24.5 Die Kopplung zwischen Organismus und Bewusstsein bedarf keines Mediums (= korrelierte – möglicherweise miteinander identifizierbare – Prozesse mit unterschiedlichen Erscheinungsformen in unterschiedlichen Phänomenbereichen).

Die übliche Metapher, um diese Kopplungs-Beziehung – ohne Vermittlung eines Mediums – zu charakterisieren, ist die der zwei Seiten derselben Medaille. Selbst wenn man diese Metapher für sinnvoll halten sollte (was nicht so ohne Weiteres selbstverständlich ist, weil es eine 1:1-Relation zwischen den Prozessen in beiden Bereichen impliziert) ist deutlich, dass es sich um zwei klar getrennte Phänomenbereiche handelt, die einer jeweils anderen Funktionslogik folgen. Auch wenn, beispielsweise, im Funktionieren des Nervensystem bestimmte Aspekte der zweiwertigen Logik impliziert sein mögen, wie es McCulloch und Pitts (1944) dargelegt haben (s. oben), so heißt das ja nicht, dass das Bewusstsein eines konkreten Menschn gezwungen wäre, logisch zu denken. Allerdings müssen System und Umwelt – unabhänging davon ob nun Bewusstsein oder Organismus als System oder Umwelt definiert wird – in ihren Funktionsweisen zueinander „passen“, d.h. die jeweils strukturdeterminierten Reaktionen von System und Umwelt müssen beiden ein Funktionieren erlauben, das die Autopoiese fortsetzt.

Unabhängig davon stellt sich die Frage, welche Seite der Medaille die andere wann und wie beeinflusst. So zeigen die empirischen Untersuchungen von Benjamin Libet, das manche bewusste Entscheiddungen zu handeln, bereits ihre Vorbereitung einige Millisekunden vor dieser bewussten Entscheidung in der Aktivierung der für die Operation der betreffenden Muskeln nötigen neuronalen Enheiten finden (Bereitschaftspotenzial/BP). Das ist ein Argument dafür, dass das Bewusstsein lediglich der Physiologie folgt. Allerdings, das zeigt sich ebenfalls in den Experimenten von Libet, kann das Bewusstsein sich auch entscheiden, diese Handlungen nicht zu vollziehen oder nicht zu vollenden. Dies ist wiederum ein Argument dafür, dass die Physiologie dem Bewusstsein folgt…

Die Merkmale des Prozesses, wie Bewusstsein und Organismus gekoppelt sind – Kommunikation ohne Medium scheint scher vorstellbar -, bleiben im Dunkeln. Aber wahrscheinlich reicht es ja, wenn die Muster der Kopplung beschrieben werden. Wie sie zustande kommen, ist aus pragmatischer Sicht zweitrangig.

 

Literatur:

Die Steuerungsfunktion des bewussten Willen

Die Existenz der Veto-Möglichkeit steht außer Zweifel. Die Versuchspersonen, die an unseren Experimenten teilgenommen haben, berichten manchmal, dass ein bewusstenrHandlungswunsch oder -drang auftauchte, dass sie ihn aber unterdrückten  oder verboten. Bei Abwesenheit dess elektrischen Signals vom aktivierten Muskel  gab eis keinen Auslöser für die computergestützte Aufzeichnung eines BP, das dem Veto vorausgegangen sein können. Es gab also keine gemessenen BP’s mit einer Handlungsabsicht, die spontan unterdrückt wurde. Wir konnten jedoch zeigen, dass die Versuchspersonen eine Handlung unterdrücken konnten, deren Vollzug zu einer im Voraus festgesetzten Zeit geplant war.“

Libet, Benjanin (2004): Mind Time. Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Frankfurt (Suhrkamp) 2005, S. 181f.

„Aber Ulrich verfuhr kurz, indem er den Arm um ihre Schulterlegte und sie küßte. Gerda gab nach wie eine weiche Kerze. Ihr Atem, ihre Finger, die nach ihm griffen, waren die von Bewußtlosen. In diesem Augenblick kam die Grausamkeit des Verführers über ihn, der sich unwiderstehlich von der Unentschlossenheit einer Seele angezogen fühlt, die von ihrem eigenen Körper mitgeschleift wird wie ein Gefangener in der Armen seiner Häscher.“

Musil, Robert (1930 – 1933): Der Mann ohne Eigenschaften. Hamburg (Rowohlt) S. 618.

 




14 Gedanken zu „24.5 Die Kopplung zwischen Organismus und Bewusstsein bedarf keines Mediums (= korrelierte – möglicherweise miteinander identifizierbare – Prozesse mit unterschiedlichen Erscheinungsformen in unterschiedlichen Phänomenbereichen).“

  1. @“so heißt das ja nicht, dass das Bewusstsein eines konkreten Menschen gezwungen wäre, logisch zu denken“
    Eigentlich schade. Aber warum eigentlich nicht? Folgen die „unlogischen“ Denkvorgänge nicht ebenfalls einer bestimmten Logik? (Ich möchte hier nicht suggerieren, es gäbe eine „weibliche“ Logik.)

    @“Die Frage, wie die Kopplung zwischen Bewusstsein und Organismus funktioniert – Kommunikation ohne Medium scheint schwer vorstellbar –, bleibt im Dunkeln.“
    Besser für den Ausdruck „die Frage“: „der Vorgang“, „der Mechanismus“.

  2. Ulrichs Kuss (Medium zwischen Bewusstsein und Organismus) scheint die Steuerungsfunktion des bewussten Willens beeinträchtigt zu haben. Nun übernimmt der Körper die Regie und schleift die Seele einfach mit, selbst wenn es gegen deren eigenen Willen wäre.

    Ob Ihre Lektüre noch me-too-konform ist, wage ich zu bezweifeln.

  3. @3: Ja, das ist eigentlich eine gute Idee: der Kuss (=soziales System) als Medium zwischen Organismus und Psyche. Obwohl man ihn auch als Koppelung Organismus/Organismus betrachten könnte, und das, was dabei psychisch passiert als Nebenwirkung in der/den Umwelt/en …

  4. @4 „Koppelung Organismus/Organismus“

    Sie dachten an die körperliche Seite des Kusses, also die Koppelung zweier Münder;
    ich an die emotionale: die Koppelung der Lippennerven mit dem Liebesgefühl.

  5. „Koppelung“ klingt stärker nach einer Aktivität als „Kopplung“, was an „Kupplung“ erinnert, also an einen Gegenstand.

  6. Kopp(e)lung als Kommunikation im Sinne von communis, gemeinsam…

    und sind das nicht die besonderen Momente ?

  7. Nein, es bedarf keines Mediums zwischen Organismus und Bewusstsein – warum auch ?

    Es benötigt „ nur“ Kopplungsstrukturen, die Kommunikation ermöglichen…

    das Auge, z.B. lässt Licht bis auf die lichtsensible Netzhaut durch;
    dort werden mit der Energie des Lichts molekulare Prozesse ermöglicht, die elektrische Potentiale aufbauen, die vom Nervensystem „lesbar“ sind, transportabel sind, und Moleküle des Phänomenbereichs Organismus wiederum „perturbieren“ können.

    Die universelle Sprache aller 3 Phänomenbereiche, Soziales, Psyche und Organismus besteht aus reiner Energie, elektrischen Differenzen, die sich somatisch in Molekülstrukturen zeigt, im Sozialen als sensorischer In- /Output
    im Bewusstsein als elektrische Aktivität im EEG.

    Energie lässt unsere Moleküle „tanzen“ …

    Wenn sich am 21. Dezember die Sonne wendet ändert sich die Menge an Lichtenergie, die uns trifft …
    unser Organismus benötigt zunehmend weniger Kohlenhydrate, Plätzchen sind vor Weihnachten besonders lecker,
    mehr Licht reduziert die Menge unseres Schlafhormons Melatonin, wir werden langsam wieder wach, aufmerksam, beginnen Neues,
    wir verlassen wieder häufiger unsere Behausungen, sind sozial aktiver ..

  8. @“Es benötigt „ nur“ Kopplungsstrukturen, die Kommunikation ermöglichen… […] Die universelle Sprache aller 3 Phänomenbereiche, Soziales, Psyche und Organismus besteht aus reiner Energie, elektrischen Differenzen, die sich somatisch in Molekülstrukturen zeigt, im Sozialen als sensorischer In- /Output im Bewusstsein als elektrische Aktivität im EEG.“

    Kommunikation = Energie, Energiefluss, Energieübertragung, Energietransformation, Energiemanagement, Energiesystem

    Ist Energie Kommunikation oder das Medium der Kommunikation?

  9. ja, da stimme ich zu .., das ist zu allgemein formuliert ..

    es sind die Unterschiede, die sich im elektrischen Potential, Ladungszustand zeigen, die Kopplung, ermöglichen ., oder sogar unvermeidlich ermöglichen ..

  10. das Medium, das sich zur Beschreibung anbietet, ist die Mathematik von GSB ..

    und so erklärt sich, wieso, weshalb, warum lebende Systeme Energie von außen benötigen …

    so „emergieren“ immer wieder Unterschiede, die zur Koppelung bereit sind …

    *****
    vielleicht sollte diese Assoziation so reichen für diesen Satz ..,
    die Erwähnung und Würdigung der molekularen und atomaren Prozesse ..
    Koppelung ganz ohne Medium

  11. @“lebende Systeme Energie von außen benötigen … […] so „emergieren“ immer wieder Unterschiede, die zur Koppelung bereit sind“

    So „emergieren“ Kettenreaktionen innerhalb des lebenden Systems sowie Rückkopplungen zur Umwelt.

    Was bedeutet hier „emergieren“, wenn es sich um einfache bzw. normale Vorgänge handelt?

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