23.3 Es gibt Zustandsveränderungen der physischen Umwelt, die nicht vom Organismus beobachtet werden (können), da er nur selektiv auf Ereignisse in seiner physischen Umwelt reagiert, d.h. es gibt einen Indifferenzbereich (=unmarkierter Raum, Zustand oder Inhalt) nicht wahrgenommener oder de facto als nicht relevant bewerteter Veränderungen der ökologischen Nische.

Das ist der Grund, warum die Polizei (z.B.) die sensorischen Fähigkeiten von Hunden nutzt, die Gerüche wahrnehmen können, die für Menschen nicht zu riechen sind. Für spezifische menschliche Ausdünstungen sind  Menschen nicht sensibel (da mag man dankbar sein), so dass Hunde (z.B.) zur Suche Verschütteter eingesetzt werden. Aber  auch vom Zoll werden sie beschäftigt, um geschmuggeltes Rauschgift zu erschnüffeln.

Für das Überleben der Menschheit gehörte das Erschnüffeln von Rauschmitteln offenbar nicht zu den überlebenssichernden Fähigkeiten. Diese Gerüche gehören daher zum Indifferenzbereich, des menschlichen Organismus, weil sie unmarkiert und damit unbeobachtet bleiben.

In ihrer biologischen Kognitionstheorie sprechen Humberto Maturana und Francisco Varela in dem Zusammenhang ja von einem „kognitiven Bereich“, d.h. einem Phänomenbereich, für bzw. innerhalb dessen, Wahrnehmung und Erkenntnis überhaupt für ein autopoietisches System möglich ist. Im Umkehrschluß kann dann gesagt werden, dass dessen (zumindest kognitiver) Indifferenzbereich außerhalb seines kognitiven Bereichs liegt.

Aber, das muss wohl nicht extra betont werden, für andere Organismen stellt sich die Welt ganz anders dar, da sie andere Methoden der Beobachtung der Welt verwenden – so zum Beispiel die Fledermäuse, die den ganzen Tag über irgendwo rumhängen und nachts erst lebendig werden (auch bei manchen Menschen läßt sich die Gestaltung ihrer Tage wahrscheinlich so beschreiben, aber sie dürften trotzdem nicht in der Lebenswelt der Fledermäuse leben).

 

Literatur:

„Der kognitive Bereich irgendeines autopoietischen Systems ist notwendigerweise abhängig von der besonderen Art, in der seine Autopoiese verwirklicht wird. Wenn des weiteren Erkenntnis als beschreibendes Verhalten ist, das ist Erkenntnis abhängig vom kognitiven Bereich des Erkennenden. Wenn also die Art, in der die Autopoiese eines Orgnaismus verwirklicht wird, im Laufe seiner Ontogenese sich wandelt, dann verändert sich auch die gegebene Erkenntnis des Organismus (sein Verhaltensrepertoire); Erkenntnis ist daher notwendigerweise eine Spiegelung der Ontogenese des Erkennenden.“

Maturana, Humberto, Francisco Varela (1979): Autopoietische Systeme: eine Bestimmung der lebendigen Organisation. In: ders. (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 222.

„Heute wissen wir, dass die meisten Fledermäuse (die microchiroptera, um genau zu sein) die Außenwelt primär durch Radar oder Echolotortung wahrnehmen, indem sie das von Objekten in ihrer Reichweite zurückgeworfene Echo ihrer raschen und kunstvoll modulierten Hochfrequenzschreie registrieren. Ihre Gehirne sind dazu bestimmt, die Ausgangsimpulse mit dem darauf folgenden Echo zu korrelieren. Die so erhaltene Information befähigt Fledermäuse, eine genaue Unterscheidung von Abstand, Größe, Gestalt, Bewegung und Struktur vorzunehmen, die derjenigen vergleichbar ist, die wir beim Sehen machen. Obwohl das Fledermaus-Radar klarerweise eine Form von Wahrnehmung ist, ist es in seinerm Funktionieren keinem der Sinne ähnlich, die wir besitzen. Auch gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass es subjektiv so wie irgendwas ist, das wir erleben oder das wir uns vorstellen können.“

Nagel, Thomas (1974): What Is It Like to Be a Bat?/ Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? (Englisch/Deutsch) Stuttgart (Reclam) S. 15.




11 Gedanken zu „23.3 Es gibt Zustandsveränderungen der physischen Umwelt, die nicht vom Organismus beobachtet werden (können), da er nur selektiv auf Ereignisse in seiner physischen Umwelt reagiert, d.h. es gibt einen Indifferenzbereich (=unmarkierter Raum, Zustand oder Inhalt) nicht wahrgenommener oder de facto als nicht relevant bewerteter Veränderungen der ökologischen Nische.“

  1. @ Jedes Verhalten eines Lebewesen impliziert Erkenntnis über seine Lebenswelt…

    …bzw. die Erkenntnis seiner Erzeuger über die Lebenstauglichkeit dieser Lebenswelt. Der neu geborene Säugling oder das frisch geschlüpfte Kücken etc. benötigt keine Erkenntnis über seine Lebenswelt – nicht einmal implizit. Woher sollte er sie haben?

  2. @1: Das bezweifel ich. Die biologische Ausstattung eines Menschen z.B. ist ja nicht mehr und nicht weniger als zur Struktur und Prozess gewordenes Know-how. Atmen z.B. ist eine Fähigkeit, die nicht nur Wissen über den Organismus, sondern auch über die Umwelt (enthält Sauerstoff) impliziert.

  3. Die Atmung eines Organismus erfolgt ohne implizite Erkenntnis über die Lebenswelt.
    Bei kleinen Wasserbewohnern, etwa Fadenwürmern, Plattwürmern und Rädertierchen, reicht der Vorgang der Diffusion aus, um den Sauerstoffbedarf zu decken (Hautatmung). Auch Hohltiere sind ausschließlich Hautatmer; sie haben durch ihre Tentakeln eine große Oberfläche und eine sehr geringe Stoffwechselintensität. Größere Tiere müssen ihr Atemwasser bzw. ihre Atemluft durch Ventilation erneuern. Vor allem bei Wirbeltieren kommt der Transport von Atemgasen innerhalb eines Kreislaufsystems mit zirkulierender Flüssigkeit hinzu.
    Auch photoautotrophe Organismen (Pflanzen im weitesten Sinn), die ihre Energie insgesamt durch Photosynthese gewinnen, decken ihren Energiebedarf durch aerobe Atmung, wenn die Photosynthese nicht möglich ist, so nachts und in Teilen bzw. Entwicklungsstadien, die keine aktiven Chloroplasten enthalten (etwa Wurzeln oder keimende Samen). Die dabei veratmeten Substanzen stammen letztlich aus der Photosynthese und werden aus anderen Teilen der Pflanze geliefert oder wurden zuvor als Reservestoffe gespeichert.
    Die Lungenventilation von Menschen beschreibt die Atmung in der Bedeutung Lungenbelüftung. Die Ventilation ermöglicht den Gasaustausch in den Lungenbläschen (Respiration, Atmung im zweiten Wortsinne), indem sie den Sauerstoffpartialdruck hoch und den Kohlenstoffdioxidpartialdruck niedrig hält, sodass Sauerstoff ins Blut übertreten und CO₂ abgeatmet werden kann. Die Ventilation ist keine Leistung der Lunge selbst (die Säugetierlunge besitzt keine Muskulatur), sondern des Zwerchfells und der Zwischenrippenmuskeln, die – vom Gehirn über Nerven gesteuert – das im Brustkorb zur Verfügung stehende Volumen periodisch vergrößern und verkleinern. Die zur Ventilation notwendigen Strukturen werden zusammenfassend als Atempumpe bezeichnet

  4. @3: Maturana (und ich folge ihm da) ist viel radikaler:
    Die Struktur des Organismus ist (!) die verkörperte Erkenntnis der Lebenswelt des Organismus. Das ist ein radikal anderes Verständnis von Erkenntnis, als dies umgangssprachlich der Fall ist.

  5. „verkörperte Erkenntnis der Lebenswelt“

    somatisch ist das recht einfach zu beobachten:
    Körper spiegeln ihre Lebenswelt, autonom und nicht trivial, daher sehr unterschiedlich ..
    Zivilisationskrankheiten, Bodybuilding, Marathon ..

    Dies zeigt sich auch in der Psyche und im Sozialen, wobei die beobachtenden „Instrumente/Techniken“ nicht so ausgereift sind wie im Phänomembereich Soma .

  6. @“Erkenntnis ist daher notwendigerweise eine Spiegelung der Ontogenese des Erkennenden“
    Ontogenese beinhaltet, dass das System diese Erkenntnisse erst aus seiner Umwelt erhält. Das System hat diese Erkenntnisse nicht von Anfang an, sondern lernt, erwirbt und trainiert sie im Lauf seines Lebens. Das System ist also nicht Erkenntnis, sondern hat diese von außen erhalten und sich daran angepasst, d. h., es hat sein genetisches Potenzial umweltgerecht aktualisiert.

  7. @6: Nein. Es hat die Erkenntnis nicht (!) von aussen bekommen, sondern es hat sich in der Interaktion mit der Umwelt (autonom, d.h. seiner je aktuellen Struktur entsprechend) (weiter-)entwickelt. Das nennt man dann Lernen. Aber da ist nichts von draussen nach drinnen gelangt…

  8. @7: „nicht (!)von aussen bekommen, sondern es hat sich in der Interaktion mit der Umwelt“ entwickelt
    Doch ohne Umwelt wäre es eingegangen – gerade wegen seiner Autonomie bzw. notgedrungenen Autarkie. Falls es bei der Geburt nicht genügend Ressourcen zum Überleben mitbekommen hat, ist es auf die behütende und versorgende Aktivität seiner Umwelt angewiesen.
    Hätten Sie als Vater ihre Kinder ihrer autonomen, d. h., ihrer je aktuellen Struktur entsprechend, Weiterentwicklung überlassen, wäre diese Interaktion/Pertubation/Nutrition völlig die alleinige Aufgabe ihrer Frau gewesen.
    Ihre Modellbeschreibung scheint sich auf niedere Lebewesen und schlichte Systeme zu beziehen. Ich beziehe sie immer auf den Menschen und die menschlichen Sozialsysteme.

  9. @8: Da sollten Sie sich erinnern, was mehrfach betont wurde: Die Überlebenseinheit ist immer (!) die Einheit aus einem autopoietischen System und seinen relevanten Umwelten.

    Mir scheint: Sie meinen auch nichts anderes…

  10. Sehen die Fledermausmädchen nicht hübsch aus, wenn sie sich die Haare färben, kurze Röcke tragen und mich beim nächtlichen Surfen vom rechten Weg ablenken wollen? Oder ist es bloß die Maus, die ich zu schnell von unten nach oben bewege, so schnell, dass der Pfeil volle Kanne gegen den Bildschirmrand pfeffert, fix wieder runter mit der Maus, Anlauf nehmen, erneut mit Karacho gegen den Bildrand, wieder und wieder und wieder, fünf Stunden lang, dann kriegt der Pfeil zwar furchtbare Kopfschmerzen, aber sein Schreien höre ich nicht. Pfeile schreien im Ultraschallbereich, daher bringe ich sie mit ihren Fledermäusen in Zusammenhang, die können den Pfeil zwar nicht sehen, ihn aber weiträumig umfliegen. Das Wunderbare ist: Es funktioniert auch andersherum. Sind also Fledermäuse im Zimmer, muss ich bloß den Pfeil zum Schreien bringen, dann kann dem Bildschirm nichts passieren.

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