22.9 Psychische Systeme verändern ihre Funktionsmuster nach Maßgabe der Nichtanpassung an ihre körperlichen und/oder sozialen Umwelten, d.h. aufgrund der Störung (Irritation/Perturbation) durch physiologische Prozesse des Organismus und/oder Kommunikationsprozesse und sie erhalten ihre Prozessmuster, solange sie Störungen durch diese Umwelten kompensieren können.

Einen Fernsehapparat, der funktioniert, repariert man nicht. Analoges gilt für psychische – speziell kognitive – Strukturen. Wer eine Landkarte besitzt, mit deren Hilfe er sich erfolgreich orientieren kann, braucht keine neue Karte. Wirklichkeitskonstruktionen dienen dem Individuum zur Orientierung seines Handelns. Wenn bzw. da sich die Umweltenbedingungen im Laufe des individuellen Lebenszyklus verändern (der Körper wächst, reift, altert usw./die unmittelbare Umwelt ändert sich und mit ihr die Erwartungen an das Verhalten eines jeden Mitglieds), werden die Wirklichkeitskonstruktionen im Laufe der Zeit immer wieder in Frage gestellt, d.h. es werden Veränderungen der „inneren Landkarte“ (psychischer Strukturen) notwendig, damit das individuelle Verhalten weiterhin zun diesen „neuen“ Umwelten zu passen. Dies geschieht durch Assimilation und Akkomodation (siehe Sätze 27.5ff.).

Veränderungen des psychischen Systems, so lässt sich sagen, erfolgen immer nur nach Maßgabe der Nichtanpassung (s. Claparède).

Die Veränderungen des psychischen Systems sind ein Aspekt ihrer Ko-Evolution mit dem Organismus und dem oder den sozialen Systemen, d.h. der gegenseitigen Störungen und Anregungen (Perturbationen/Irritationen), auf die reagiert werden muss, um die Anpassung wieder herzustellen.

 

Literatur:

„Wenn wir eine neue Situation zu klären versuchen, stelle wir und eine Frage, diese ruft eine Hypothese herbei, und dann bemühen wir uns diese Hypothese zu verifizieren.- Unser Ziel war es, herauszufinden, was das Auftauchen der Hypothese bestimmt. Sicherlich ist es die Frage, die die Hypothese hervorbringt. Die Frage drückt einen Zustand der Unangepaßtheit des Verhaltens aus, und die Hypothese ist ihre Folge, wie die Vernarbung die der Wunde. Oder, um ein anderes Bild zu verwenden, die Frage verrät eine Störung des Gleichgewichtes, und das Denken verläuft in Richtung der schiefen Ebene; dieser Denkverlauf ist das Suchen nach einer Hypothese.

Die Hypothese hat eine deutliche Funktion; sie ist ein Versuch der Wiederanpassung. Jedoch sagt und dies nichts über die Art, wie unser Denken dazu kommt, diese bestimmte Hypothese zu bilden.“

Claparède, Edouard (1932): Die Entdeckung der Hypothese. In: Graumann, Carl Friedrich (Hrsg.)(1965): Denken. Köln (Kiepenheuer & Witsch), S. 109.

„The human IPS [Information Processing System, Anm. FBS] must grow to its adult normal state, starting from a primitive neonatal state that is not yet well understood. At each moent of growth the ongoing changes in the cognitive system must be capable of being assimilated by the system that is already there, at the time that the latter reamins in reasonable working order. This requirement for a capacity to develop while perfoming may well imply certain structural similartities among all human cognitive systems, (…).“

Newell, Allen, Herbert A. Simon (1972): Human Problem Solving. Brattleboro, Vermont (Echo Point Books) 2019, S. 866.




4 Gedanken zu „22.9 Psychische Systeme verändern ihre Funktionsmuster nach Maßgabe der Nichtanpassung an ihre körperlichen und/oder sozialen Umwelten, d.h. aufgrund der Störung (Irritation/Perturbation) durch physiologische Prozesse des Organismus und/oder Kommunikationsprozesse und sie erhalten ihre Prozessmuster, solange sie Störungen durch diese Umwelten kompensieren können.“

  1. Frage: Haben Sie keine Rechtschreibprüfung?
    Hypothese: Nein, wurde vergessen oder für unnötig erachtet (Selbstüberschätzung?).
    Drei Anpassungsmöglichkeiten: automatische Rechtschreibprüfung einschalten (auswählen), nachträgliche Rechtschreibprüfung selbst durchführen (korrekturlesen), Vier-Augen-Prinzip einführen (Korrektor).

  2. Kompensation der Irritation/ Perturbation heißt im Volksmund :

    Sturheit, nicht lernfähig, dumm,
    oder
    einem Ochsen ins Horn petzen
    oder
    Hopfen & Malz verloren

  3. Die Kompensation der Irritation/ Perturbation gelingt nicht bloß mit Sturheit, Hopfen & Malz, sondern auch mit Wein, Schnaps und Cannabis.

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