22.7 Wie Prozessmuster des Bewusstseins sich im Laufe der individuellen Geschichte entwickeln, strukturieren und verändern, kann nur vom betreffenden Bewusstsein selbst aufgrund seiner Fähigkeit sich an seine eigenen Zustände in einer vergangenen Gegenwart zu erinnern, beobachtet werden.

Wenn unterstellt wird, dass ein psychisches System sich erinnert, dann liegt die Vorstellung nahe, als ob dies ein Prozess sei, der Ähnlichkeiten mit dem Betrachten eines Fotoalbums mit Bildern aus vergangenen Zeiten hat. Aber diese Archiv- oder Speicer-Metapher ist unangemessen, das Gehirn wie auch das Bewusstsein immer nur hier und jetzt und aufgrund ihrer aktuellen Struktur funktionieren. Der Begriff Gedächtnis steht daher lediglich als Formel für eine Leerstelle, um irgendwelche, von außen nicht durchschaubare Prozesse zu benennen, durch die vergangene Ereignisse in der Gegenwart eine Wirkung entfalten…

Wenn dabei von der Strukturdeterminiertheit pychischer Systeme ausgegangen wird, wirft das zwangsläufig Fragen an die Sozialisationstheorie auf. Es gibt keine Input-output-Relationen, d.h. keine geradlinige Kausalität (=instruktive Interaktion) zwischen den Mustern der Interaktion und Kommunikation, die ein soziales System (z.B. eine Familie oder eine Kultur) charakterisieren, und den sich in diesem Kontext entwickelnden psychischen Strukturen eines Individuums. Aber das heißt nicht, dass diese Umwelt-Muster keinen Unterschied für die Sozialisation des Einzelnen machen würde. Nur muss die Beziehung zwischen sozialen und psychischen Mustern anders konzeptualisiert werden, nämlich als Selbst-Sozialisation, d.h. als automer, innengesteuerter Selektionprozess, bei dem das jeweilige psychische Systeme strukturdeterminiert eine Auswahl unter den Verhaltensmöglichkeiten trifft (bzw. sie kreativ neu kombiniert), die mit den Überleben innerhalb der gegebenen sozialen Strukturen vereinbar sind – sei es in Bezug auf die eigene Verhaltensstrategien, sei es in Bezug auf die individuelle Wirklichkeitskonstruktion (was auch den Versuch, die sozialen Strutkuren zu verändern, umfassen kann).

 

Literatur:

„Natürlich ist »Gedächtnis« kein materielles Etwas, das ein System entweder hat oder nicht hat; es ist ein Begriff, den der Beobachter zur Hilfe nimmt, um die Lücke zu füllen, die entsteht, wenn ein Teil des Systems nicht beobachtbar ist. Je weniger beobachtbare Variable vorhanden sind, desto mehr wird der Beobachter gezwungen sein, vergangene Ereignisse als im Verhalten des Systems ein Rolle spielend zu betrachten. Daher ist »Gedächtnis« nur ein teilweise objektiver Bestandteil des Hirns. Kein Wunder also, daß seine Eigenschaften manchmal ungewöhnlich oder sogar paradox erscheinen.“ (S. 175f.)

[…]

„Das Vorhandensein von »Gedächtnis« ist (…) nicht eine völlig objektive Eigenschaft eines Systems – es ist eine Beziehung zwischen System und Beobachter; die Eigenschaft ändert sich bei Veränderung im Übertragungskanal zwischen System und Beobachter.“ (S. 173)

Ashby, W. Ross (1956): Einführung in die Kybernetik. Frankfurt (Suhrkamp)  1974.

„Als Selbstsozialisation ist Sozialisation nicht irgendeine »Übertragung« von vorwegbestimmten Normen, Kognitionen, Verhaltensmustern oder sonstwelchen Daten von »außen« nach »innen«. So mag es einem Beobachter erscheinen, der Umweltbedingungen und Sozialisationserfolg oder -mißerfolg in eins in den Blick zieht, und so mögen auch Soziologen als Beobter den Vorgang sehen. Diese Auffassung ist den auch nicht falsch, sie bleibt aber relativ auf dem Standpunkt der Autopoiesis des beobachtenden Systems und formuliert nicht die Perspektive, in der der Sozialisand sich selbst sozialisiert. Der Selbstsozialisation liegt die autopoietische Reproduktion der Gedanken durch Gedanken zugrunde, also der immer fortlaufende Zwang, zu nächsten Gedanken zu kommen. Dieser basale Prozeß, der Geankenfolge trägt jede Strukturänderung, auch die, die wir als Sozialisation bezeichnen. Ohne ihn läuft nichts.“

Luhmann, Niklas (1987): Die Autopoiesis des Bewußtseins. In: ders. (1995): Soziologische Aufklärung 6. Opladen (Westdeutscher Verlag), S. 87f.




5 Gedanken zu „22.7 Wie Prozessmuster des Bewusstseins sich im Laufe der individuellen Geschichte entwickeln, strukturieren und verändern, kann nur vom betreffenden Bewusstsein selbst aufgrund seiner Fähigkeit sich an seine eigenen Zustände in einer vergangenen Gegenwart zu erinnern, beobachtet werden.“

  1. Sehr verehrter Herr Professor Simon, Sie brauchen einen Lampe, äh, einen Korrekturleser bzw. eine Schreibkraft.

    Wenn Sie möchten, können Sie auf mich zählen (nicht zahlen!).

  2. In welcher Form? Mein Vorschlag: Lassen Sie mich oder jemand anderen Ihre Postings korrekturlesen – E-Mail genügt (zwischen 8 und 16 Uhr erledige ich das innerhalb weniger Minuten).

  3. Au ja, meine auch?
    Bei mir sieht’s nämlich aus,
    au weia,
    des kennen Sie sich garnet vorstellen.

    Ohne Zustellung wäre das eigentlich
    eine ungebührliche Zumutung.
    Vorphilathletisch gedacht. …

  4. @“Der Begriff Gedächtnis steht daher lediglich als Formel für eine Leerstelle“

    Was meint dann Luhmann mit „Ordnungskapazität“, die nach einer Minute erschöpft sei, wenn alle Bewusstseinsinhalte beständig wären?

    Stattdessen: „autopoietische Reproduktion der Gedanken durch Gedanken“ – auch Gedankenkarussell genannt.

    Mein Karussell, mein Karussell,
    das dreht sich
    ganz schön langsam, gell?

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