23.1.1 Ereignisse/Prozesse in der physischen Umwelt (=ökologische Nische) eines Organismus irritieren ihn, was er als internes, d.h. physiologisches Ereignis/Prozess (1. Unterscheiden) registriert, was wiederum andere physiologische Ereignisse/Prozesse (2. Unterscheiden) zur Folge hat.

Um ein simples Beispiel zu geben: Der Patellarsehnenreflex kann als Beobachtung der Einwirkung einer äußeren Kraft (Schlag mit dem Reflexhämmerchen o.Ä. auf die Kniescheibensehne) durch den Organismus betrachtet werden: Sehne wird mechanisch gedehnt (1. Unterscheiden), ein spezifischer Impuls durchläuft die Nervenbahn zum Rückenmark (2. Unterscheiden = Bezeichnen) und von dort zum Muskel, der sich kontrahiert (d.h. das Beobachten hat weitergehende Folgen auf der Aktionsebene)…

Aber alles in allem kann gesagt werden, dass weder die Sehne das Reflexhämmerchen als Hämmerchen wahrnimmt, noch das Nervensystem irgendein äußeres Objekt als solches repräsentiert, sondern jedes Neuron immer nur mit quantitiven Veränderungen seines Aktionspotenzials regiert, und das Nervensystem insgesamt mit der Veränderung seiner Struktur, d.h. der Bildung bzw. Verstärkung oder Degeneration von Kopplungen zwischen Neuronen: das Netz ändert seine Gestalt.

Alle aus der Perspektive der Beobachtung 2. Ordnung identifizierbaren physikalischen Unterschiede oder Eigenarten eines
Gegenstandes in der Umwelt eines lebenden Systems werden von seinem Gehirn auf dieselbe Art und Weise kodiert, d. h., sie werden in Aktivitäts-Inaktivitäts-Muster von Nervenzellen „übersetzt“. Dies ist ein Vorgang, den Heinz von Foerster als „Prinzip der undifferenzierten Kodierung“ bezeichnet hat.

 

Literatur:

„Die Reaktion einer Nervenzelle enkodiert nicht die physikalischen
Merkmale des Agens, das ihre Reaktion verursacht. Es wird lediglich
das ‚so viel‘ an diesem Punkt meines Körpers enkodiert, nicht aber das,
‚was‘.“

Foerster, Heinz von (1973): Über das Konstruieren von Wirklichkeiten. In: H.
von Foerster (1985): Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie.
Heidelberg (Carl-Auer) 1999, S. 29.




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