24.4 Der menschliche Organismus beobachtet das Bewusstsein / die Psyche als eine relevante Umwelt.

Der Organismus reagiert auf das Erleben des Menschen. Das zeigt sich beispielhaft beim Betrachten von Horrorfilmen. Der Puls geht hoch, die Atmung wird schneller. Mag sein, dass schon der Organismus auf schreckerregende Bilder reagiert und das Bewusstsein erst danach reagiert. Aber anders ist die Situation einzuschätzen, wenn erst das Diskutieren einer Sachlage oder das Nachdenken darüber bei einem Individuum zu dem Bewusstsein einer Gefahr wird. Auch dann kann es – von einem Moment zum anderen – zu körperlichen Reaktionen auf die Gefahr bzw. die Bereitstellung von Ressourcen für Kampf oder Flucht kommen.

Ein anderer Aspekt der Beobachtung des Bewusstseins durch den Organismus zeigt sich, wenn automatisierte – unbewußte – Handlungsabläufe durch das Nachdenken darüber gestört werden. Sportler und Musiker, die auf das Funktionieren automatisierter motorischer Schemata angewiesen sind, können ein Lied davon singen – d.h. wenn sie beim Singen darüber nachdenken, wie sie singen sollten, werden sie schlechter singen…

 

Literatur:

„Das Spielen von Musikinstrumenten, wie etwa Klavier oder Geige, oder das Singen beinhalten notwendig ebenfalls einen ähnlichen unbewussten Vollzug von Handlungen. Pianisten spielen oft schnelle musikalische Läufe, bei denen die Finger beider Hände die Tasten in so schneller Folge anschlagen, dass man mit den Augen kaum folgen kann. aber nicht nur das, sondern jeder Finger muss auch die richtige Taste in jeder Folge treffen. Es wäre für einen Pianisten unmöglich, sich der Bewegung jedes Fingers bewusst zu werden, wenn es eine beträchtliche Verzögerung vor der Bewegung jedes Fingers gäbe. (…) Instrumentalisten und Sänger wissen, dass, wenn sie über die dargebotene Musik »nachdenken«, ihr Ausdruck gezwungen und gespreizt wird.“ (S. 143)

[…]

„Man könnte sogar hinzufügen, dass grosse Athleten im Allgemeinen diejenigen sind, die ihrem unbewussten Geist die Handlungskontrolle überlassen können, ohne dass der bewusste Geist interferiert. Athleten sagen, dass sie weniger erfolgreich sind, wenn sie an die unmittelbaren Reaktioen »zu denken« (sich ihrer bewusst zu werden) versuchen. Ich neige zu der Verallgemeinerung, dass das für alle kreativen Prozesse in Kunst, Wissenschaft und Mathematik gilt.“ (S. 146)

Libet, Benjamin (2004): Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Frankfurt (Suhrkamp) 2005.

 




10 Gedanken zu „24.4 Der menschliche Organismus beobachtet das Bewusstsein / die Psyche als eine relevante Umwelt.“

  1. 24.4 Der menschliche Organismus beobachtet das Bewusstsein/die Psyche als eine relevante Umwelt.

    Wie geht das?

    Kann ich mir da das isolierte Auge vorstellen, das sich nach innen dreht? Mein Meister Alfred (Yogalehrer) schrieb mir vor ein paar Tagen, dass er seinen Augenhintergrund beobachten kann und dass die blaue Blume in meinem Garten die Farbe seines Augenhintergrundes hätte.
    Ich sagte: Alfred, ich finde das wirklich super, aber ich habe jetzt eine Stunde lange probiert, mein Auge nach innen zu drehen und es fühlt sich etwas „gespannt“ an.

  2. Du könntest (musst aber nicht) eigentlich froh sein, dass es Menschen gibt, die darüber ernsthaft nachdenken, die diesen Blog beleben, die Deine Arbeiten zu verstehen versuchen, die da und dort eine kritische Stimme erheben. Was willst Du hier? Ja-Sager?

  3. Beobachten = Unterscheiden + Bezeichnen. Dazu muss man nicht das Auge nach innen drehen. Es reicht, wenn Du dir z.B. vor Angst in die Hose machst.

  4. Hauptsache, man merkt’s (noch) rechtzeitig, um den eigenen Schließmuskel soweit im Griff zu haben, sodaß man noch zum gegebenen Zeitpunkt und am richtigen Ort die Hosen runterlassen kann. (Was bei Neigungen zur Diarrhoe schwierig sein kann)

    https://www.google.com/search?q=aktionspotential&client=firefox-b&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0ahUKEwjG47DntorbAhXB2qQKHVBLDNsQiR4IywE&biw=1536&bih=760

    Die Funktionaliät von Schließmuskeln zum gegebenen Zeitpunkt dicht zu halten, finde ich einfach genial.

  5. Ich habe heute einen Jungvogel umgebracht.

    Ich entdeckte ein Nest in (!) unserer Holzterrasse und schob mein Mobiltelefon durch einen Schlitz der Terrassenbretter, um die Vögel „sehen“ zu können. In einem Moment der Unachtsamkeit fiel mit das Handy in das Nest (durch den Schlitz). Ich versuchte es dann mit zwei unscharfen Messern wieder senkrecht (durch den Schlitz) raufzuziehen, das gelang nicht. Dann versuchte ich mit einem der Messer (im Nest war es ruhig geworden) das Telefon an den „Rand“ zu schieben, stattdessen – „verschob“ ich ein Vögelchen. Es war sinnlos. Also blieb nur aufschrauben. So schraubte ich heute Vormittag die Terrasse auseinander, nur um dann die ganze Tragödie zu Gesicht zu bekommen. Zwischendurch kam der Muttervogel; ein Vögelchen regungslos, vier nach Mama japsend, auf ihnen mein Telefon. Was man nicht alles anrichten kann, in Momenten der Unachtsamkeit.

    Zu dem Sprichwort fällt mir in dem Zusammenhang auch dieses ein:

    Eine Auge auf jemanden werfen.

  6. @5: so könnte man das nennen.
    Steht zwar so nicht bei Luhmann, obwohl sich die Temporalisierung der Komplexität
    auch darunter – sprich im – en kairo – fassen ließe.

    Man findet es aber bei Heinz von Foerster.
    …u.a.auch in Zusammenhang mit „der Geist, der Körper und die Welt“.

    Rache genießt man am besten wohltemperiert
    😉

  7. @6: Hat es sich gelohnt? Als Preis der wissenschaftlichen Neugier?

    „5. Was läßt sich über die Geisteswissenschaften sagen?
    Im Englischen kennt man die Unterscheidung zwischen „Natur-“ und „Geisteswissenschaften“ nicht, Heinz von Foerster sondern spricht statt dessen von „hard -“ und „soft sciences“. Heinz von Foerster wagt eine Vermutung: „Die ‚hard sciences‘ sind erfolgreich, weil sie sich mit den ’soft problems‘ beschäftigen; die ’soft sciences‘ haben zu kämpfen, denn sie haben es mit den ‚hard problems‘ zu tun.“ (Heinz von Foerster, KybernEthik, S. 161) Deshalb schlägt er vor, das in den Naturwissenschaften erworbene Fachwissen zur Diskussion dieser harten Probleme einzusetzen. Die Kybernetik ist für ihn die Theorie, die die notwendige Verknüpfung herstellt. „Kybernetik“ steht hier für ein Begriffsnetz aus „Regelung“, „Entropieverzögerung“ und „Rechnen“.
    Was bedeuten diese Begriffe?“

    https://userpages.uni-koblenz.de/~odsjgroe/konstruktivismus/wissen.htm

    „Für eine getroffene Entscheidung kann man aber nur mit seiner Person einstehen. Wir haben zwar die Freiheit der Wahl, tragen damit aber auch die ganze Verantwortung für unsere Entscheidung. (Vgl. die Seite „Ethik“.)“

  8. Der Torwart von Eintracht Frankfurt hielt im Spiel gegen Bayern München noch besser als sonst während der 20 Minuten, in der er bloß mit einem Auge sehen konnte, weil seine Kontaktlinse verrutscht war. Er war also halbblind und reagierte schneller als sehenden Auges. Vielleicht war er weniger denken (visuelle Informationen verarbeiten) musste, sondern intuitiv (blind) handelte.

  9. KORREKTUR:
    Der Torwart von Eintracht Frankfurt hielt im Spiel gegen Bayern München noch besser als sonst, und zwar während der 20 Minuten, in der er bloß mit einem Auge sehen konnte, weil seine Kontaktlinse verrutscht war. Er war also halbblind und reagierte schneller als sehenden Auges. Vielleicht weil er weniger denken (visuelle Informationen verarbeiten) musste, sondern intuitiv (blind) handelte.

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