24.4.1 Psychische Ereignisse/Prozesse irritieren den Körper, was der Organismus als physiologisches Ereignis/Prozess (1. Unterscheiden) markiert und was wiederum andere physiologische Ereignisse/ Prozesse (2. Unterscheiden) zur Folge hat.

Das wahrscheinlich in neuerer Zeit älteste und populärste psychosomatische Konzept ist das des Stress. Charakteristische Erlebnisse, Emotionen, Gedanken erzeugen bei einem Individuum subjektiv die Selbstbeschreibung, in einer von der Normalität abweichenden, spezielle Anforderungen stellenden oder gar als Notfall bewerteten, kritischen Situation zu stecken. Diese Einschätzung mag aus der Perspektive eines außenstehenden Beobachters berechtigt sein oder nicht, das ist egal, entscheidend ist die individuelle Bedeutungsgebung/Bewertung. Diese Bewertung kann bewusst oder unbewusst erfolgen. Solche „stressenden“ Situationen sind dem Bewusstsein zugänglich, und sie sind mit charakteristischen, stereotypen Reaktionsmustern des Organismus gekoppelt. Das aus der Perspektive der Kopplung beider Systemtypen – Organismus und Psyche – interessante ist, dass eine Vielfalt höchst unterschiedlicher psychischer Ereignisse (die ihrerseits meist mit sozialen Ereignissen/Kommunikation gekoppelt sind) mit nur wenigen, wenn auch komplexen Mustern körperlichen Operierens gekoppelt sind. Die Unterscheidungsfähigkeit des Organismus ist in dieser Beziehung weit geringer als die des Bewusstseins.

Ein weiterer Aspekt dieser Entdifferenzierung ist, dass viele unterschiedliche, aufeinanderfolgende „stressenden“ Situationen neben der Akutreaktion des Organismus in der Folge zu charakteristischen körperlichen Veränderungen führen können, d.h. dass der Stress vom Körper de facto als chronifiziert beobachtet wird.

 

Literatur:

„Selye (1981) definiert Streß in einem sehr weiten Sinne: »Streß ist die unspezifische Reaktion des Körpers auf irgendeine Anforderung.« Er räumt zwar ein, daß die genannten Anforderungen spezifisch sind, »alle diese Anforderungen jedoch haben eines gemeinsam, sie erhöhen die Notwendigkeit für eine Wiederanpassung (readjustment), für die Leistung adaptiver Funktionen, die Normalität wierder herstellen.« Er unterscheidet weiter zwischen »Eustreß« und »Distreß«, zwischen angenehmen oder heilsamem Streß und solchem, der unangenehm ist und zur Krankheit führen kann. Als Konsequenz der Allgemeinheit dieser Definition folgert er, »Streß ist nicht etwas, das vermieden werden muß. Tatsächlich kann er per definitionem nicht vermieden werden. … Komplette Freiheit von Streß ist Tod.«

[…]

Die relative Verwirrung im Hinblick auf das, was durch den Begriff Streß bezeichnet wird, rührt möglicherweise daher, daß mit diesem Begriff weider die belastende Bedingung noch die Antwort eines Organismus darauf jeweils allein bzw. isoliert bezeichnet wird, sondern Streß den Aspekt der Beziehung zwischen beiden bezeichnet, er bezeichnet die Einheit zwischen Organismus und Umgebung in einer Situation bzw. als Situation, insofern als die Umgebung für den Organismus bedeutsam ist.

[…]

Wie bereits oben daragestellt, faßt Selye den Streßbegriff sehr weit, so daß Streß fast alle Lebensprozesse begleitet. Obwohl er unter Streß einerseits die Reaktion des Orgnismus auf irgendwelche Anforderungen versteht, spricht er dennoch von Streßreaktionen, die auf die Anforderungen hin entweder lokal (LAS – lokales Adaptations-Syndrom) oder generell (GAS – generelles Adaptations-Syndrom) erfolgen. Für den vorliegenden Zusammenhang ist hauptsächlich das GAS von Bedeutung. Es besteht aus mehreren Phasen:

– Alarmreaktion

– Widerstandsphase

– Phase der Erschöpfung

Die Alamreaktion tritt auf, wenn der Organismus mit irgendwelche Umständen konfrontiert wird, an die er nicht »angepaßt« (adaptiert) ist. Die Reaktion beginnt mit der Schockphase, der ersten unmittelbaren Reaktion auf die belastende Bedingung. Es kommt zu körperlichen Reaktionen wie Tachykardie, verringertem Muskeltonus und Blutdruck sowie einem Abfall der Körpertemperatur. In der Gegenschockphase kommt es zur Gegenregulation gegen diese körperlichen Reaktionen. Die Sekretion von Nebennierenhormonen wird verstärkt.

In der Widerstandsphase kommt es zur Anpassung an die belastende Bedingung und zu einem Verschwinden der Symptome. Jedoch ist der Widerstand gegen andere Belastungen verringert. Dauer die Belastung jedoch zu lange oder ist sie zu stark, so kommt es zur Erschöpfung. Auch ist der direkte Übergang von Alarmreaktion in die Phase der Erschöpfung möglich.“

Schonecke, Othmar W., Jörg Michael Herrmann (1990): Psychophysiologie. In: Uexküll, Thure v. (1990): Psychosomatische Medizin. München (Urban & Schwarzenberg) 4. überarb. Aufl., S. 148f.

[zit. Literatur: Selye, H. (1981): The stress concept today. In Kutash, I. L., L. B. Schlesinger et al. (ed) (1981): Handbook on Stress and Anxiety. San Francisco (Jossey Bass)]




Ein Gedanke zu „24.4.1 Psychische Ereignisse/Prozesse irritieren den Körper, was der Organismus als physiologisches Ereignis/Prozess (1. Unterscheiden) markiert und was wiederum andere physiologische Ereignisse/ Prozesse (2. Unterscheiden) zur Folge hat.“

  1. Chirurgen haben einen Berufen mit erhöhtem Stress-Level. Deshalb warnen die Chirurgen in Deutschland vor Nachwuchsmangel. Gerade auf dem Land kommt auf 100 freiwillige Feuerwehrmänner gerade mal ein Gehirnchirurg. Auch davon nur jeder zweite mit Universitätsabschluss. Die wenigen echten Chirurgen reißen sich beim Amputieren vor lauter Stress ein Bein aus.

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