22.4 Das Bewusstsein eines Menschen ist nur der Selbstbeobachtung direkt zugänglich, d.h. es kann von anderen Menschen nicht direkt beobachtet werden.

Die gesamte psychologische Forschung ist daher auf Selbstbeobachtung des Forschers oder die Hypothesenbildung aufgrund der Teilnahme von Probanden an Kommunikation beschränkt – auch psychologische Tests sind lediglich systematisch strukturierte, kommunikative Settings, so dass aus der Art der Beteiligung der Testperson daran gefolgert wird, dass – was schon eine Menge an Vorannahmen impliziert –  dies Ausdruck ihrer psychischen Merkmale, d.h. Strukturen/Prozesse ist.

Die Abgeschlossenheit des Bewusstseins beschäftigt Philosophen gleichermaßen wie Dichter, vor allem aber Theologen seit ewigen Zeiten. Wie kommen die Ideen in den Menschen, wenn sie nicht Ausdruck der unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung sind? Als Gott, der Schöpfer, noch als Universalerklärung zur Verfügung stand, konnte bequemerweise auf ihn zurück gegriffen werden, wie dies beispielsweise Dante in der Göttlichen Komödie macht.

 

Literatur:

„Kein Bewußtsein hat einen direkten Zugang zu einem anderen Bewußtsein, denn das hieße: sichc in dessen bewußte Operationen bewußt einschalten zu können. Gegenüber anderem Bewußtsein stetehn einem Bewußtseinssysem nur zwei Arten von Operationen zur Verfügung: Beobachtung und Teilnahme an Kommunikation.“

Luhmann, Niklas (1987): Die Autopoiesis des Bewußtseins. In: ders. (1995): Soziologische Aufklärung 6. Opladen (Westdeutscher Verlag), S. 58.

„O imaginativa che ne ne rube

tal volta si di fuor, ch‘ om non s’accorge

perchè dintorno suonin mille tube.

chi muove te, se l’senso non ti porge?

Muoveti lume che nel ciel s‘ informa,

per sè o per voler che giù lo scorge.“

 

„Ach Einbildungskraft, du ziehst uns ja bisweilen so stark

in unser Inneres hinein, dass man gar nichts mehr merkt, und

bliesen ringsumher auch hundert Posaunen:

Wer bewegt dich eigentlich,wenn die Sinne dir nichts

mehr liefern? Es bewegt die Licht, das sich i Himmel bil-

det, entweder von sich aus oder durch einen Willen, der es zu uns

herablenkt.“

Dante Alighieri: La Commedia/Die Göttliche Komödie. Pugatorio/Läuterungsberg, 13 – 18, (übersetzt von Hartmut Köhler), Stutgart (Reclam) Bd. 2, (2011) S. 330-333.

„Vorher hatte ich nie geglaubt oder geargwöhnt, ich könnte eine Seele haben, aber nun wußte ich, daß ich eine hatte. Außerdem wußte ich, daß mir meine Seele freundlich gesinnt war, daß sie mich an Jahren übertraf und daß sie mein Bestes wollte. Ich nannte sie der Eifachheit halber Joe. Es beruhigte mich ein wenig zu wissen, daß ich nicht ganz allein war, Joe konnte mir helfen.“

O‘ Brien; F. (1967): Der alte Mathers. In: Der dritte Polizist. Frankfurt (Suhrkamp), S. 33 f.

 




7 Gedanken zu „22.4 Das Bewusstsein eines Menschen ist nur der Selbstbeobachtung direkt zugänglich, d.h. es kann von anderen Menschen nicht direkt beobachtet werden.“

  1. In seiner Radikalität sagt dieser Satz,
    dass jeder von uns nur Zugang zu seiner eigenen Psyche hat.
    Dies impliziert, dass niemand Zugang zur Psyche anderer Lebewesen hat.

    Entschließt sich ein Individuum, bewusst oder nicht ?, einem anderen Individuum psychische Inhalte ( Gedanken, Wahrnehmungen) oder Dynamiken (ruhig/ aufgeregt) mitzuteilen
    wechselt er/sie den , Phänomenbereich, wechselt in das soziale System.

    Niklas Luhmann sagt dazu in „Soziale Systeme“
    S. 35 letzter Abs., S.36 erster Abs.
    „Grenzen markieren dabei keinen Abbruch von Zusammenhängen …
    Aber der Grenzbegriff besagt, dass grenzüberschreitende Prozesse beim Überschreiten der Grenze unter andere Bedingungen der Fortsetzung gestellt werden.“

  2. @1: „Entschließt sich ein Individuum, bewusst oder nicht ?, einem anderen Individuum psychische Inhalte ( Gedanken, Wahrnehmungen) oder Dynamiken (ruhig/ aufgeregt) mitzuteilen wechselt er/sie den Phänomenbereich, wechselt in das soziale System.“

    Selten ist ein Individuum, das in sozialen Systemen lebt, so tief in seine Psyche eingedrungen, dass er frei ist von allen sozialen Phänomenen wie Raum und Zeit, Kultur und Moral, Sprache und Rationalität, Erlebtes und Erlesenes, durch Medien Vermitteltes und sich selbst Konstruiertes – nicht einmal in seinen Träumen. Die Grenze liegt ganz tief drinnen.

  3. die Bedeutung dieser Grenzziehung wird deutlich am Beispiel Architektur:

    es macht eine großen Unterschied ob der Müll im Haus bleibt oder auf die Strasse geworfen wird..

  4. @ „Das Bewusstsein eines Menschen ist nur der Selbstbeobachtung direkt zugänglich“ und „Vorher hatte ich nie geglaubt oder geargwöhnt, ich könnte eine Seele haben, aber nun wusste ich, dass ich eine hatte. Außerdem wusste ich, dass mir meine Seele freundlich gesinnt war, dass sie mich an Jahren übertraf und dass sie mein Bestes wollte. Ich nannte sie der Einfachheit halber Joe. Es beruhigte mich ein wenig zu wissen, dass ich nicht ganz allein war, Joe konnte mir helfen.“

    Eine sprunghafte Assoziation stellt noch keine Definition dar. Daher mag es vergebliche Liebesmüh sein, nun über Seelenselbstbeobachtung durch Seelenselbstbeobachter zu phantasieren. Unter Seele, Psyche und Bewusstsein stelle ich mir, aus der Nähe besehen, ein gleichsam feingläsernes wie hauchzartes und brüchiges Wesen vor, als einen an der Sommersonne der Realität schmelzenden Tiefkühl-Aal (namens Ariel), fein und fragil, glibbrig und grazil – jedoch keineswegs ein einsturzgefährdetes Hochhaus mit verstopftem Müllschlucker.

  5. Müll essen Seele auf. Aufräumen ist Balsam für die Seele. Speis und Trank halten Leib und Seele zusammen. Die Seele ist der Motor unseres Leibs. Im Wort Emotion steckt auch Motion: Empfindung schafft Bewegung und Bewegung schafft Empfindung. Die Psyche beeinflusst den Organismus und der Organismus beeinflusst die Psyche.

    „Ding Jeseech un minge Aasch künnte Bröder sin.“ BAP-Frontman Wolfgang Niedecken

    Übrigens: „Bap“ bedeutet im Unkeler Platt „Papa“. So nannte Niedecken seinen Vater.

  6. „Unter Seele, Psyche und Bewusstsein stelle ich mir, aus der Nähe besehen, ein gleichsam feingläsernes wie hauchzartes und brüchiges Wesen vor, als einen an der Sommersonne der Realität schmelzenden Tiefkühl-Aal (namens Ariel), fein und fragil, glibbrig und grazil – jedoch keineswegs ein einsturzgefährdetes Hochhaus mit verstopftem Müllschlucker.“

    lach mich tot
    … über den Tiekühlaal , names Ariel
    🙂

    … jetzt muß ich aber ganz schnell lüften,
    bevor der Nächste kommt …

Schreibe einen Kommentar