23.1.4 Die anatomischen Strukturen und physiologischen Muster, welche die Beobachtung des Organismus steuern, sind zum Teil bei der Geburt vorgegeben (fest gekoppelt), zum Teil sind sie abhängig von der individuellen Erfahrung erlernt (lose gekoppelt).

Hier ist z.B. zwischen der quergestreiften Muskulatur, die zum größten Teil willentlich kontrahiert werden kann (Ausnahme: Herzmuskel), und der glatten Muskulatur (z.B. in den Innenwänden der Arterien oder in den Darmwänden) zu unterscheiden, die nicht willentlich beeinflusst werden kann. Die senso-motorischen Muster, die nötig sind, um eine gute Vorhand beim Tennis zu spielen, lassen sich (im Prinzip) erlernen. Und auch das Timing, um sich auf dem Platz so zu bewegen, dass der Ball geschlagen werden kann, und die Koordination der Muskeln können trainiert werden. Die willentliche Kontrolle der Darmbewegungen oder des Blutdrucks hingegen  lassen nicht bzw. nur sehr begrenzt willentlich steuern. Im Blick auf die Aspekte des Körpers, die sich beeinflussen lassen, wird von denen, die unter dem Idealbild und dem Spiegelbild ihres Körpers bzw. seiner Funktionen leiden, viel getan: Muckibuden werden besucht, Trainerstunden gebucht, Diäten druchgezogen usw.

Aber es geht ja generell nicht nur um so banale Dinge wie die Vorhand beim Tennis, die körperliches Lernen erfordern. Lebewesen generell brauchen ein »Wissen« über die physische Umwelt, in der sie leben, um zwischen Verhaltensalternativen wählen zu können (wobei nicht unterstellt ist, dass solch eine Wahl bewußt erfolgt). Dieses Wissen kann vererbt werden (genetisches Erbe) und anderes Wissen wird durch Erfahrung vermittelt.

 

Literatur:

„Es gibt zwei Möglichkeiten, wie ein Tier zu einem solchen Wissen gelangt: Die korrekte Information für jede Wahl zwischen Alternativen zu treffen, kann durch Lernen erworben sein. Eine genetische und entwicklungsbezogene Programmierung mag für alle Verhaltensweisen einfacher Parasiten und bestimmter freilebender Formen wie den Fadenwurm C. elegans, der in einer begrenzten und relativ invarianten Umgebung im Erdboden lebt, ausreichen. Für komplexere Tiere ist jedoch wahrscheinlich extensives Lernen erforderlich, umerfolgreich mit verschiedenen oder neuen Situationen umzugehen. Komplexe Tiere müssen ihre Fähigkeit, die Welt zu ordnen, maximieren. Eine wirkungsvolle Methode hierzu ist die Fähigkeit, prädiktive [predictive], d.h. »vorhersehende« Beziehungen zwischen miteinander verknüpften Ereignissen zu lernen.

Wenn wir davon ausgehen, daß Menschen und Versuchstiere in der Lage sein sollten, prädiktive Beziehungen zu lernen, dann stellt sich die Frage, ob solche Beziehungen Eigenschaften gemein haben, die einen universalen, evolutionären Selektionsdruck erzeugen könnten? Solche Eigenschaften gibt es in der Tat. Erstens gehen die Prädiktoren immer dem signalisierenden Ereignis voraus, und zweitens sind sie mit ihm in hohem Maße korreliert; sie liefern optimale Informationen über seine Auftretenswahrscheinlichkeit.“

Kandel, Eric R. (2006): Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes. Frankfurt (Suhrkamp), S. 200f.

 




Ein Gedanke zu „23.1.4 Die anatomischen Strukturen und physiologischen Muster, welche die Beobachtung des Organismus steuern, sind zum Teil bei der Geburt vorgegeben (fest gekoppelt), zum Teil sind sie abhängig von der individuellen Erfahrung erlernt (lose gekoppelt).“

  1. Na, das hätte ich mir doch denken können: Sie verbringen Ihre Tage auf Tennis- und möglicherweise auch Golfplätzen. Jetzt bewundere ich Sie noch mehr (was eigentlich schon nicht mehr steigerbar war).

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