24.3.3 Körperliche Ereignisse/Prozesse und psychische Ereignisse/Prozesse können sich relativ fest vs. relativ lose koppeln.

Unter vielen Hirnforschern ist die Ansicht verbreitet, dass alle Bewußtseinprozesse durch Aktivitäten des Gehirms determiniert sind (=fest gekoppelt). An die Untersuchungen von Benjamin Libet, der experimentell gezeigt hat, dass sich im Gehirn von Versuchspersonen schon Millisekunden bevor die betreffende Person bewußt den Beschluß fasst, eine muskuläre Aktion zu vollziehen, eine Aktivierung der diese Aktion auslösenden Hirnareale zeigt. Das Bewußtsein hinkt, so die Folgerung, in seiner eigenen – und vermeintlich autonomen – Aktivität der Aktivierung des Gehirns hinterher. Offenbar ist es aber möglich, dieses durch den Organismus initiierte Handeln zu stoppen, d.h. bewusst zu  entschieden, die Handlung nicht zu vollziehen bzw. gezielt abzubreichen (=lose Kopplung).

 

Literatur:

„Unsere Experimentalfrage war: Geht der bewusste Wille der Aktion es Gehirns voraus oder folgt er ihr nach? Die Prüfung dieser Frage verlangte nur, dass der Zeitpunkt der Handlung der Versuchsperson frei anheim gestellt war. Die Art der Handlung hatte für diese Frage keine Bedeutung.“ (S. 167)

[…]

„Welche Antwort erhielten wir also auf unsere ursprüngliche Frage bezügllich der relativen Zeiten für den Beginn der Gehirnaktivität (BP) gegenüber dem bewussten Handlungswillen? Die eindeutige Antwort war: Das Gehirn leitet zuerst den Willensprozess ein. Die Versuchsperson wird sichc später des Drangs oder Wunsches (W) zu handeln bewusst, und zwar ungefähr 350 bis 400 ms nach dem Beginn des gemessenen BP, das vom Gehirn erzeugt wird. Das galt für jede der vierzig Versuchsreihen bei jeder der neun Versuchspersonen.“ (S. 173)

[…]

„Wenn wir unsere Ergebnisse auf andere Willenshandlungen extrapolieren, leitet der bewusste Wille unsere freie Willenshandlungen nicht ein. Stattdessen kann er das Ergebnis oder den tatsächlichen Vollzug der Handlung steuern. Er kann der Handlung gestatten, sich zu vollenden, oder er kann sie unterdrücken, so dass keine Handlung stattfndet. Wenn er dem Willensprozess gestattet, sich in Richtung auf das Hervorbringen einer motorischen Handlung zu vollenden, dann könnte darin auch eine aktive Role für den bewussten Willen liegen. Der bewusste Wille könnte das Forstchreiten des Willensprozesses zur Handlung ermöglichen; er wäre dann nicht bloß ein passiver Beobachter.“ (S. 178)

Libet, Benjamin (2004): Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Frankfurt (Suhrkamp) 2005, S. 167.

 

 

 

 




Ein Gedanke zu „24.3.3 Körperliche Ereignisse/Prozesse und psychische Ereignisse/Prozesse können sich relativ fest vs. relativ lose koppeln.“

  1. Wikipedia schreibt dazu:
    „Libet selbst war ein Verfechter des freien Willens, dem er jedoch nur eine Vetofunktion zubilligte. Darunter verstand er die Möglichkeit, aufgrund moralischer Erwägungen unbewusst aufkommende Handlungsimpulse zu unterdrücken. Er plädierte zudem für den Indeterminismus, den er als Voraussetzung des freien Willens betrachtete.
    Einzelne Stimmen meinen, dass Libets Experimente den freien Willen als Illusion entlarvten und Libet es nur nicht wage, die volle Konsequenz seiner Ergebnisse zu akzeptieren. Viele Philosophen weisen dagegen darauf hin, dass Libets Versuche weder zur Erforschung der Willensfreiheit konzipiert wurden, noch methodisch dazu geeignet sind. Libet selbst gestand ein, dass seine Position zur Willensfreiheit von persönlicher Überzeugung geprägt ist und über das hinausgeht, was sich wissenschaftlich durch seine Ergebnisse begründen lässt.“

    Aus theologischer Sicht dazu Dieter Hattrup: Freiheit als Schattenspiel von Zufall und Notwendigkeit. Himmlische Dialoge über Wissen und Nichtwissen, 2009.
    Klappentext: „Die Naturwissenschaft war der harte Kern der Neuzeit – sie war die große Quelle des Atheismus. Sie wäre es noch immer, wenn die Natur ganz aus Notwendigkeit bestünde. Das ist nicht der Fall, wie im 20. Jahrhundert klar geworden ist. Die Notwendigkeit regiert zusammen mit dem Zufall, der sich definitiv nicht ausschalten lässt. In der Biologie, in der Physik, in der Gehirnforschung, in der Astronomie, überall sind Zufall und Notwendigkeit gemeinsam am Werk – und in hartem Ringen, im Schatten der Geschichte, schaffen beide die Freiheit des Menschen, in welcher schließlich auch Gott sichtbar wird.
    In heiterem Ton, ohne einen Millimeter von den Tatsachen abzuweichen, vermittelt der Autor einen überraschend neuen Blick auf die heutzutage vieldiskutierte Freiheit des Menschen.“

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