23.3 Es gibt Zustandsveränderungen der physischen Umwelt, die nicht vom Organismus beobachtet werden (können), da er nur selektiv auf Ereignisse in seiner physischen Umwelt reagiert, d.h. es gibt einen Indifferenzbereich (=unmarkierter Raum, Zustand oder Inhalt) nicht wahrgenommener oder de facto als nicht relevant bewerteter Veränderungen der ökologischen Nische.

So sind manche, für den menschlichen Organismus tödliche Gase, nicht durch den Geruchssinn wahrnehmbar, was dann zu einem vorzeitigen und meist bedauerlichen Ende der Autopoiese führt; das heißt die Selektionskriterien sind in solch einem Fall nicht funktionell bzw. der Indifferenzbereich war in einer nicht mit dem Überleben vereinbaren Weise begrenzt, weil er Ereignisse als indifferent unmarkiert ließ, die besser markiert worden wären.

In ihrer biologischen Kognitionstheorie sprechen Humberto Maturana und Francisco Varela in dem Zusammenhang von einem „kognitiven Bereich“, d.h. einem Phänomenbereich, für bzw. innerhalb dessen, Wahrnehmung und Erkenntnis überhaupt für ein autopoietisches System möglich ist. Im Umkehrschluß kann dann gesagt werden, dass dessen (zumindest kognitiver) Indifferenzbereich außerhalb seines kognitiven Bereichs lag.

Was aber das Besondere an ihrem Konzept sein dürfte, ist, dass sie das Erkenntnis als beschreibendes Verhalten definieren. Plausibel ist das insofern, als jedes Verhalten eines Lebewesen irgendwie zu seiner Lebenswelt passen muss, d.h. Erkenntnis über sie impliziert, sonst würde es nicht überleben

 

Literatur:

„Der kognitive Bereich irgendeines autopoietischen Systems ist notwendigerweise abhängig von der besonderen Art, in der seine Autopoiese verwirklicht wird. Wenn des weiteren Erkenntnis als beschreibendes Verhalten ist, das ist Erkenntnis abhängig vom kognitiven Bereich des Erkennenden. Wenn also die Art, in der die Autopoiese eines Orgnaismus verwirklicht wird, im Laufe seiner Ontogenese sich wandelt, dann verändert sich auch die gegebene Erkenntnis des Organismus (sein Verhaltensrepertoire); Erkenntnis ist daher notwendigerweise eine Spiegelung der Ontogenese des Erkennenden.“

Maturana, Humberto, Francisco Varela (1979): Autopoietische Systeme: eine Bestimmung der lebendigen Organisation. In: ders. (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 222




10 Gedanken zu “23.3 Es gibt Zustandsveränderungen der physischen Umwelt, die nicht vom Organismus beobachtet werden (können), da er nur selektiv auf Ereignisse in seiner physischen Umwelt reagiert, d.h. es gibt einen Indifferenzbereich (=unmarkierter Raum, Zustand oder Inhalt) nicht wahrgenommener oder de facto als nicht relevant bewerteter Veränderungen der ökologischen Nische.”

  1. @ Jedes Verhalten eines Lebewesen impliziert Erkenntnis über seine Lebenswelt…

    …bzw. die Erkenntnis seiner Erzeuger über die Lebenstauglichkeit dieser Lebenswelt. Der neu geborene Säugling oder das frisch geschlüpfte Kücken etc. benötigt keine Erkenntnis über seine Lebenswelt – nicht einmal implizit. Woher sollte er sie haben?

  2. @1: Das bezweifel ich. Die biologische Ausstattung eines Menschen z.B. ist ja nicht mehr und nicht weniger als zur Struktur und Prozess gewordenes Know-how. Atmen z.B. ist eine Fähigkeit, die nicht nur Wissen über den Organismus, sondern auch über die Umwelt (enthält Sauerstoff) impliziert.

  3. Die Atmung eines Organismus erfolgt ohne implizite Erkenntnis über die Lebenswelt.
    Bei kleinen Wasserbewohnern, etwa Fadenwürmern, Plattwürmern und Rädertierchen, reicht der Vorgang der Diffusion aus, um den Sauerstoffbedarf zu decken (Hautatmung). Auch Hohltiere sind ausschließlich Hautatmer; sie haben durch ihre Tentakeln eine große Oberfläche und eine sehr geringe Stoffwechselintensität. Größere Tiere müssen ihr Atemwasser bzw. ihre Atemluft durch Ventilation erneuern. Vor allem bei Wirbeltieren kommt der Transport von Atemgasen innerhalb eines Kreislaufsystems mit zirkulierender Flüssigkeit hinzu.
    Auch photoautotrophe Organismen (Pflanzen im weitesten Sinn), die ihre Energie insgesamt durch Photosynthese gewinnen, decken ihren Energiebedarf durch aerobe Atmung, wenn die Photosynthese nicht möglich ist, so nachts und in Teilen bzw. Entwicklungsstadien, die keine aktiven Chloroplasten enthalten (etwa Wurzeln oder keimende Samen). Die dabei veratmeten Substanzen stammen letztlich aus der Photosynthese und werden aus anderen Teilen der Pflanze geliefert oder wurden zuvor als Reservestoffe gespeichert.
    Die Lungenventilation von Menschen beschreibt die Atmung in der Bedeutung Lungenbelüftung. Die Ventilation ermöglicht den Gasaustausch in den Lungenbläschen (Respiration, Atmung im zweiten Wortsinne), indem sie den Sauerstoffpartialdruck hoch und den Kohlenstoffdioxidpartialdruck niedrig hält, sodass Sauerstoff ins Blut übertreten und CO₂ abgeatmet werden kann. Die Ventilation ist keine Leistung der Lunge selbst (die Säugetierlunge besitzt keine Muskulatur), sondern des Zwerchfells und der Zwischenrippenmuskeln, die – vom Gehirn über Nerven gesteuert – das im Brustkorb zur Verfügung stehende Volumen periodisch vergrößern und verkleinern. Die zur Ventilation notwendigen Strukturen werden zusammenfassend als Atempumpe bezeichnet

  4. @3: Maturana (und ich folge ihm da) ist viel radikaler:
    Die Struktur des Organismus ist (!) die verkörperte Erkenntnis der Lebenswelt des Organismus. Das ist ein radikal anderes Verständnis von Erkenntnis, als dies umgangssprachlich der Fall ist.

  5. „verkörperte Erkenntnis der Lebenswelt“

    somatisch ist das recht einfach zu beobachten:
    Körper spiegeln ihre Lebenswelt, autonom und nicht trivial, daher sehr unterschiedlich ..
    Zivilisationskrankheiten, Bodybuilding, Marathon ..

    Dies zeigt sich auch in der Psyche und im Sozialen, wobei die beobachtenden „Instrumente/Techniken“ nicht so ausgereift sind wie im Phänomembereich Soma .

  6. @“Erkenntnis ist daher notwendigerweise eine Spiegelung der Ontogenese des Erkennenden“
    Ontogenese beinhaltet, dass das System diese Erkenntnisse erst aus seiner Umwelt erhält. Das System hat diese Erkenntnisse nicht von Anfang an, sondern lernt, erwirbt und trainiert sie im Lauf seines Lebens. Das System ist also nicht Erkenntnis, sondern hat diese von außen erhalten und sich daran angepasst, d. h., es hat sein genetisches Potenzial umweltgerecht aktualisiert.

  7. @6: Nein. Es hat die Erkenntnis nicht (!) von aussen bekommen, sondern es hat sich in der Interaktion mit der Umwelt (autonom, d.h. seiner je aktuellen Struktur entsprechend) (weiter-)entwickelt. Das nennt man dann Lernen. Aber da ist nichts von draussen nach drinnen gelangt…

  8. @7: „nicht (!)von aussen bekommen, sondern es hat sich in der Interaktion mit der Umwelt“ entwickelt
    Doch ohne Umwelt wäre es eingegangen – gerade wegen seiner Autonomie bzw. notgedrungenen Autarkie. Falls es bei der Geburt nicht genügend Ressourcen zum Überleben mitbekommen hat, ist es auf die behütende und versorgende Aktivität seiner Umwelt angewiesen.
    Hätten Sie als Vater ihre Kinder ihrer autonomen, d. h., ihrer je aktuellen Struktur entsprechend, Weiterentwicklung überlassen, wäre diese Interaktion/Pertubation/Nutrition völlig die alleinige Aufgabe ihrer Frau gewesen.
    Ihre Modellbeschreibung scheint sich auf niedere Lebewesen und schlichte Systeme zu beziehen. Ich beziehe sie immer auf den Menschen und die menschlichen Sozialsysteme.

  9. @8: Da sollten Sie sich erinnern, was mehrfach betont wurde: Die Überlebenseinheit ist immer (!) die Einheit aus einem autopoietischen System und seinen relevanten Umwelten.

    Mir scheint: Sie meinen auch nichts anderes…

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