23.5 Die Menge der anatomischen Strukturen und physiologischen Muster, die sich im Laufe der Geschichte eines Organismus entwickeln, bilden das Wissen und die Erkenntnis des Organismus über seine eigene Physis, seine ökologische Nische (=physische Umwelt) und die Wechselbeziehungen zwischen beiden.

Anatomische Strukturen und biochemische Funktionsmuster eines Organismus sind – implizit –  Erkenntnisse (=Know how) über die ökologische Nische, in der dieser Organismus lebt, weil sie ein Verhalten zur Folge haben, das mit dem Überleben des Organismus in gerade dieser (vielleicht auch anderer, das ist nicht ausgeschlossen) ökologischen Nische vereinbar ist. Die biologische Evolution unterschiedlicher Organismen kann daher als ein „Lernprozess“ betrachtet werden, der zu unterschieldichen Erkenntnissen geführt hat, d.h. zur Entwicklung unterschiedlicher Organismen (=Ekrenntnis). Diese verkörperten Strukturen der Erkenntnis sind viabel, d.h. sie passen zur jeweiligen Lebenswelt, was aber nicht heißt, dass sie diese Welt im Sinne einer Landkarte abbilden oder gar bewußt sein müssten.

 

Literatur:

„Ein kognitives System ist ein System, dessen Organisation einen Interaktionsbereich definiert, in dem es zum Zweck der Selbsterhaltung handeln kann. Der Prozess der Kognition ist das tatsächliche (induktive) Handeln oder Verhalten in diesem Bereich. Lebende Systeme
sind kognitive Systeme, und Leben als Prozess ist ein Prozess der Kognition. Diese Aussage gilt für alle Organismen, ob diese ein Nervensystem besitzen oder nicht.“

Maturana, Humberto, Francisco Varela (1970): Biologie der Erkenntnis. In: Maturana, Humberto (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 39.

„Der Beobachter kann feststellen, daß eine gegebene Veränderung in der Struktur des Nervensystems als Ergebnis einer gegebenen Interaktion des Organismus entsteht, und er kann diese Veränderung als eine Repräsenttion der Umstände dieser Interaktion auffassen. Diese Repräsentation existiert jedoch als ein Phänomen ausschließlich im Bereich der Beobachtung und hat Gültigkeit nur für den Bereich, den der Beobachter erzeugt, indem er die Umwelt auf das Verhalten des Organismus abbildet und diesen dabei als ein allopoietisches System behandelt. Die Strukturveränderung des Nervensystems bildet eine Veränderung des Bereichs seiner möglichen Zustände unter Bedingungen, in die die Repräsentation der verursachenden Umstände nicht als Bestandteil eingeht.“

Maturana, Humberto, Francisco Varela (1975): Autopoietische Systeme: eine Bestimmung der lebendigen Organisation. In: Maturana, Humberto (1982): Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig (Vieweg), S. 233.

Unsere Betrachtung des stammesgeschichtlichen Werdens der Organismen erfolgt unter dem Gesichtspunkt, daß jeder erfolgreiche Schritt der Anpassung einem Zuwachs an Information übe rjedes Milieu entspricht, das für sie von Bedeutung ist. Wir beschreiben die Evolution als eine erkenntnisgewinnenden Prozeß. Dabei wird »Erkenntnis« nicht als philosophischer Fachausdruck verstanden, sondern in all dem allgemeinen Sinne, als lebende Systeme durch ihr allmähliches Entsprechen dieser Welt Gesetzlichkeiten extrahieren; wie etwas unser Auge die Gesetze der Optik wiedergebildet hat. Durch diesen biologischen Standpunkt wird der Erforschung des Erkenntnis-Phänomens jene Einschränkung genommen, die der philosophieschen Untersuchung anhaftet. Es wird aus der Beschränkung auf die rationale Vernunft gelöst und zu einem Gegenstand der Evolution selbst.“

Riedl, Rupert (1980): Biologie der Erkenntnis. Die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft. Berlin (Paul Parey), S. 7.




8 Gedanken zu „23.5 Die Menge der anatomischen Strukturen und physiologischen Muster, die sich im Laufe der Geschichte eines Organismus entwickeln, bilden das Wissen und die Erkenntnis des Organismus über seine eigene Physis, seine ökologische Nische (=physische Umwelt) und die Wechselbeziehungen zwischen beiden.“

  1. Was ist wenn sich innerhalb der Aussengrenzen eines Systems autonome Zellen bilden, die vom Immunsystem nicht als solche erkannt werden ?

  2. @1: Innerhalb der Außengrenzen = innerhalb der Grenzen des Systems?

    Wenn sich die Frage auf den Organismus bezieht, kann solch ein Zellhaufen wohl nur als eine Umwelt (auch wenn sich das jetzt komisch anhört) betrachtet werden, die, da nicht als fremd erkannt, nicht bemerkt/nicht beobachtet wird. Für den Organismus fällt er in den blinden Fleck, d.h. er macht keinen Unterschied.

  3. @“Durch diesen biologischen Standpunkt wird der Erforschung des Erkenntnis-Phänomens jene Einschränkung genommen, die der philosophischen Untersuchung anhaftet. Es wird aus der Beschränkung auf die rationale Vernunft gelöst und zu einem Gegenstand der Evolution selbst.“

    Danke für diesen Satz! Die biologische Evolutionslehre hat die philosophische Erkenntnislehre vom Kopf auf die Füße gestellt, wie Marx formulierte, der als Darwin der Soziologie und Ökonomie forschte. Marx nannte das die materialistische Sichtweise. Das materielle Sein geht dem Bewusstsein voraus und bestimmt es. Gleichwohl gibt es Wechselwirkungen, Rückkopplungen und Interferenzen – eben Dialektik, wie es Marx in der Tradition von Hegel nannte.
    Ich glaube, Marx und die Systemiker sind nicht weit auseinander.

  4. @2
    autonome Zellen, autonome Zellverbände so etwas wie Tarnkappen-Bomber
    oder
    dem System so ähnlich, dass sie nicht als Umwelt erkannt werden sondern als Selbst „durchgehen“ ..
    oder
    „kein Schwein interessiert sich für sie“..

  5. der „blinde Fleck“ als anatomische bedingte und definierte lokal begrenzte sensorische Blindheit des Auges ist nur bei einäugigem Sehen als blinder Fleck relevant ..
    wird beidäugig geschaut wird er vom Seheindruck des anderen Auges sensorisch überlagert ..

    ein „einäugiges“ Immunsystem, auch eine Idee ..

  6. Hoch über dem Misthaufen draußen, dem Thron aller Hähne, standen ewig funkelnde Sterne, Welten und Welträtsel. In den Eiern regte sich leise neues Leben, Welten und Welträtsel im Kleinen, den Sternen und allem Ewigen verwandt.
    „Das mit den Eiern ist natürlich Unsinn,“ sagte Arminius Silberbein, „das Welträtsel beginnt, wo das Selbstbewußtsein beginnt, also beginnt es beim Hahn, wenn er auf dem Misthaufen steht und kräht.
    Aber es kam eine neue Zeit und warf mich vom Misthaufen herunter.
    Es gibt also noch größere Welträtsel als den Misthaufen und mich selbst. Die Federn plustern sich, wenn man nur daran denkt! Welträtsel gibt es, hörst du […], Welträtsel.“
    […]
    Aber das Huhn schlief und brütete.
    „Ach, was hab‘ ich zu tun – ach,ach,ach, was hab‘ ich zu tun,“ gackerte es leise im Schlaf.

    „Die Frauen denken doch nicht,“ sagte Arminius Silberbein beruhigt, „sie sitzen bloß auf den Eiern und brüten. Aber es gibt trotzdem Welträtsel. Ich werde mich morgen wieder auf den Misthaufen stellen und sie ergründen -alle, alle Welträtsel!“ schrie er.

    Kyber, M.
    Ges. Tiergeschichten,
    Hesse&Becker, Leipzig
    ca.1922-1930
    (a.a.O.)
    S.192

  7. und wenn etwas Neues entsteht, z.B. Zellen, die sich in den Zellverband nicht einfügen sondern autonom agieren, dann gibt es etwas zu lernen …

    und zu beobachten, dass da etwas Neues ist …

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