24. Kopplung Organismus / psychisches System

Die Frage nach dem Verhältnis von Leib und Seele – systemtheoretisch abweichend von der alteuropäischen Tradition des Gebrauchs dieser Begriffe synonym für das Verhältnis von Organismus und Bewußtsein –  beschäftigt Philosophen und Denker aller Art seit Jahrtausenden. Wenn hier eine Trennung zwischen beidem vorgeschlagen wird, dann nicht, um einen Dualismus zu implizieren, sondern – beobachterzentriert – ohne Rücksicht auf irgendwelche ontologische Überlegungen, von den unterschiedlichen Möglichkeiten der Beobachtung auszugehen, d.h. sie als getrennte Phänomenbereiche zu behandeln, die miteinander gekoppelt sind.

Der Organismus ist in seiner Materialität vielen unterschiedlichen Beobachtern zugänglich, so dass Aussagen über dessen Beobachtung „objektiviert“  (verstanden als die – wie immer zeitlich befristete und provisorische – Übereinstimmung über Methoden und Ergebnisse des Beobachtens) werden können. Das psychische System, d.h. das Bewußtsein eines Menschen, ist hingegen nur für einen einzigen Beobachter direkt beobachtbar, so dass es keine Objektivierung (im o.g. Sinn) über deren Strukturen, Prozesse und Zustände geben kann.

Beide Phänomenbereiche getrennt zu betrachten und ihre Beziehung zu analysieren, erscheint daher aus der Perspektive des Beobachtens ein pragmatisch nützlicher Schritt, der zwar nicht das philosophische Leib-Seele-Problem löst, aber doch einen Weg eröffnen kann, um daraus Handlungsanweisungen und Strategien für die Praxis (z.B. in der Psychosomatischen Medizin oder der Psychiatrie) ableiten und/oder reflektieren kann.

 

Literatur:

„Das Thema »Bewußtsein« macht das Leib-Seele-Problem praktisch unlösbar. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass die aktuellen Diskussionen über das Problem ihm so wenig Aufmerksamkeit schenken oder es offensichtlich falsch verstehen Die letzte Welle reduktionistischer Euphorie hat einige Analysen psychischer Phänomene und psychologischer Begriffe hervorgebracht, die dazu bestimmt sind, die Möglichkeit irgendeiner Spielart von Materialismus, psychophysischer Identifikation oder Reduktion zu erklären. Aber die behandelten Probleme sind solche, die dieser und anderen Arten von Reduktion gemeinsam sind; was aber das Leib-Seele-Problem einzigartig macht und von anderen Reduktionsproblemen, wie z.B. von den Reduktionen von Wasser/H2O oder Turingmaschine/IBM-Maschine doer Blitz/elektrische Entladung oder Gen/DNS oder Eiche/Kohlenwasserstoff unterscheidet, wird außer Acht gelassen.

Jeder Reduktionist hat seine Lieblingsanalogie aus der modernen Wissenschaft. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass irgeneines dieser mit dem Leib-Seele-Problem nicht verwandten Beispiele erfolgreicher Reduktion die Beziehung zwischen Psyche und Gehirn erhellen wird.“

Nagel, Thomas (1974): What Is It Like to Be a Bat?/ Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? (Englisch/Deutsch) Stuttgart (Reclam) S. 7.