwelt, stellt für das Bewußtsein ein Problem dar, da er die Frage nach der Identifikation mit ihm bzw. der Distanzierung von ihm aufwirft. Da in der Kommunikation für die anderen Teilnehmer an der Kommunikation nur der Körper eines jeden anderen wahrnehmbar ist, werden in der Kommunikation in der Regel Körper und Bewußtsein als Einheit identifiziert, was nicht der Selbstbeschreibung des jeweilgen Bewußtseins (als „Besitzer“ des Körpers) entsprechen muss. Die Distanzierung vom eigenen Körper macht dem Bewußtsein jedenfalls  den Unterschied zwischen ihm selbst und diesem Körper klar …

 

Literatur:

„Das Bewußtsein kann, anders gesagt, seine Gedanken nur durch Zuordnung zu diesem seinem leiblichen Leben zur Einheit aggregieren, und nur dadurch, daß es sich selbst zugleich von diesem Leben unterscheidet. Identifikation mit Hilfe des eigenen Leibes ist als gerade nicht Identifikation mit dem eigenen Leib.

Die Differenz Bewußtsein/Leben fungiiert als diejenige Unterscheidung, innerhalb derer das Bewußtsein sich selbst Grenzenn (als mein Bewußtsein) zusprechen kann.“

Luhmann, Niklas (1987): Die Autopoiesis des Bewußtseins. In: ders. (1995): Soziologische Aufklärung 6. Opladen (Westdeutscher Verlag), S. 84.

„Das Bewußtsein des Beobachtetwerdens ist nur über das Bewußtsein der Sichtbarkeit des eigenen Leibes zu gewinnen. Es drängt dem Bewußtsein die Vorstellung einer Verantworung für den eigenen Leib auf, obwohl es den eigenen Leib nicht annähernd ausreichend beobachten, geschweige denn nach Bewußtseinsregeln kontrollieren kann.“

Luhmann, Niklas (1987): Die Autopoiesis des Bewußtseins. In: ders. (1995): Soziologische Aufklärung 6. Opladen (Westdeutscher Verlag), S. 84f.

„It is this fundamental characteristic of the human IPS [Information Processing System, Anm. FBS] that accounts for the elusiveness of psychologicl laws. Man is the mirror of the universe in which he lives, and all that he knows shapes his psychology, not just in superficial ways but almost indefinitely an subject only to a few basic constraints. This view should not be equated with the extreme form of cultural relativism sometimes espoused in anthropology, or the »man ca be anything he wants« slogans preached by inspirational psychology. The universe that man mirrors is more than his culture. It includes also a lawful physical universe, and a biological one – of which man’s own body is not the least important part. The view simply places the constraints upon the possible forms of human behavior in the environment rather than attributing these constraints directly to psychological mechanisms. It proposes limits on knowledge and how to obtain it, rather than limits on the ability to perform according to knowledge that has been assimilated.“

Newell, Allen, Herbert A. Simon (1972): Human Problem Solving. Brattleboro, Vermont (Echo Point Books) 2019, S. 866.




16 Gedanken zu „22.2 Das Bewusstsein eines Menschen fungiert als Beobachter (=Beobachtung 2. Ordnung) der Interaktion des eigenen Organismus mit dem sozialen System (=Beobachtung 1. Ordnung), dessen Teilnehmer er aktuell ist, sowie der physischen Umwelt (=ökologischen Nische), in welcher der Organismus aktuell sein Leben fristet.“

  1. Es ist doch spannend, dass hier nicht Ego steht, sondern Bewusstsein. Warum steht hier nicht Ego? Oder Ego-Bewusstsein.
    Diese Form von Bewusstsein, die hier gemeint ist, hat mit Kommunikation zu tun, scheint mir. Oder?
    Was ist hier also genau mit Bewusstsein gemeint ist? Ist es nicht eher das Ego? Also dieses imaginäre Zentrum, das die Wahrnehmung, das Denken, das Fühlen, Entscheiden steuert –

  2. @1: Mit Bewußtsein ist ganz im ungangssprachlichen Sinn all das gemeint, was und wie bewußt beobachtet (=wahrgenommen/unterschieden/bezeichnet/konstruiert) wird, und das kann sowohl die Konstruktion eines (d.h. nicht „des“) Selbstbildes wie auch eines Bildes anderer oder der physischen Welt umfassen.

    Nicht gemeint ist eine Art intrapsychischen Homunculus, der entscheidet und handelt.

    Mit „Ego-Trip“ wird dagegen eher bezeichnet, wenn jemand vorwiegend durch eigene Vorteile oder soziale Aufmerksamkeit und Bestätigung für seine Person motiviert erscheint.

  3. Es gibt einen somatosensorischen Homunculus auch nur als Erfindung am Papier (diese lustige Figur …) … scheint mir.
    OK – dh. nicht Ego aber wohl kommunikativ getragen (das Bewusstsein operiert über Kommunikation als Medium der Bewusstmachung)?
    Man sagt (!) ja auch zB: Ich bin mir dessen nicht bewusst –

  4. @“Identifikation mit Hilfe des eigenen Leibes ist als gerade nicht Identifikation mit dem eigenen Leib.“

    Wenn das nicht spitzfindig ist …

  5. @4: Für mich ist es nicht spitzfindig. Es macht einen Unterschied, ob ich wegen meines Körpers angesprochen, geliebt, gemieden, gemobbt usw. werde, was zu meiner Identitätsbildung beiträgt, oder ob ich denke: Ich bin mein Körper!

  6. Im Ergebnis erscheint es stets als eine Frage der (Eigen-) Beobachtung, der (Selbst-) Wahrnehmung welche Variablen an Körpersignalen das aktuelle „Bewußtsein“ -im Hier und Jetzt- leiten und ggf. dominieren.

    „Ich habe es sehr deutlich bemerkt: Ich habe oft die Meinung, wenn ich liege, und eine andere, wenn ich stehe; zumal wenn ich wenig gegessen habe und matt bin.“
    G.Ch. Lichtenberg

  7. Wie wäre es, wenn Sie zitieren, von wem Sie Gedanken stehlen. Oder ist Ihnen das persönlich mit der „Verdinglichung“ eingefallen? Ach nein – das eigene Ego ist ja so fett, dass Sie meinen, sich bei allen bedienen zu können …

    Dieses fette Ego wird sich auch nicht mehr so leicht verflüssigen – dazu ist es zu lange einzementiert worden. Da müsste schon ein Blitz in den Körper einfahren … (dann wäre es zumindest möglich – die Verflüssigung einer penetrant verfestigten Struktur).

  8. Ach Gott, die Kerzen …
    wenn nur irgendwer irgendwann irgendwo auf den
    zündenden Gedanken käme, daß man nicht alles
    immer wieder unter Wasser 🏝 zu setzen hätte,
    zum Löschen…
    Brandt hatten bzw. haben wir schließlich zur Genüge

  9. @11: Liebe Frau Christoph, ich kann Sie beruhigen: Von Ihnen habe ich sicher keine Idee geklaut – bei anderen Menschen/Autoren wäre ich mir zugegebenerweise nicht so sicher…

    Und wenn Sie meinen, „Verdinglichung etc.“ sei Ihre Idee, dann Recherchieren Sie doch einfach mal (soviel zum Thema „Ego“).

  10. @13) Dieses ganze Formenbuch ist ein Buch ohne Zitate, weil in aller Eile „zusammengeschustert“ (fetter machen, was fett ist) … das Simonego denkt eben, es sei Wittgenstein (so viel zu Ihrer „Form“) und zu Ihrem Ego!

  11. Und dass Sie mich nicht zitieren, ist mir nur recht! Bitte nicht! Außerdem habe ich nicht viel zum Zitieren. Kümmern Sie sich aber darum – ich habe auch schon bei Ihrem Verlag darum gebeten – dass das DemenZen-Buch makuliert wird (inklusive Ihres Vorwortes!). Es war ein großer Fehler, dass wir je miteinander zu tun bekommen haben …
    Besten Gruß

  12. wenn ich es recht verstehe geht es bei Bewusstsein um Beobachtung 2. Ordnung ..
    d.h. die strukturdeterminierte Beobachtung 1. Ordnung wird nochmals, wiederum strukturdeterminiert, beobachtet ..

    so ein wenig wie das Spiel „Stille Post“. sehr beliebt auf Kindergeburtstagen in einem Alter, in dem ….

    und wir werden „verwöhnt“, „beschenkt“ mit Beobachtungen, die weit jenseits von ja & nein wohnen, die uns überraschen …, erschrecken…, erfreuen …

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